Gute Juden, schlechte Juden: Bad/Good Jews, wie sich die spannende, leider nur kurzzeitig zu sehende Ausstellung in der Kunstschule Berlin im Prenzlauer Berg nennt, ist ein Kraftakt zweier Künstler. Das Duo besteht aus dem früher in Moskau, heute in Berlin, Israel und Amerika tätigen Galeristen Marat Guelman und dem erfolgreichen jungen deutsch-russischen Maler Yury Kharchenko.
Gemeinsam haben sie eine Ausstellung über jüdische Kunst und Identität erstellt in einer Zeit, in der man als jüdischer Künstler gern »gecancelt« wird, sich immer wieder rechtfertigen und »distanzieren« soll, wo Ausladungen an der Tagesordnung sind, Kontakte abgebrochen oder gar nicht erst aufgenommen werden; kurz, wo eine jüdische Identität wieder einmal zum Makel und Karrierehindernis geworden ist.
Es ist eine beeindruckende Sammlung jüngerer Gegenwartskunst von ganz unterschiedlichen Schöpfern geworden, deren Werke sich, jedes auf seine Weise, mit der Frage »Was ist ein Jude?« auseinandersetzen.
Originalgrafik von Art Spiegelman
Sie reicht von einer Originalgrafik des bekennenden Diaspora-Juden und Maus-Schöpfers Art Spiegelman, der seine Eltern als »Mäuse« mit hochgeschlagenen Kragen und Judenstern auf einen Haken-Kreuzweg stellt, bis zu Yury Kharchenkos Großvätern, die wie eine halbe Million anderer sowjetischer Juden siegreich die Nazis niedergekämpft haben und die nun der Enkel als »Superman« in Öl malt.
Zu sehen ist auch eine Grafik des 2002 verstorbenen »israelischen Walt Disney« Joseph Bau, einem Überlebenden der »Schindler-Liste«, wo ein als Jude bezeichneter Sträfling in schwarz-weißer Häftlingsuniform auf ein weißes Hakenkreuz geschlagen wird, unter einem Dornenkronen-ähnlichen Stacheldrahtkranz.
Porträts »zehn guter Juden« werden Bilder »zehn anderer Juden« gegenübergestellt.
Im namensgebenden Mittelpunkt der Ausstellung steht eine Reihe von zwei mal zehn Porträts: zehn Bilder »guter«, die Welt und die Kunst und das Wissen befördernder Juden, die Kharchenko nach Beginn der sogenannten Justizreform in Israel zu malen begann: Persönlichkeiten wie die Dichterin Else Lasker-Schüler, der Philosoph Emmanuel Levinas oder der Maler Boris Lurie, um nur einige zu nennen.
Genrich Jagoda, Meyer Lansky und Bugsy Siegel
Ihnen gegenübergestellt werden »Ten Other Jews«, die »zehn anderen Juden« des russisch-amerikanischen Pop-Art-Künstlers Alexander Melamid, von denen ein jeder für den Tod zahlreicher Menschen verantwortlich sein soll: wie etwa der ehemalige Chef des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, Genrich Jagoda, der »Mafia-Buchhalter« Meyer Lansky oder Bugsy Siegel, der unter anderem in Las Vegas aktiv war und der »Kosher Nostra« zugerechnet wurde.
Der Galerist und »Neukünstler« Marat Guelman lässt eine Künstliche Intelligenz Ölbilder ikonischer jüdischer Frauen gestalten – Maria Magdalena, Golda Meir und Marilyn Monroe mit Maschinengewehr. Die russisch-berlinische Malerin Marina Koldobskaja führt Art Spiegelmans Maus-Motiv fort und malt mit dicken Pinselstrichen Mäuse, die sich vor drohenden Katzen zu beraten scheinen; der Fotograf Benyamin Reich zeigt einen »Muskeljuden« mit Davidstern und Tallit über dem kräftigen nackten Oberkörper; die israelische Künstlerin Varda Getzow füllt einen Vasenumriss mit kleinen, hingekritzelten Davidsternen, die gelegentlich von kleinen Hakenkreuzen unterbrochen werden oder sich in anderen Bildern in Knochen verwandeln.
Sind wir, die Juden, Dinos? Oder sind die Dinos wieder oder immer noch hinter uns her?
Davidsterne sind auch ein zentrales Motiv von Yury Kharchenko und nehmen bei ihm unterschiedliche Formen, Farben und Bedeutungen an. Er malt einzelne umgestaltete Sterne der israelischen Armee (IDF) und stellt den derben Comic-Figuren Beavis und Butt-Head (aus der US-Zeichenserie auf MTV) vor dem fernen Tor von Auschwitz lauter wunderbare, schönen Sterne gegenüber.
Auch das Auschwitz-Tor selbst erscheint bei Kharchenko in vielen Variationen: mit dem Motto »From the River to the Sea« über einem fotografisch nüchtern in Grautönen (wie ein Hologramm) gehaltenen traurig und ernst dreinblickenden Auschwitz-Überlebenden und Essayisten Jean Améry, der bereits 1969 mit dem »ehrbaren Antisemitismus« der Linken abrechnete. Neben schmelzenden Dali-Uhren ist hier auch die digitale Zeitangabe »6:29« zu sehen. Der 7. Oktober 2023 um 6.29 Uhr – eine jüdische Zeitenwende.
»Welcome to Jewish Museum«
Unterdessen lautet eine ähnlich bogenförmige Inschrift über dem schwarzen Schattenriss eines angreifenden Tyrannosaurus Rex »Welcome to Jewish Museum«. Wie auch die wiederkehrenden oder niemals richtig verschwundenen Saurier der Urzeit aus Steven Spielbergs Blockbuster Jurassic Park, der etwa gleichzeitig mit seinem Meisterwerk Schindlers Liste entstanden ist, ein zentrales Motiv von Kharchenko darstellen.
Sind wir, die Juden, die Dinos? Oder sind, umgekehrt, die Dinos wieder, oder immer noch, hinter uns her? Auf einem anderen Bild fliegt ein kleiner rosa Kurzschwanzflugsaurier, ein Pterodaktylus, aus dem Auschwitz-Tor, den Schnabel erschrocken geöffnet, offensichtlich auf der Flucht, über rot leuchtende Flecken auf schwarzem Grund, die an brennende Stadttrümmer erinnern.
Der Krieg ist eben doch nicht zu Ende. Jedenfalls, wie Kharchenko meint, nicht für uns.
»Welcome to Jewish Museum!« – Willkommen im Jüdischen Museum! Willkommen in einer Ausstellung mit jüdischer Thematik, wie sie in dieser Kühnheit und Radikalität wohl nur selten zustande kommt. Man würde sich wünschen, dass Bad/Good Jews eine noch größere Öffentlichkeit findet.
Besichtigung bis zum 14. Januar nach Voranmeldung über badgooodjews@gmail.com in den Räumen der Kunstschule Berlin, Immanuelkirchstraße 4