Theater

Shylock im Scheunenviertel

Inflation? Der Jud ist schuld! Szene aus »Der Kaufmann von Berlin« Foto: Volksbühne

Anfang 1923. Simon Chaim Kaftan (Sophie Rois) kommt mit dem Zug aus Brest-Litowsk nach Berlin, in der Tasche hundert US-Dollar. Es ist die Zeit der Hyperinflation. Die Mark verliert stündlich an Wert. Mit Spekulationsgeschäften macht Kaftan aus den mitgebrachten Valuta binnen kurzer Zeit ein Vermögen und steigt zu einem der reichsten Männer Berlins auf. Unterstützung erhält er dabei von dem dubiosen Rechtsanwalt Müller (Dieter Mann), der im Auftrag rechter Politiker und Militärs an Verschwörungen gegen die Republik arbeitet. Kaftan ist dabei nur eine Marionette Müllers, der die Liebe des Bankiers zu seiner kranken Tochter Jessi (Maria Kwiatlowski) ausnutzt, um ihn zu manipulieren. Als der Jude seinen Zweck erfüllt hat, wird er fallen gelassen und dient als Sündenbock der Ablenkung von den eigentlichen Schurken.

assoziationen Die Handlung von Walter Mehrings Stück Der Kaufmann von Berlin sollte man kennen, bevor man sich Frank Castorfs Inszenierung an der Berliner Volksbühne anschaut. Denn aus der ergibt die Geschichte sich für den Zuschauer bestenfalls bruchstückweise. Ausnahmsweise lohnt sich deshalb für vier Euro der Kauf des Programmhefts, das man gründlich studieren sollte, bevor der Vorhang aufgeht. Der Intendant der Volksbühne wird auch hier wieder seinem Ruf als postmoderner »Stückezertrümmerer« gerecht.

Da kreischen Chassiden minutenlang in (übrigens recht passablem) Jiddisch, das wohl kaum einer im Publikum versteht; Kaftan singt Johnny Cashs »Ring of Fire« und rezitiert das Chad Gaja; die schwule Männerbündelei der Freikorps wird thematisiert, das Rathenau-Attentat, die Ruhrbesetzung und die »Volkstumskämpfe« im Baltikum; die Verelendung der Massen kommt vor, die Weisen von Zion, der alltägliche Antisemitismus und die Konflikte zwischen assimilierten deutschen Juden und den ostjüdischen Zuwanderern des Scheunenviertels in Berlin. Wie das alles zusammenhängt, erschließt sich allerdings nur assoziativ und auch nur, wenn man sich mit der Geschichte der Weimarer Republik ebenso intensiv befasst hat wie mit Judaistik und Shakespeare, auf dessen Shylock der Mehringsche Kaftan anspielt.

Erwin Piscator brachte Mehrings Stück 1929 auf die Berliner Bühne und provozierte damit einen Skandal. Goebbels forderte den Kopf des expressionistischen Autors – »An den Galgen« schrieb der Nazi-Propagandachef. Die SA marschierte vor dem Theater am Nollendorfplatz auf. Auch anderswo reagierte man empört. Das assimilierte deutschjüdische Bürgertum fühlte sich durch die Figur des Ostjuden Kaftan ins Eck gestellt. Und der Linken missfiel, dass die Übel des Kapitalismus satirisiert wurden statt kämpferisch angeprangert. »Ich habe mal wieder was Schönes angestellt«, resümierte Mehring ironisch und konstatierte (nicht als Erster), dass »man hierzulande Satire nicht ohne Gebrauchs-anweisung versenden darf«.

antisemitisch? Solche Reaktionen wird Castors Inszenierung kaum hervorrufen. Nicht nur, weil es heute nicht mehr so viele Nazis in Berlin gibt und auch weniger Juden. Dieser Kaufmann von Berlin ist zur Emotionalisierung ungeeignet. Dafür gefällt die vierstündige Aufführung sich zu sehr in ihren eigenen (streckenweise genialischen) Regieeinfällen. Wie von Castorf gewohnt, tritt die Handlung dahinter fast völlig zurück.

Deshalb trifft auch der Vorwurf nicht, hier werde dem Antisemitismus Vorschub geleistet, den Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen erhebt. Zugegebenermaßen sind die kreischenden Jidden mit Pejes und Strejmel, die Castorf auf die Bühne bringt, Karikaturen, genauso wie der verzückt sein Geld zählende Spekulant Kaftan. Aber es sind nicht Karikaturen aus dem »Stürmer«, sondern eher aus Monty-Python-Sketchen (von denen Castorf viele seiner Regieinspirationen geschöpft zu haben scheint). Genauso gut könnten Micky-Maus-Figuren auf der Bühne stehen oder Kermit, der Frosch, mit Miss Piggy.

Womit sich auch die Frage stellt, wieso Castorf dieses Stück überhaupt in sein Theater bringt. Als Erinnerung an eine wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise mit aktuellen Parallelen? Das passt nicht zur Volksbühne, die, entgegen ihrem Namen, alles betreibt, nur keine Volkspädagogik. Oder sollte es eine Hommage an den so gut wie vergessenen Walter Mehring sein? Dessen Name steht auf den Plakaten – gleich groß wie der des Regisseurs. Das ist wohl die Antwort. Frank Castorf hat sich dieses Stück herausgegriffen, aus welchen Gründen auch immer, um daran seine Inszenierungskünste vorzuführen. Es hätte auch ein anderes Werk sein können. Hauptsache Regie.

Walter Mehring: »Der Kaufmann von Berlin«. Regie: Frank Castorf. Volksbühne Berlin. Nächste Aufführungen 25. November, 11., 16., 25., 29. Dezember
www.volksbuehne-berlin.de

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