Satire

Schrecken der Eisenhower-Ära

Erfand Alfred E. Neuman: Al Feldstein Foto: dpa

Al Feldstein war einer der heimlichen Architekten moderner Popkultur – und malte, bis zu seinem Tod im Alter von 88 Jahren, zuletzt vor allem Wildkatzen. Grund zur Gelassenheit hatte er reichlich: Immerhin war er an gleich zwei Comic-Revolutionen maßgeblich beteiligt gewesen. Nicht schlecht für einen Jungen aus Flatbush.

Mit 15, als Schüler der High School of Music & Art, heuerte Feldstein in der Comic-Schreibstube von Will Eisner und Jerry Iger an, um seine Familie finanziell zu unterstützen. Von Comics hatte er damals keine Ahnung, erzählte er später gerne – von Freunden borgte er sich ein paar Hefte und zeichnete dann selbst eine Handvoll Seiten, mit denen er bei Jerry Iger vorstellig wurde.

Botengänge Iger erkannte das Potenzial des Jungen und ließ ihn für drei Dollar die Woche Botengänge erledigen und Zeit im Studio verbringen. Für sein erstes Honorar als Zeichner malte er Leopardenflecken in den Fell-BH der Figur »Sheena, Queen of the Jungle«.

Vom Leopardenbrassière hin zum echten Comiczeichner – Feldstein arbeitete sich hoch. Nach ein paar Jahren landete er bei der später berüchtigten Firma EC – damals noch seriös »Educational Comics« genannt. Der Verlag brachte anfangs tatsächlich vor allem Bildergeschichten, die die Bibel oder naturwissenschaftliche Phänomene erklärten. Nach dem etwas mysteriösen Tod des Firmengründers M.C. Gaines bei einem Bootsunglück änderte sein Sohn Bill Gaines das Geschäftsmodell.

Horror Bill wollte Trends setzen, nicht folgen. Feldstein schlug einen Fokus auf Horror vor. Als Kind hatte er sich heimlich in Frankenstein geschlichen. Mit grausigen Horrorstorys (»Tales From The Crypt«), desillusionierten Kriegsgeschichten (»Frontline Combat«) und haarsträubenden Pseudo-Exposes über den Ku-Klux-Klan und Drogensex (»Shock SuspenStories«) brachte EC den kleinen Jungs der Eisenhower-Ära auf ähnliche Weise das Gruseln bei.

Viele dieser Hefte wurden von Feldstein selbst geschrieben – »weil ich die sieben Dollar extra wollte, die man bekam, wenn man zusätzlich zu den Bildern auch noch die Story lieferte«. Von den zu bedienenden Genres – Science-Fiction, Krimis oder Fronterinnerungen – hatte er oft keine Ahnung und las sich erst in der Nacht vorher ein.

Zensur Als Redakteur förderte er zudem junge Talente – Feldstein war für die erste Veröffentlichung von Harlan Ellison verantwortlich, einem der großen (und meckrigen) alten Männer des Sci-Fi. Doch EC wurde zum Opfer des eigenen Erfolgs. Sittenwächter und dubiose Kinderpsychologen warnten vor den großen Gefahren, die von EC ausgingen. Eine eigens eingerichtete Zensurbehörde machte dem Treiben ein Ende.

Nur ein einziges Heft überlebte das große Comic-Umlegen. Die »Tales Calculated To Drive You MAD«, später einfach nur MAD, starteten als Parodie auf die hauseigenen EC-Genres. Nachdem der Gründer des Magazins, Harvey Kurtzman, sich verabschiedete, um für Hugh Hefner eine (groß gefloppte) MAD-Kopie zu gestalten, übernahm Feldstein die Leitung.

Idiotenbande Durch den Zensur-Crash waren viele gute Autoren ohne Stelle, Feldstein hatte bei der Auswahl seiner Redakteure freie Hand. Darunter waren Mort Drucker, Al Jaffee, Dave Berg und Frank Jacobs, allesamt New Yorker Juden. Sie waren die »usual gang of idiots«, die MAD die nächsten Jahrzehnte prägten.

Das Heft verabschiedete sich bald vom Story-Format und wurde zum reinen Satire-Magazin mit festen Rubriken. Es gab die ausführlichen Filmparodien von Drucker, oft mit Songparodien von Jacobs, wie bei »The Sound of Money« mit »My Corniest Things«. Al Jaffee entwickelte seine berühmten Faltbilder, die, richtig umgeknickt, geheime Botschaften enthüllten. Und Dave Berg – der konservativste der MAD-Autoren – nahm sich Alltagsabsurditäten an und verewigte sich dabei selbst als everyman Roger Kaputnik.

Maskottchen
Feldstein führte diese Idiotenbande an und erfand auch ihr Maskottchen – liebenswürdig sollte er sein, mit intelligenten Augen und leicht wahnsinniger »Was, ich und Sorgen?«-Attitüde. So wurde Alfred E. Neuman geboren, und mit ihm das mysteriöseste Lächeln der Kunstgeschichte nach der Mona Lisa.

Als Feldstein 1984 den Posten des Chefredakteurs aufgab, war das Heft zwar längst nur noch ein Schatten seiner selbst. Doch das Vermächtnis der großen MAD-Jahre – von den späten Fünfzigern bis zu den frühen Siebzigern – ist immens. Ohne MAD kein Monty Python, Saturday Night Live, The Simpsons. Oder einfach: Ohne MAD keine moderne Comedy. Und ohne Al Feldstein kein MAD.

»Ich bin Atheist, aber ich danke Gott für meine Autoren.« So blickte Feldstein später auf seine Karriere zurück. Er starb vergangene Woche in Montana. Um es in MAD-Sprech zu sagen: »Blech«.

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