Medien

Seit 60 Jahren in der Pubertät

Anmerkung der Redaktion (2. August 2023):

Als dieser Text von Fabian Wolff in der Jüdischen Allgemeinen erschien, glaubte die Redaktion Wolffs Auskunft, er sei Jude. Inzwischen hat sich Wolffs Behauptung als unwahr herausgestellt.

Segelohren, Zahnlücke, rote Haare, Sommersprossen und »Was, ich und Sorgen?«-Attitüde: Wenn Mona Lisa das geheimnisvollste Lächeln der Weltgeschichte besitzt, dann gehört das zweitwichtigste wohl Alfred E. Neuman, dem Maskottchen des MAD- Magazine. Das Satire-Unfug-Heft, das ganze Generationen verdarb, feiert jetzt sein 60jähriges Jubiläum.

jiddisch Eigentlich waren die »Tales Calculated To Drive You MAD«, wie das Blatt ursprünglich hieß, nur ein weiteres Produkt aus dem EC-Verlagshaus. EC stand erst für Educational, dann einfach für Entertaining Comics. Mit grausigen Horrorstorys (Tales From The Crypt), desillusionierten Kriegsgeschichten (Frontline Combat) und haarsträubenden Pseudo-Exposés über den Ku-Klux-Klan und Drogensex (Shock Suspense Stories) brachte EC den kleinen Jungen der Eisenhower-Ära das Gruseln bei – bis eine eigens eingerichtete Zensurbehörde dem Treiben ein Ende machte. MAD aber überlebte das große Comic-Umlegen.

In den ersten Ausgaben, 1952 erschienen, konzentrierte sich das Heft vor allem auf Parodien bekannter EC-Genres. Doch schon früh ließ sich erahnen, wohin sich der MAD-Humor entwickeln würde. So heißt eine Gangster-Story in der ersten Ausgabe schlicht »Ganefs«.

Autor des allerersten Hefts und wichtigster Kopf der frühen Jahre war Harvey Kurtzman. Später stießen Al Feldstein, Mort Drucker, Al Jaffee, Dave Berg und Frank Jacobs zur Redaktion – New Yorker Juden allesamt. Sie waren die »usual gang of idiots«, die MAD die nächsten Jahrzehnte prägten.

Das Heft verabschiedete sich bald vom Story-Format und wurde zum reinen Satire-Magazin mit festen Rubriken. Es gab die ausführlichen Filmparodien von Drucker, oft mit Songparodien von Jacobs. Al Jaffee entwickelte seine berühmten Faltbilder, die, richtig umgeknickt, geheime Botschaften enthüllten. Und Dave Berg, der konservativste der MAD-Autoren, nahm sich Alltagsabsurditäten vor und verewigte sich dabei selbst als »Roger Kaputnik«. Jiddisch war bei MAD von Anfang an der heimliche Comedy-Code. Figuren hießen Melville Schlep oder Conroy Gornischt, jiddische Pseudo-Lexeme wie »veeblefetzer« und »furshlugginer« gehörten bald zum Standard-Wortschatz der Leser. Vor allem hat MAD der Welt den ultimativen Ausdruck jüdischer Abscheu geschenkt: »Ech«.

alfred e. neuman Anfang der 60er-Jahre lag dem Heft eine Single mit dem Song It’s A Gas bei, vorgetragen von »Alfred E. Neumann and the Farshlugginer Five«: drei Minuten Surf-Rock, unterbrochen von lauten Rülpsern. Das war das MAD-Magazine in diesen Jahren, ein ekliges, fröhliches Aufstoßen in der bunten Wunderwelt der Fünfziger und frühen Sechziger in den USA. Es war hip und wirklich albern gleichzeitig. Das Heft war damit in guter Gesellschaft. Zur selben Zeit hatten es semi-surrealistische Komiker wie Ernie Kovacs, Sid Caesar und Bob & Ray zu Fernseh- und Radioruhm gebracht. Ihre Botschaft war die gleiche wie die von MAD: Irgendetwas stimmt hier nicht, und wir finden das lustig.

Das MAD-Maskottchen Alfred E. Neuman, der Junge im Anzug oder Mann mit Kinderkopf, verkörperte diesen Geist. Hinter seinem Motto »What, Me Worry?« und seinem Grinsen konnte sich alles verbergen, von anscheinendem Konformismus über Rebellion hin zu geistiger Beschränktheit. Irgendwie provokant, aber ohne genaue Richtung. Über Hippies machte sich MAD in den Sechzigern ebenso lustig wie über das Establishment. Das Magazin nahm sich alle vor und nichts ernst – und wer konnte Alfred E. Neuman schon wirklich böse sein?

