»Daily Show«

Sein Lieblingswort: Bullshit

»Wenn irgendwo Patriotismus oder Freiheit drauf steht, dann schauen Sie besser genau hin.« Jon Stewart Foto: dpa

Jon Stewarts letzte Sendung nach 16 Jahren im amerikanischen Abendprogramm war ein rührendes Abschiedsfest. Der einflussreichste Politsatiriker seiner Generation würdigte seine Weggefährten aus all den Jahren, bedankte sich bei seinem Team und nahm Lobeshymnen von Kollegen entgegen, die ihn dafür priesen, sie alle auf ein höheres Level der Comedy-Kunst gehoben zu haben.

Ganz konnte Stewart es sich bei aller Sentimentalität jedoch nicht verkneifen, ein letztes Mal in seine Rolle als Zyniker der Nation zu schlüpfen. In einer dreiminütigen und sehr pointierten Ansprache fasste er seine Mission zusammen und bat die Menschen im Land, in seinem Geist weiter in die Zukunft zu schreiten.

warnung Die Rede war eine Warnung vor dem allgegenwärtigen Bullshit im amerikanischen Leben und in der amerikanischen Politik. »Wenn irgendwo Patriotismus, Freiheit, Familie oder Gesundheit drauf steht«, sagte Stewart, »dann schauen Sie besser genau hin. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es aus einer Fabrik stammt, die Spuren von Bullshit enthält.« Dann verabschiedete Stewart sich von seinen Fans mit dem Appell, allzeit gegenüber dem Bullshit wachsam zu bleiben.

Als der jüdische New Yorker Comedian, der bürgerlich Jonathan Stuart Leibovitz heißt, 1999 die Daily Show übernahm, traf sein untrüglicher Instinkt für Bullshit und seine Entschlossenheit, die Dinge beim Namen zu nennen, einen Nerv der Zeit. Erst drei Jahre zuvor war das TV-Netzwerk Fox gegründet worden, das als aggressiver Propagandaarm der republikanischen Partei nachhaltig die Fernsehlandschaft veränderte. Zugleich war der Wahlkampf zwischen George Bush und Al Gore in vollem Gang. Es war die Zeit, als der politischen Debatte in den USA endgültig der Boden entzogen wurde. In einem sich drastisch polarisierenden öffentlichen Raum konnte zunehmend jeder im Dienste politischer Ziele behaupten, was er wollte.

Stewart erkannte, dass die einzige Art, den grassierenden Wahnsinn zumindest als solchen zu enttarnen, die »Meta-News« sind. So entwickelte sich Stewarts Erfolgsformat. Tag für Tag zeigte und kommentierte er das Abstruseste, Dreisteste und Verlogenste aus Politik und Fernsehen.

So wurde Stewart in der Ära Bush zur Kultfigur für liberale Amerikaner – und zur moralischen Instanz. Er demaskierte Obama-Herausforderer John McCain, der sich auch nach 20 Jahren in Washington noch als »Maverick«, als Außenseiter und Rebell, produzierte.

Nicht wenige seiner Anhänger befürchteten, dass Stewart das Material ausgehen würde, als 2008 Obama ins Amt gewählt wurde. Und in der Tat machte Stewart aus seiner Sympathie zum neuen Präsidenten von Anfang an keinen Hehl. Die Nähe der beiden Männer in ihren Grundüberzeugungen und ihrer intellektuellen Sensibilität wurde zuletzt deutlich, als Obama Stewart ein ausführliches Abschiedsinterview gewährte, das sich anhörte wie ein Plausch zweier überaus informierter und kluger Politikprofis.

obama Doch Stewart blieb unbeirrt auf Kurs, er schaute weiterhin den Schreihälsen aus beiden Lagern aufs Maul. Und er scheute sich auch nicht, der Obama-Regierung Paroli zu bieten: Auch NSA, Drohnenkrieg, Guantanamo und der verpatzte Start des reformierten Gesundheitssystems kamen bei Stewart vor.

Spätestens zum Beginn von Obamas Regierungszeit hatte sich Stewart jedoch als moralische Instanz so sehr etabliert, dass er auch glaubhaft von der Satire in den ernsthaften Diskurs hinübergleiten konnte. Wenn es angebracht war, redete Stewart immer häufiger ganz unumwunden der Nation ins Gewissen – zuletzt mit einer ergreifenden Ansprache nach dem Anschlag auf die afroamerikanische Gemeinde in einer Kirche in South Carolina. »Ich weiß jetzt schon, dass wir Sonntagsreden halten und dann nicht das Geringste unternehmen werden, um so etwas in Zukunft zu verhindern«, sagte er bitter.

Wie es mit Stewart weitergeht, ist genauso offen, wie es um die Zukunft der Daily Show steht. Dass Stewarts Moderatorennachfolger, der südafrikanische Komiker Trevor Noah, in die großen Fußstapfen passt, glaubt niemand in den USA. Jon Stewart ist unersetzlich. Lizz Winstead, die die Sendung produziert, twitterte verheißungsvoll über den Comedian: »Weil ich weiß, was ich weiß, bin ich außer mir vor Freude darüber, was er als Nächstes anstellen wird – für ihn und für uns.«

Für die US-Comedy-Szene ist John Oliver, Stewarts Zögling, der mittlerweile beim Bezahlkanal HBO eine eigene Show hat, auch sehr wichtig. Wer noch ab und zu daran erinnert werden will, wie dysfunktional die amerikanische Öffentlichkeit geworden ist, kann dort vier Mal pro Woche einschalten. Treue Zuschauer von Stewart erkennen den Bullshit jedoch längst auch ohne Olivers Hilfe.

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