Prag

Spätes Debüt

Es war ein langer Umweg, auf dem Eli Beneš zum Autor geworden ist. Als Komponist für Fernsehmusik hat er gearbeitet und als Radiomoderator, zwischendurch wollte er auch einmal Rabbiner werden, aber dann hat er sich doch noch an den Schreibtisch gesetzt und seinen Roman geschrieben. Unmerklicher Verlust der Einsamkeit heißt er in seiner deutschen Übersetzung, erschienen 2025, das tschechische Original kam 2023 heraus. Eli Beneš hat damit auf Anhieb den renommiertesten tschechischen Literaturpreis gewonnen und ist zur jüdischen Stimme der zeitgenössischen Prager Schriftsteller geworden.

Jetzt sitzt er in einem Café im hippen Prager Stadtviertel Letná, ein paar Tische nur stehen in einem Innenhof, ausgeschenkt wird das Bier einer kleinen Prager Brauerei. »Ich gehe gern hierhin«, sagt Eli Beneš, er wohnt ein paar Straßenblöcke weiter.

50 Jahre alt ist er, und dass er erst vor ein paar Jahren mit dem Schreiben angefangen hat, liegt an einem Umbruch: »Ich habe viele Jahre lang eine selbst gegründete Musikzeitschrift herausgegeben, das Thema fasziniert mich einfach«, erzählt er. »Aber so eine Zeitschrift ist heutzutage einfach wie ein Relikt, das nicht mehr in die Zeit passt.«

Die Verkaufszahlen gingen immer weiter zurück, und er stampfte kurzerhand das Projekt ganz ein. »Und auf einmal hatte ich wieder Zeit.« 200 Seiten wollte er eigentlich schreiben, am Ende wurde es ein mehr als doppelt so langes Epos, das ihn ein paar Jahre Recherche gekostet hat und nur der Auftakt geworden ist zu einer Trilogie, an deren beiden Fortsetzungsbänden er noch arbeitet.

Die tschechische Literatur steht derzeit unter besonderer Beobachtung

Die tschechische Literatur steht derzeit unter besonderer Beobachtung: Bei der Frankfurter Buchmesse ist Tschechien das Gastland, mehr als 180 Titel sind aus diesem Anlass ins Deutsche übersetzt worden – Romane, Gedichtbände, Comics, Kinderbücher, auch Sachbücher sind dabei. »Tschechien, ein Land an der Küste« ist das Motto der Gastland-Präsentation, ein tatsächliches Zitat von Shakespeare, der mit der mitteleuropäischen Geografie offenkundig nicht ganz vertraut war, und gleichzeitig ein hintersinniger Hinweis auf die tschechische Ironie, die seit jeher auch die Literatur des Landes prägt.

Einen roten Leuchtturm werden die Tschechen mitten in ihrem 2500 Quadratmeter großen Messe-Pavillon aufbauen, rundherum entsteht eine Küstenlandschaft aus riesigen Felsen und mit einem Schiffscontainer, in dem symbolisch die tschechische Kultur auf Reisen geht.

Tschechische Literaten, auch jüdische, sind schon lange ein erfolgreiches Exportprodukt.

Und da gibt es einiges, was in den Container gepackt werden könnte: Tschechische Literaten sind schon lange ein erfolgreiches Exportprodukt – man denke an Milan Kundera, an Pavel Kohout oder natürlich auch an Václav Havel, der vor seiner Wahl zum ersten Nach-Wende-Präsidenten ein Schriftsteller und Dramatiker war und dessen Werke in großen Auflagen auch in Deutschland verkauft wurden. Es sind Schriftsteller aus der Zeit des Kommunismus, die über das Leben hinter dem Eisernen Vorhang berichteten, die Absurditäten des sozialistischen Alltags aufspießten und das Unrecht anprangerten.

Gleich mehrere Schriftsteller aus dieser Epoche waren Juden: Ivan Klíma etwa, Pavel Tigrid oder Ota Pavel zählten zu den profiliertesten Stimmen der tschechischen Literatur. Und natürlich Arnošt Lustig. »Ich kannte ihn nicht näher, aber der war jemand, der einem bei der jüdischen Gemeinde trotzdem auf die Schulter geklopft und laut gerufen hat: ›Grüß dich, alter Junge!‹«, sagt Eli Beneš.

Arnošt Lustig war so etwas wie der Doyen der jüdischen Schriftsteller: Selbst Holocaust-Überlebender, arbeitete er aus der Tschechoslowakei zunächst als Redakteur, er war Korrespondent in Israel – und flüchtete 1968 in die USA, nachdem die Reformbemühungen des Prager Frühlings brutal niedergeschlagen wurden. Nach 1990 kam er wieder zurück, in seinen Büchern und Filmen thematisierte er immer wieder den Holocaust.

