Debatte

Ringen um Sprache

Bei der Tagung der Bildungsabteilung im Zentralrat: Mia Alvizuri Sommerfeld, Alexander Estis, Sabena Donath, Laura Cazés, Rebecca Ajnwojner, Yael Reuveny, Erica Zingher (v.l.) Foto: TR

Ein traumatisches Ereignis und ein Wendepunkt, der Sprachlosigkeit hinterlässt: Mit dieser Einordnung zum 7. Oktober 2023 und seinen Folgen für die jüdische Gemeinschaft eröffnete Sabena Donath das Symposium »Generation und Gegenwart«. In Lesungen, Gesprächen und Performances kamen vergangene Woche im Frankfurter Ignatz Bubis-Gemeindezentrum jüdische Positionen der dritten Generation nach der Schoa zu Wort. »Die vielfältigen Stimmen aus Literatur, Kunst und Publizistik werden uns in den nächsten Tagen aus dieser Sprachlosigkeit herausführen«, versprach die Direktorin der Bildungsabteilung im Zentralrat der Juden in Deutschland.

Als »eine Zeit, in der Bündnisse, Freundschaften und Arbeitszusammenhänge prekär geworden sind«, beschrieb Luisa Banki die nunmehr neun Monate seit dem Überfall der Hamas und weiterer Terrorgruppen auf Israel. Die Leiterin des Netzwerks der Deutschen Forschungsgemeinschaft »3G. Positionen der dritten Generation nach Zweitem Weltkrieg und Schoa in Literatur und Künsten der Gegenwart« sprach als Co-Veranstalterin des Symposiums. Es bildete zugleich die Abschlussveranstaltung des seit 2020 bestehenden wissenschaftlichen Netzwerks.

Ist die dritte Generation nach der Schoa laut oder leise?

Ist die »3G« wirklich die »laute Generation«, als die sie hin und wieder bezeichnet wird? Dieser Frage ging das von Sabena Donath und der Publizistin Laura Cazés moderierte Eröffnungspodium nach. »Wir sprechen mehr, weil mit uns mehr gesprochen wurde«: Die Filmregisseurin Yael Reuveny sieht im engen Kontakt der Enkelgeneration zu den Großeltern einen Grund für ihre größere öffentliche Lautstärke. So sei sie in Israel in großer Nähe zu ihrer Großmutter, einer Schoa-Überlebenden, aufgewachsen: »Ihre Albträume sind zu meinen geworden.« Reuveny sagt, sie habe irgendwann realisiert, dass Deutschland »der Ort war, um mit meiner Zugehörigkeit zur dritten Generation umzugehen«.

Er sei »in leiseren Tönen unterwegs«, betont hingegen der in Moskau geborene, in der Schweiz lebende Autor und Publizist Alexander Estis. Sein Schreiben sei nicht allzu stark autobiografisch gefärbt. Für seinen Zugang zur deutschen Sprache seien die Tradition der jüdisch-deutschen Literatur und das Jiddische von Bedeutung. »Ich möchte auf das Deutsche zugreifen und es so formen, wie ich es mir als jüdisch-deutsches Schreiben imaginiere«, formuliert Estis seinen Anspruch. Für Erica Zingher ist journalistisches Schreiben ein Weg aus der eigenen und familiären Sprachlosigkeit. Sie habe das Glück gehabt, zu einer Sprache zu finden, so die Berliner Journalistin.

Warum viele jüdische Künstler, Autoren und Theatermacher seit dem 7. Oktober nicht wissen, ob sie weiterhin zu Themen wie Schoa und Erinnerungskultur arbeiten könnten, erläuterte Mia Alvizuri Sommerfeld. Viele Künstler seien auf Stipendien angewiesen. »Wir werden systematisch von diesen Förderungen ausgeschlossen«, beklagt die Mitarbeiterin des Instituts für Neue Soziale Plastik. Die ebenfalls prekäre Lage jüdischer Wissenschaftler verdeutlichten der Würzburger Judaistikprofessor Frederek Musall und die in Jena forschende Philosophin Hannah Peaceman. In den ersten Wochen nach dem Hamas-Massaker seien sie nicht in der Lage gewesen, wissenschaftlich zu arbeiten, berichteten beide.

Frederek Musall forderte eine Perspektive für
»den Tag danach«.

Für Musall »hat der Moment der Einsamkeit nicht nachgelassen«. Er beobachtet eine Isolation jüdischer Studierender. Gemeinsam mit Peaceman beklagt er die Dominanz eindeutiger politischer Positionierungen an Universitäten. Um diese Eindeutigkeit aufzubrechen, plädieren Musall und Peaceman für ein offenes und kritisches Denken, das Fragen zulässt. »Viele jüdische Texte bringen Ungewissheit zum Ausdruck«, betont Frederek Musall. Er fordert außerdem »eine Perspektive für den Tag danach – nach dem Krieg und nach dem, was die Situation mit unserer Community macht«.

»Wir wurden alle wieder zu Juden«

Wenn man sich dem »Danach« zuwende, so Marc Grünbaum, dann müsse man auch darüber nachdenken, »wie man wieder ins Sprechen gelangt«. Dass der Kulturdezernent der Jüdischen Gemeinde Frankfurt zum Abschluss des Symposiums das Dialogische hervorhob, ist kein Zufall: Mit Sasha Marianna Salzmann und Ofer Waldman traten zwei Autoren auf, die für das offene und grenzübergreifende Gespräch eintreten. Auf der Grundlage ihres unlängst unter dem Titel Gleichzeit erschienenen Briefwechsels entwickelte sich in Frankfurt ein Dialog, der Räume des Nachdenkens und Mitfühlens öffnete.

Für Salzmann, die nach eigenen Worten lange versuchte, sich möglichst wenig mit Israel zu beschäftigen, hat der 7. Oktober 2023 »einen neuen Nullpunkt gesetzt«: »Wir wurden alle wieder zu Juden.« »Die grundlegende Sicherheit ist weg«, weiß der im Norden Israels lebende Waldman. »Der 7. Oktober hat unsere Welt zerbrochen.« Israel stehe nach wie vor am Abgrund. Salzmann und Waldman plädieren eindringlich für einen Blick über die Grenze, zu den anderen Menschen. »Dieser Blick gibt mir Hoffnung«, sagt Ofer Waldman. »Dass wir gemeinsam Sprache finden, das gibt mir Hoffnung«, resümierte Sabena Donath das geglückte Symposium.

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