»Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine? «.

Rue La Boétie 21

Premiere 1925 in Rosenbergs Pariser Galerie: Pablo Picassos »Drei Musiker« Foto: Archiv

»Das letzte Mal, als man derartige Fragen gestellt hatte, ließ man die Menschen anschließend in einen Zug nach Drancy steigen!«, sagte Anne Sinclair mit erstickter Stimme, als sie 2010 von einem Pariser Beamten nach ihrer französischen Identität gefragt wurde.

In Drancy war zu Zeiten des Vichy‐Regimes Sinclairs Großvater väterlicherseits interniert, seine Frau konnte ihn in einer waghalsigen Aktion befreien. »Von der langen Misshandlung im Lager stark geschwächt und schwer krank, starb er später zu Hause in seinem Bett statt in der Gaskammer in Auschwitz, für die ihn der nächste Transport bestimmt hatte.« Sinclair hatte jene schmerzliche Geschichte als historische wie persönliche unauslöschbar vor Augen.

entdecker Wir wissen um die Metapher des Schmetterlingseffekts. Nicht der Schlag eines Flügels, sondern jener verbale einer bürokratischen Attacke brachte einen Stein ins Rollen, dessen Weg die bekannte Journalistin auf ungeahnte Bahnen führte. Das bedenkliche Spiel der Behörden mit »gefährlichen Begriffen« und der Tod ihrer Mutter sensibilisierten Sinclair für die Geschichte der Familie mütterlicherseits, besonders für die ihres Großvaters Paul Rosenberg. Aus dem Wunsch, eine »kleine Hommage« zu verfassen, entstand eine 200 Seiten umfassende Biografie des berühmten Galeristen, die nun in deutscher Übersetzung mit dem Titel Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine? vorliegt.

Das erinnerte Bild einer Elfjährigen ist Ausgangspunkt eines spannenden Streifzuges zu Schauplätzen und durch Dokumente eines bewegten Lebens, dessen Verdienst die Förderung und »Entdeckung zeitgenössischer großer Künstler« war. Zunächst schien alles zu schweigen, jene zu spät befragten Menschen ebenso wie die durch den Zeitgeist blank polierten Fassaden. Sinclair schreibt gegen die verblassende Erinnerung, gegen Schweigen und Verschweigen an.

Sie besuchte jede Lebensstation des Großvaters und der Familie, recherchierte, ohne Aufwand und Mühe zu scheuen, in Familien‐ und Museumsarchiven und in zeit‐ und kunstgeschichtlichen Schriften. Nicht alle Lücken sind schließbar, nicht auf alle Fragen findet sich eine Antwort. Es ist die Größe der Autorin, dass sie sich dann nicht in Spekulationen verliert, sondern diese Leerstellen als fragende Lehrstellen stehen lässt. Es gelingt ihr, nicht nur behutsam ein differenziertes Porträt des leidenschaftlichen Kunsthändlers zu zeichnen, sondern zugleich auch eine beeindruckende Chronik einer jüdischen Familie in den Wirren des 20. Jahrhunderts vorzulegen.

visionär In der 21 rue La Boétie, so der französische Originaltitel, beginnt Sinclairs Spurensuche. Dort hatte Paul Rosenberg 1912 seine Galerie eröffnet. Seine Existenzsicherung stellten noch lange Zeit aus der väterlichen Kunsthandlung übernommene, fortschrittliche Maler des ausgehenden 19. Jahrhunderts wie Cézanne, Manet, Degas, Monet oder Renoir dar.

Doch Auge und Herz hingen schon früh an Künstlern wie Picasso, Braque, Léger oder Matisse, denen man seinerzeit mit Unverständnis begegnete. Bereits 1923 organisierte Rosenberg eine Picasso‐Ausstellung bei Wildenstein in New York und schrieb an den Künstler: »Ihre Ausstellung ist ein großer Erfolg, und wie bei allen Erfolgen verkaufen wir absolut nichts! Man muss verrückt sein wie ich, oder erleuchtet wie ich, um Derartiges zu unternehmen.«

War Rosenberg ein hervorragender Händler, so handelte er jedoch auch später nicht mit Namen, sondern mit Meisterwerken, für die er ein »famoses Auge« besaß. Auch unter den Arbeiten seiner Favoriten, die er konsequent unterstützte, wählte er mit Bedacht aus. Als Vollblut‐Galerist und Visionär leistete Rosenberg einen erheblichen Beitrag zur Etablierung einer künstlerischen Moderne. So schenkt Sinclair den Beziehungen von Rosenberg zu seinen Künstlern, besonders der Freundschaft mit Picasso, zu Recht viel Aufmerksamkeit.

flucht Am Tag der Kriegserklärung 1939 schloss Rosenberg seine Galerie, brachte einige seiner Bilder in Sicherheit und zog mit der Familie nach Südfrankreich. Als im Juli 1940 die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung begann, sahen sich die Rosenbergs zur Flucht gezwungen und konnten mithilfe von Alfred Barr, dem Direktor des New Yorker Museum of Modern Art, in die USA emigrieren. Die Nazis und ihre Kollaborateure beschlagnahmten Rosenbergs gesamtes Vermögen und raubten mehr als 400 Kunstwerke. Nicht als Ironie, sondern als Zynismus des Schicksals erscheint es, dass 1941 in der rue La Boétie 21 ein »Institut für das Studium der Judenfragen« eingerichtet wurde.

Die ihm teuren Werke und Künstler in Frankreich einem ungewissen Schicksal überlassend, kam Rosenberg im Herbst 1940 mit Frau und Tochter nach New York, während sein Sohn Alexandre in Leclercs 2. Panzerdivision kämpfte und an der Befreiung von Paris 1944 beteiligt war. Paul Rosenbergs 1941 in der East 57th Street eröffnete Galerie PR & Co. – was in den Kinderohren der 1948 geborenen Anne Sinclair wie »Pi‐ar‐enco« klang – wurde eine wichtige Anlaufstelle für zeitgenössische europäische und amerikanische Kunst.

restitution Die letzten Lebensjahre Paul Rosenbergs waren bestimmt vom hartnäckigen Kampf um die Rückerstattung seiner Kunstwerke, dem die Autorin ein abschließendes Kapitel widmet. Sie rekonstruiert den »Angriff auf das künstlerische Erbe eines verwüsteten Kontinents« und wirft ein exemplarisches Licht auf die Skrupellosigkeit der Regimes, auf die – zum Teil ungesühnten – Kollaborationen und Verwicklungen, deren Schattenwürfe bis in die Gegenwart reichen. Nach unermüdlichen Recherchen und Prozessen erhielt die Sammlung Rosenberg Hunderte ihrer Kunstwerke zurück, 64 gelten weiterhin als verschollen.

Für Rosenberg ging es dabei um den Erhalt seines Lebenswerkes, doch zugleich wusste er: »Wir haben ein paar Bilder zurückbekommen, die die Deutschen oder unredliche Franzosen gestohlen hatten. Aber ich will mich nicht beklagen, das ist nichts im Vergleich zu den Gräueln, die die Nazis menschlichen Wesen jeglicher Rasse, Religion oder Hautfarbe angetan haben.«

Anne Sinclair: »Lieber Picasso, wo bleiben meine Harlekine? Mein Großvater, der Kunsthändler Paul Rosenberg«. Übersetzt von Barbara Heber‐Schärer. Antje Kunstmann, München 2013, 207 S., 43 Abb., 19,95 €

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