Bachmannpreis

Sie ging – der Roman kommt

Slata Roschal las auf Einladung von Klaus Kastberger bei den 50. Tagen der deutschen Literatur, dem Bachmannpreis in Klagenfurt. Foto: Johannes Puch

Noch die letzten drei Wörter, ein »Vielen Dank« – dann stand sie auf, nahm ihren Klemmblock mit dem Text und ging einfach raus. Fast genauso nonchalant, wie sie gekommen war, verließ Slata Roschal nach ihrer Lesung am vergangenen Donnerstag bei den 50. Tagen der deutschen Literatur in Klagenfurt den Saal und lief die 32 Stufen hinunter. Es war kurz nach drei Uhr am Nachmittag, und sowohl das Publikum als auch die Jury waren für einen Moment etwas verdutzt.

Eine Überraschung war es aber nur für diejenigen, die diese eine Stelle in einem Interview überlesen hatten, das wenige Tage zuvor in der »Süddeutschen Zeitung« veröffentlicht worden war. Denn in diesem Gespräch hatte Roschal ihren Move angekündigt. »Ich werde halt meinen Text lesen und dann aufstehen und gehen«, sagte sie. »Nicht aus Protest. Es ist nicht mein Job, einer Jury zuzuhören. Wissen Sie, Kritik ist nicht das Problem in Klagenfurt.«

»Als hätte irgendwer eine Woche lang auf mich eingeschlagen«

Sie fühle sich, sagt die Autorin nach dem mehrtägigen Wettbewerb im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen, »als hätte irgendwer eine Woche lang auf mich eingeschlagen«. Ihr sei natürlich bewusst gewesen, dass sie, falls sie sich der Diskussion der Jury über ihren Text entziehe, »also selbst diese Kleinigkeit«, keinen Preis bekommen werde.

Mit der heftigen Reaktion der Presse hatte sie jedoch nicht gerechnet. »Ein bisschen war sie auch unter der Gürtellinie. Und das ist sehr unangenehm.« Die »FAZ« schrieb: »Wer Helga Schubert zuhörte, konnte Slata Roschal für ungezogen halten.« In einer Zusammenfassung der »taz« hieß es: »Gesteht man Roschal diesen Universalismus zu, ist es allerdings zumindest verwunderlich, dass sie sich in ihrem Text plötzlich aus dem Nichts zu den toten israelischen Geiseln äußert und nicht generell die von den Gräueln des Kriegs zermalmten Zivilist:innen überall betrauert.«

»Schriftsteller sind quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs«, sagt Slata Roschal.

Von Benehmen bis große Politik – was ein Weggang alles so auslösen kann. »Mir war überhaupt nicht bewusst, dass es als eine große Provokation wahrgenommen wird, wenn ich nicht der Diskussion zuhöre. Ich finde nur, es gibt keinen einzigen Grund, warum man da sitzen muss. Warum sollten das alle so machen, weil es früher immer so gemacht wurde? Das ist ja vollkommen unlogisch.«

Nicht allen der sieben Juroren passte Slata Roschals Entscheidung

Gegen die Regeln war es auch nicht, das hatte Klaus Kastberger, der in der 50. Ausgabe des Bachmannpreises der Jury vorstand, während der Diskussion über Roschals Text noch festgestellt. Nicht allen der sieben Juroren passte Slata Roschals Entscheidung. »Habt ihr davon gewusst?«, fragte Philipp Tingler. Mithu Sanyal zeigte ein wenig Verständnis für Roschal. Dabei zu sitzen, während über das Geschriebene diskutiert wird, sei schon ein bisschen »Mobbing«.

Um den Text ging es dann aber doch noch. Er hallte nach, dieser Auszug aus dem Roman Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet, der Ende Juli im Ullstein Buchverlag erscheinen soll.

Erzählt wird die Geschichte von Lea Stein, einer jungen Mutter, die zu einem Vorstellungsgespräch bei einem bekannten Literaturagenten in ein Hotel reist. »Während Lea durch die Welt der Wohlhabenden laviert – unsicher, beobachtend, rechnend –, putzen Migrantinnen die Zimmer und halten die luxuriöse Fassade aufrecht. Erwin Groß schläft schlecht, trotz Erfolg, und sucht jemanden für die unangenehmen Aufgaben – günstig, versteht sich«, heißt es in der Beschreibung auf der Verlagsseite.

