Finale

Rest der Welt

Immer, wenn Sukkot vorüber ist, stehe ich vor einem ungelösten Problem: Wohin mit dem Lulav? Wo kann ich dieses lange Gewächs entsorgen, ohne mich schuldig zu machen? Denn: Der Lulav ist etwas Heiliges, ähnlich wie die Glasschale der schnell beleidigten Schwiegermutter.

Man kann beides nicht einfach vor das Haus stellen und auf einen Vagabunden hoffen, der es dann mitnimmt. Gott und die Schwiegermütter mögen so etwas nicht. Die Rabbiner haben natürlich einen Ausweg gefunden. Entweder wirft man den Lulav in das Feuer für die Chametz-Verbrennung im Frühling oder man hängt ihn über der Eingangstür auf. Das soll angeblich Reichtum bringen.

Weinflaschen Den Termin im Frühling verschwitze ich immer. Über die Tür hänge ich auch nichts, ich weiß gar nicht, ob das die Hausverwaltung gestatten würde. Nein, bei mir stapeln sich im Keller die Lulavim. Zwischen den Weinflaschen und dem Hochzeitskleid meiner Frau. Mit den Jahren werden sie bräunlich und rascheln, wenn man aus Versehen an sie rankommt. Eine elegante Lösung sieht anders aus, das versteht sich.

Ein bisschen neidisch wird man als Jude schon, wenn man im Januar die vielen vertrockneten Weihnachtsbäume auf der Straße sieht, die von der Stadtreinigung einfach so abgeholt werden. Manchmal überlege ich mir, neben den vielen Bäumchen meine fünf Lulavim hinzustellen. Aber da pocht halt wieder mein verdammtes Unsicherheitsgefühl: Darf ich das? Welche Strafe erhalte ich für so etwas? Gucken die Nachbarn zu? Besser hat es da der Etrog, die Zitrusfrucht.

Mein 16-jähriger Neffe isst den mit Wonne. Ich frage ihn: »Schmeckt der nicht wie eine Zitrone?« – »Ich liebe Zitronen!« Dabei guckt er mit Begierde auf die Frucht. Auch die Hadassim (die Myrte) werden weiterverwendet, nämlich als Gewürze. Man zerstößt sie mit dem Mörtel zu Pulver. Nur der Lulav weigert sich, in der Wiederverwertungskette mitzumachen. Niemand will ihn essen und niemand will sich mit »Eau de Lulav« einschmieren. Dabei ist er so teuer gewesen. 60 Euro kostet er jedes Jahr.

Gerümpel Das ist viel Geld für jemanden, der keinen Lulav über der Eingangstür hängen hat: Wenn ich im Keller bin und wieder einmal über einen der Lulavim stolpere, werde ich manchmal schon wütend. Viel Gerümpel liegt da unten. Lauter Zeugs, das man nicht wegwerfen darf. Kinderzeichnungen, die nicht süß, sondern hässlich sind; Hochzeitskleider die an frühere Traumgrößen erinnern; unkoschere Weinflaschen von den Nachbarn, die mir jedes Jahr den gleichen Fusel zum Nationalfeiertag überreichen und – was sehe ich dort hinten?

Meine alten Liebesbriefe. Nein, nicht alles im Keller ist Schrott. Na ja, eigentlich sind die Kinderzeichnungen schon niedlich. Vielleicht passt meine Frau ja doch irgendwann wieder in das weiße Kleid. Und die Lulavim? Ach, Gott, dann bleiben die halt im Keller – bis der Messias kommt. Hoffentlich mit einem Zügelwagen.

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