Doch mit den 70er-Jahren endete das goldene Zeitalter von MAD. Als satirisches Leitmedium abgelöst wurde es von dem aggressiveren »National Lampoon«. Statt politische Haltung unter Nonsense und Slapstick zu vergraben, präsentierte der Lampoon Witze über den Chappaquiddick-Skandal von Ted Kennedy, drohte mit der Erschießung von Hunden und machte im August 1971 in einer Coverkarikatur aus dem Kriegsverbrecher William Calley kurz nach seiner Verurteilung wegen eines Massakers an vietnamesischen Zivilisten einen Doppelgänger von Alfred E. Neuman mit dem Untertitel: »What, My Lay?« In MAD gab es zur gleichen Zeit immer noch Witze über Nudniks und Kaputniks. Es war das geschehen, was Satire nicht passieren darf: MAD war ungefährlich geworden.

erbe Das Vermächtnis von MAD wird dadurch nicht geschmälert. Es hat die Undergroundcomics der Sechziger inspiriert: Für Robert Crumb waren die MAD-Cover so wichtig wie sein erster LSD-Trip und Art Spiegelman betrachtete Harvey Kurtzman als seinen geistigen Vater. Das Magazin hat große Teile des Grundvokabulars moderner Comedy erfunden. Ohne MAD gäbe es kein Saturday Night Live, kein Monty Python – und vor allem keine Simpsons. So besucht Bart in der Folge The City of New York vs. Homer Simpson die MAD-Redaktionsräume und erspäht dabei Alfred E. Neuman, der von seiner Sekretärin wissen will, wo sein »farshluggenes Pastrami-Sandwich« bleibt. »Ich werde mir nie wieder die Augen wa-schen!«, staunt Bart ehrfürchtig.

Auch in Deutschland hat MAD Spuren hinterlassen, mit einer eigenen deutschen Ausgabe, die von Herbert Feuerstein geleitet wurde und der deutschen Sprache die schönen Worte »hechel«, »würg« und »ächz« geschenkt hat.

Seine einstige Bedeutung hat MAD heute nicht mehr, auch nicht für aufsässige zehnjährige Jungen. Von der ersten Garde sind fast alle tot. Nur Al Jaffee zeichnet noch, inzwischen für das Magazin Moshiach Times, herausgegeben von Chabad – einen Strip über einen Agenten, der immer dann gerufen wird, wenn Hamantaschen gestohlen werden oder Sukkot bedroht ist. Der Cartoon heißt »Shpy« – wie Spy für Spion, nur eben mit jiddischem »Sch«-Laut. Ein Gag, wie man ihn in den Sechzigern auch in MAD hätte lesen können. Bis 120, Alfred E. Neuman!

Fernsehen

Empathie im Dschungelcamp: Und dann reicht Gil Ariel die Hand

Die elfte Folge steckte voller Überraschungen

von Martin Krauß  02.02.2026

Kommentar

Antisemitismus im »Safe Place«: Die Kunstakademie Düsseldorf macht’s möglich

Eine Kunstakademie sollte Räume für kritisches Denken öffnen - aber nicht für Ideologien, die Menschenfeindlichkeit salonfähig machen

von Nicole Dreyfus  02.02.2026

Kino

»Disclosure Day«: Steven Spielberg bringt neuen Alien-Film ins Kino

Der jüdische Regisseur legt mit seinem neuen Sci-Fi-Drama ein geheimnisvolles Werk vor, das einen ganz neuen Ansatz verfolgen soll

 02.02.2026

Meinung

Antisemitismus auf Sendung

RTL zeigte ein Video zu einem »Betrüger-Gen« von Gil Ofarim – ausgerechnet am Holocaust-Gedenktag. Das muss Konsequenzen haben

von Ayala Goldmann  02.02.2026

TV

»Stefan Raab Show« unterstellt Gil Ofarim »Betrüger-Gen«

In seiner »Dschungelcamp«-Nachlese greift der Showmaster in einem Einspieler auf antisemitische Stereotype zurück

von Ralf Balke  02.02.2026

Los Angeles

Jack Antonoff gehört zu den jüdischen Grammy-Gewinnern

Der Sänger, Songschreiber und Produzent aus New Jersey war mehrfach nominiert. Welche Juden gewannen noch?

von Imanuel Marcus  02.02.2026

Fernsehen

»Du bist ein kranker Lügner«

Ariel attackiert Gil Ofarim und Mirja muss raus: So war die zehnte Folge des Dschungelcamps

von Martin Krauß  01.02.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  01.02.2026

Musik

»Ich werde alles geben«

Noam Bettan, Israeli mit französischen Wurzeln, vertritt sein Land beim Eurovision Song Contest in Wien

von Sabine Brandes  01.02.2026