Sie hat schon lange davon geträumt, ein Buch zu schreiben, in dem alle zu schreien beginnen

Und dann stirbt ein Autor. Der Autor ist tot. Sie habe, sagt Roschal, schon lange davon geträumt, ein Buch zu schreiben, in dem alle zu schreien beginnen: »Der Autor ist tot!«, »weil es erstaunlich ist, wie viel unnötigerweise wir über Autoren sprechen und wie viel mediale Präsenz von ihnen verlangt wird«. Der Fokus verschiebe sich immer mehr vom Buch auf dieses ganze Begleitende. Das Paradoxe sei zudem auch, »dass sich Bücher für Autoren finanziell immer weniger rentieren, über einen Vorschuss hinaus, und viele in den Journalismus wechseln«.

Das Buch erzählt die Geschichte der jungen Mutter Lea Stein.

Das romantische Bild von schreibenden Menschen muss vielleicht endgültig ad acta gelegt werden, denn die Realität ist doch eine andere: »Die meisten haben einen Brotjob«, sagt Roschal. »Manchmal bekomme ich kurze Dozenturen an Unis, habe auch eine Weile vom Arbeitslosengeld geschrieben. Autoren, die den Aufstieg geschafft haben, sind selten. Manche haben auch einfach einen stabilen Background, eine eigene Wohnung, Eltern, die sie finanzieren. Viele haben Partner, die dann das Geld einbringen. Ansonsten sind Schriftsteller quasi die Putzfrauen des Literaturbetriebs, ohne sie geht nichts, aber man kann sie leicht ersetzen, und wer nicht zufrieden ist, soll gehen.«

»Um die 15 Leute in unterschiedlichen Städten, vor allem russischsprachige Migranten, Menschen aus der Ostukraine, ein paar Deutsche«

Es ist sicherlich auch deswegen eines von Roschals Anliegen, soziale Themen anzusprechen. Für den Text wollte die Autorin ganz unterschiedliche Gattungen miteinander verbinden, »Krimisujet mit lyrischen Elementen und etwas journalistischer Recherche.« Dazu habe sie »um die 15 Leute in unterschiedlichen Städten, vor allem russischsprachige Migranten, Menschen aus der Ostukraine, ein paar Deutsche interviewt, die im Reinigungsbereich arbeiten, ihre Zitate neu kombiniert und bestimmten Figuren in den Mund gelegt«.

Jurymitglied Laura de Weck haben vor allem diese »einzelnen Sätze, vielleicht sogar Zitate (…)« beeindruckt, »aus denen man auf ein großes biografisches Gepäck schließen könnte«. Roschal erinnert sich, dass ihre Interviewpartner unendlich viele kluge Sachen gesagt haben, die gar keine Überarbeitung brauchten. »Es waren richtige Perlen mit dabei, sehr schöne, sprachlich originelle Wendungen und inhaltliche Einblicke, die man sich gar nicht ausdenken könnte.«

Der Text ist auch einer, der nach dem 7. Oktober 2023 geschrieben wurde. Und dazu war ein Satz auch in Klagenfurt zu hören. »Die Stelle war: ›Ich will, dass alle Geiseln in Israel auferstehen und dass jeder Fanatiker und Frauenhasser erschossen wird.‹« Slata Roschal nahm den Satz in den Romanauszug mit hinein, »obwohl mir klar war, dass es ein neues Risiko bedeutet. Wenn jemand aus der Jury ein Problem damit hat, bin ich wieder raus. Es ist trotzdem wichtig, dass man so einen Satz einmal im Fernsehen sagt«.

Glücklicherweise hatte die Jury damit kein Problem. Ausgezeichnet wurde Slata Roschal allerdings nicht – der Hauptpreis ging an Lena Schätte für ihren Text »Was wir tragen« über die sozialen Probleme zweier Teenager.

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