Kulturkolumne

Schulfach »Zuhören«

Foto: Getty Images

Welches nicht angebotene Schulfach wäre für Ihr Erwachsenenleben besonders nötig gewesen? Medizinische Grundlagen für Hypochonder? Kontoführung in Zeiten schmaler Einkünfte? Sozialkompetenz im Umgang mit schwierigen Zeitgenossen? Mir hätte jede dieser Stunden im Alltag mehr genutzt als damals Neutralisationsgleichungen und analytische Geometrie.

Am dringendsten aber fehlte eine einfache und offensichtlich doch schwer zu schulende Fähigkeit, eine Bereitschaft, die uns in persönlichen Beziehungen, im Job, in der Politik und in Krisen geholfen hätte. Es geht um die Grundlage für jeden echten Dialog, um die Voraussetzung zum Verständnis unserer Welt. Vielleicht hätte es mich nicht glücklicher, aber angenehmer und stressfreier leben lassen: das Schulfach »Zuhören«.

Der Mensch hat laut Kurt Tucholsky zwei Leidenschaften: Krach zu machen einerseits und nicht zuzuhören andererseits. »Man könnte den Menschen geradezu als ein Wesen definieren, das nie zuhört.« Da hat er recht, der weise Mann aus Moabit.

Es genügt meist ein einziges Stichwort, und assoziativ rasen die Un-Hörer rhetorisch los, egal ob akademisch geweiht oder ohne Titel. Sie plappern sich durch eine Suade von Erinnerungen, Argumenten und Anekdoten, garniert mit Vorurteilen oder Weisheiten, persönlichen Krisen und politischen Statements. Ungebeten. Ungeprüft. Unerhört. Ungezogen. Unbezogen. Ich-ich-ich.

Zuhören ist oft nur Pose und Startknopf für einen Monolog mit der eigenen Sicht der Dinge.

»Sie sprach so viel, dass ihre Zuhörer davon heiser wurden.« Aaaah, das trifftʼs, Tucholsky. Ob im Großraumabteil oder in der Talkshow, am Telefon oder auf der Party, im Restaurant oder auf dem Berggipfel, Zuhören ist oft nur Pose und Startknopf für einen Monolog mit der eigenen Sicht der Dinge.

War das eigentlich immer so? Oder bin nur ich da besonders empfindlich geworden? Was sagen die alten Schriften, was lehren sie uns? Das Hören sei zutiefst spirituell, so lese ich in einem Aufsatz des orthodoxen Rabbinats, im jüdischen Glauben stünden das Zuhören und das Gespräch mit dem Schöpfer im Zentrum. Das berühmte Schma Israel bedeute so vieles: hören, zuhören, achtgeben, verstehen, verinnerlichen, reagieren … das Judentum sei eine Religion des Hörens.

In der Moderne sind es einige jüdische Großmeister des klaren Denkens, die dem Zuhören einen zentralen Platz in ihrer Philosophie oder in ihrer Profession einräumten. Sigmund Freud hat aus dieser Fähigkeit ein Weltbild geformt und nannte zwar die Psychoanalyse eine Sprechkur, aber die Voraussetzung dafür ist das genaue Hinhören des Analytikers, dessen ungewohnte Perspektive die Patienten schließlich auf neue seelische Pfade führen kann.

Martin Bubers Ich und Du feiert den Dialog als ein Prinzip des Menschseins. Die Grundlage: das Zuhören.

Kurt Tucholsky blieb zeitlebens als genauer Beobachter und scharfzüngiger Publizist skeptisch. Er hätte noch nie einem Berliner eine Geschichte zu Ende erzählen können. Immer flüchteten die Augen des Gegenübers zu einem neuen Punkt des Interesses, sie desertierten und kehrten irgendwann zurück mit dem unvermeidlichen »Ja, was hatten Sie eben gesagt?«.

Beschließen wir unsere kleine Gedankenreise zu einer vernachlässigten Kompetenz positiv mit dem Aphorismus des in Jerusalem lebenden Lyrikers und Philosophen Elazar Benyoëtz: »Kein Schweigen ist fruchtbarer als das Zuhören.«

Giora Feidman

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