In die fiktionale Geschichte hat Beneš Erfahrungen seines Großvaters eingearbeitet

Und Eli Beneš? Der nahm sich vor, nie über diese Phase der Geschichte zu schreiben. »Alles ist dazu schon gesagt, und ich will dieses Thema nicht ausbeuten«, beteuert er. Und als er dann an seinem ersten Roman saß, damals nach dem Ende seines eigenen Musikmagazins, stolperte er über eine andere historische Phase – die des »Danach«. Den Helden seines Romans Unmerklicher Verlust der Einsamkeit lässt er aus dem KZ zurückkommen nach Prag, er lässt ihn die Ablehnung der Prager spüren, die inzwischen in der Wohnung seiner Familie leben, er lässt ihn seine Freundin suchen und schließlich mit ihr nach Israel emigrieren.

»Ich mag einsame Helden«, sagt er dazu lakonisch. In der fiktionalen Geschichte hat er Erfahrungen seines eigenen Großvaters verwoben mit den Ergebnissen einer jahrelangen Archivrecherche, mit Gesprächen und Erinnerungen von Zeitzeugen. »Mir war es wichtig, dass der Umschlag des Buches typografisch gestaltet wird«, sagt er: kein verkaufsförderndes Foto, kein klischeehaftes Bild. Und möglichst dunkel sollte er sein.

Der Literaturpreis hat die Aufmerksamkeit in die Höhe katapultiert

1800 Exemplare ließ der Verlag in der ersten Auflage drucken – die sind mittlerweile zu Sammlerstücken geworden. »Ich selbst habe nur noch ein einziges«, sagt Eli Beneš und lacht: Der Literaturpreis hat die Aufmerksamkeit in die Höhe katapultiert, das in Tausenden Exemplaren nachgedruckte Buch und mit ihm das schmerzhafte Thema waren in Tschechien in aller Munde.

Seinen zweiten Roman hat er zu einem zeitgenössischen Thema geschrieben: Es geht darin um Künstliche Intelligenz und wieder um einen einsamen Helden, den er diesmal auf eine KI treffen lässt. Im Mittelpunkt steht die Wirkung dieser Technologie auf die Gesellschaft, aber auch auf die Individuen.

Zurzeit schreibt er am zweiten Teil einer geplanten Trilogie.

Eine Art Zwischenstopp war das Buch für ihn – und ein Befreiungsschlag. Der Literaturkritik wollte er damit zeigen, dass er nicht nur die historischen Stoffe beherrscht. »Gerade liege ich für das nächste Buch in den letzten Zügen«, sagt er: Er kehrt wieder zurück in die Vergangenheit, schreibt den zweiten Teil der geplanten Trilogie. Um die jüdische Brigade während des Zweiten Weltkriegs wird es darin gehen, und wie bei Balzac will er seine Helden aus dem ersten Buch mitnehmen durch die gesamte Trilogie; mal tauchen sie als Hauptfiguren auf, im nächsten Roman dann wiederum als Figuren am Rande der Handlung.

Als er anfing zu schreiben, war er bereits in der jüdischen Gemeinde aktiv

Als Eli Beneš anfing zu schreiben, war er schon längst in der jüdischen Gemeinde aktiv. »Am Anfang dachte ich, dass ich nie gläubig sein würde«, erzählt er, »und dann bin ich aus Neugier in die Synagoge gegangen, da muss ich so Mitte 20 gewesen sein.« Er merkte, dass es etwas in ihm berührte, er kam wieder, er ging zu den Feiertagen in die Synagoge – und blieb. »Der Glaube ist für mich zur Selbstverständlichkeit geworden«, sagt er – so sehr, dass er eine Weile lang überlegte, ob er nicht Rabbiner werden sollte.

Und dann erzählt Eli Beneš noch von seinem ersten Kontakt mit der jüdischen Literatur. Er sitzt in dem Prager Café, um ihn herum in dem Innenhof ist es inzwischen dunkel geworden. Und in der Erinnerung taucht er wieder ein in seine Gymnasialzeit. Mit den deutschsprachigen jüdischen Schriftstellern aus dem Prag der Vorkriegszeit befasste er sich damals. »Ich habe Gustav Meyrink gelesen und Paul Leppin, und ich war fasziniert von diesem dekadenten, romantischen Stil. Ab dem Moment wollte ich auch Bücher schreiben«, sagt er.

Und natürlich stieß er auf Franz Kafka. Zu dem sei er in der Bibliothek aus Versehen gekommen, erinnert er sich. »Auf einem Band mit Kafkas Erzählungen stand im Klappentext, er zeige hier seine humoristische Seite. Damals habe ich gern Lustiges gelesen, also habe ich es mir gleich ausgeliehen.« Zum Lachen gab es für ihn dann zwar nichts beim Lesen – aber die Verbindung war hergestellt zwischen Franz Kafka, dem Prager Weltstar der Literatur, und Eli Beneš, der heute zur literarischen Stimme der Juden in Tschechien geworden ist.

Adania Shibli

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