Literatur

»Es gibt zwei Seiten«

Die israelische Schriftstellerin und Verlegerin Orna Landau

Frau Landau, was verpassen Menschen, die israelische Literatur boykottieren?
Einen vielschichtigen Blickwinkel von Autoren, die in einer stürmischen Epoche leben, sowohl in nationaler als auch in literarischer Hinsicht. Boykott bedeutet einen Verzicht auf Bücher, die sich mit dieser Zeit auseinandersetzen. Also darauf, zu sehen und zu verstehen, was geschieht. Die Realität ist nicht schwarz-weiß. Israelis können sich als Opfer des Massakers vom 7. Oktober 2023 fühlen und gleichzeitig Schuld und Sorge empfinden – sowohl, was unser Land betrifft, als auch die Menschen in Gaza. Die Entscheidung, Literatur nicht zu lesen, die sich damit beschäftigt, also eine Entscheidung für Nichtwissen, ist für mich unbegreiflich.

Auf der Frankfurter Buchmesse ist das Israeli Institute for Hebrew Literature in der Halle für Verlage aus Europa zu finden. Herrscht im Gegensatz zu den USA oder Großbritannien in Deutschland immer noch »business as usual«?
Heute gibt es nirgendwo »business as usual«, was Israel angeht, außer vielleicht im Fernen Osten. Israelische Verleger und Agenten treffen bei ihren Partnern in Europa häufig auf Empathie und Neugier, gerade jetzt, vor einer entscheidenden Wahl in Israel. Aber diese Neugier führt nicht dazu, dass Rechte erworben werden. Man hört immer wieder: »Wir können keine israelische Literatur kaufen, solange sich die Situation in Israel und in Gaza nicht ändert.«

Auch in Deutschland?
Mein Eindruck ist, ja. Andererseits spüre ich bei deutschen Verlagen eine deutliche Bereitschaft, israelische Agenten und Verleger auf der Buchmesse zu treffen. Ich kann mir daher noch kein Urteil erlauben.

Sie haben selbst ein Buch im Gepäck, das Sie auf Deutsch veröffentlichen möchten.
Mein Buch ist im Mai 2024 in Israel erschienen, mitten im Krieg, als in Gaza noch israelische Geiseln gefangen waren und die Zahl der getöteten Palästinenser noch nicht so hoch war wie heute. Der Roman heißt »Last Stop Paradise«. Ich habe im November 2023 unter dem Eindruck des 7. Oktober mit dem Schreiben angefangen, ich war erfüllt von Angst und Schmerz.

Worum geht es in dem Roman?
Die Heldin zieht nach Ereignissen, die nur beschrieben werden als »das, was passiert ist«, aus ihrem Haus in die Region, wo das Unglück geschah, um dort einen Kibbuz namens »Paradies« zu gründen. Doch sie ist besorgt darüber, dass das Paradies von einer Mauer umgeben ist. Alle sagen, jenseits der Mauer sei nichts, aber sie glaubt es nicht, sie hört weinende Stimmen. Das Buch endet damit, dass sie auf die Mauer klettert, um zu sehen, was auf der anderen Seite existiert. Als ich das Buch schrieb, war mir selbst nicht bewusst, was dort ist. Als es erschien, war mir klar, dass es von Gaza handelte. Aber den deutschen Lesern möchte ich sagen: Es gibt zwei Seiten. Und es ist unsere moralische Pflicht als denkende Menschen, wissen zu wollen und die Wahrheit zu suchen.

Mit der israelischen Schriftstellerin und Verlegerin sprach Ayala Goldmann.

Prag

Spätes Debüt

Der Schriftsteller Eli Beneš gilt als bekannteste literarische Stimme der Juden in Tschechien. Sein Roman über einen Schoa-Überlebenden machte ihn zum preisgekrönten Autor. Eine Begegnung

von Kilian Kirchgeßner  08.10.2026

Literatur

Geistige Freiheit

Tschechien ist Ehrengast der Buchmesse. Unser Autor erinnert an die Zeit nach dem Prager Frühling, als Bücher in seiner Heimat als »Samisdat« im Untergrund erschienen

von Jan Faktor  08.10.2026

Nahost

Die Geschichte eines Krieges

Shahrzad Eden Osterer und Richard C. Schneider analysieren den Konflikt zwischen Israel und Iran – und die Rolle der involvierten Proxy-Armeen

von Eva M. Grünewald  08.10.2026

7. Oktober

Maxim Biller und die Barbaren

In »Schwarze Samstage« kämpft der Schriftsteller mit den Folgen des Massakers in Israel – und zieht eine harte Linie zwischen Juden und »Gojim«

von Tobias Kühn  07.10.2026

TV-Tipp

»Phoenix« - herausragender Film über eine Holocaust-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  07.10.2026

Programm

Musikalische Crossovers, Kontroverse, Krimi und Krav Maga: Tipps und Termine

Termine und Tipps für den Zeitraum vom 8. Oktober bis zum 14. Oktober

 07.10.2026

Deutscher Buchpreis

Hermeskeil ist stolz auf Shida Bazyar

Die Auszeichnung würdigt den Roman einer Autorin aus dem Hunsrück. Das gibt der Stadt neuen Anlass, sich mit den verdrängten Kapiteln seiner Geschichte auseinanderzusetzen.

von Ira Schaible, Sandra Trauner  07.10.2026

TV-Tipp

Zwischen Terror und Trauma

Eine Reportage von Jan Philipp Burgard auf WELT TV zeigt Israel und seine Menschen drei Jahre nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023

von Detlef David Kauschke  07.10.2026

Im Kino

Mutiges Biopic über Österreichs Ex-Kanzler: »Bruno – Der junge Kreisky«

Harald Sicheritz hat ein Biopic gedreht, das die politischen Kämpfe zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, zwischen der Linken an sich und den Nationalsozialisten in den 1930er Jahren differenziert darstellt

von Sascha Westphal  06.10.2026