Medien

Religion stört

Einsame Stimme: Der Berliner Rabbiner Yitshak Ehrenberg bei »Anne Will« Foto: imago

Selten waren sie präsenter, selten wirkten sie fremder: Rabbiner sind derzeit gefragte Gaste im deutschen Fernsehen. Sie sollen einem Volk erklären, was dieses nicht begreifen mag. Die Mehrheit der Deutschen – 56 Prozent laut einer Umfrage vom Juli – lehnen die religiös motivierte Beschneidung von Jungen ab. Nur 35 Prozent kritisieren das entsprechende Urteil des Kölner Landgerichtes. Lediglich jeder dritte Deutsche also steht an der Seite der Juden und Moslems, bei denen dieses Ritual die Aufnahme in ihre jeweilige Glaubensgemeinschaft besiegelt.

ausgrenzung Somit hat der jüdische Diskussionsteilnehmer schlechte Karten. Er unterzieht sich einer wahrlich sportlichen Herausforderung. Die Vox populi ist gegen ihn, und darum hat in der Regel die andere Seite den Applaus für sich. Ihm bleibt nur die Rolle dessen, der den Diskurs stört, weil er Begriffe verwendet, die im säkularen Sprachspiel so kurios klingen wie Eskimo‐Dialekte im Hörsaal. »Gott« ist ein solches Wort, »Bibel« ein anderes. Große Instanzen werden damit reklamiert, die der gemeine Deutsche für private Spezialvorlieben hält.

Man frage nach bei Yitshak Ehrenberg. Der Berliner Rabbiner setzte in der ARD‐Talkshow »Anne Will« am 11. Juli ein ums andere Mal an, er wolle »erklären, was Religion bedeutet«. Dass es Pflichten gebe, »die uns vorgeschrieben sind von Gott«, Menschenpflichten, Elternpflichten wie jene der Beschneidung am achten Tag. Aber die anderen Diskutanten wollten nur von Rechten reden, vom Recht des Kindes auf körperliche Unversehrtheit und religiöse Selbstbestimmung. So sprachen in großer Eintönigkeit die bekennende Atheistin, und Psychologin Angelika Kallwass – bekannt aus ihrer Pseudo‐Realityshow im SAT 1‐Nachmittagsprogramm – und der, so unlängst Charlotte Knobloch in dieser Zeitung, »von der Zirkumzision förmlich besessene Strafrechtler Holm Putzke«. Sie spielten sich die Bälle zu. Parallel fochten zwei muslimische Frauen ihren Binnenstreit aus. Rabbiner Ehrenberg saß zwischen allen Fronten und verstand die Welt nicht mehr. Zumindest hatte er das Schlusswort: »Beschneidung gehört in die Synagoge. Wir machen weiter.«

assoziationen Aufschlussreich war die Kaskade des sendungsbewussten Strafrechtlers Putzke, geboren 1973 in Sachsen. Er nahm für sich in Anspruch, »rational und nicht emotional« die »rechtswidrige Körperverletzung« des Kindes zu betrachten. Recht undifferenziert aber gelangte er zum Ergebnis, Religion dürfe in Deutschland keine »Narrenfreiheit« genießen und müsse sich dem Recht beugen – woraus wohl folgt, dass Juden, Moslems, Christen närrische Dinge tun. In einem Kommentar zum Kölner Urteil nannte Putzke die Beschneidung einen Akt »religiös motivierter Gewalt«. Die assoziative Brücke zum Selbstmordattentäter wird so geschlagen. Angelika Kallwass wiederum deutete die geringe Zahl von Juden und Moslems, die sich über ihre Beschneidung beschweren, mit der psychoanalytischen Denkfigur, »man identifiziert sich mit dem Aggressor«.

Der Mohel als Aggressor, die Juden als Gewalttäter: Ist es da ein Wunder, dass sich rasch zum Applaus auch jene Hand regt, die den Juden als dem Inbegriff des Fremden sowieso nicht über den Weg traut? Partout nicht einstellen wollen sich jene Heerscharen traumatisierter Männer, die jetzt herbeiimaginiert werden von rund 600 deutschen Juristen und Ärzten, die sich Initiator Matthias Franz angeschlossen haben: »Alle beschnittenen Männer haben ein genitales Trauma erlitten.« Mit Bild und Begriff wird insinuiert, was nicht bewiesen werden kann: »Sie« sind eben anders als »wir«, sie werden es immer bleiben, die Beschnittenen. Mit »Beschneidungsmessern aus dem 17. Jahrhundert« illustrierte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ihren Schwerpunkt zur Debatte. Damit ist im Bild ausgesagt, was viele Kommentatoren in Worte fassen: Es ist ein rückständiger, überholter Brauch. Weg damit!

»altertümlich« Eine Redakteurin der taz schreibt vom »Diktat des partiellen Menschenopfers« und schlägt vor, »weniger wegzuschneiden, später zu schneiden mit Einwilligung des Patienten, Ersatzrituale zu finden«. Das Darmstädter Echo beendet sein Plädoyer wider das »Altertümliche« mit dem Hinweis, für alle Menschen gälten »die Imperative ständiger Reformierung, Anpassung und Modernisierung«, niemand laufe mehr »mit wichtigen Nachrichten von Marathon nach Athen. Wir sind inzwischen einfach weiter.« Ergo: Die rückständigen Religiösen sind aus Zeit und Welt gefallen. Sie, die Juden, zählen nicht zum großen »Wir«.

Bisher wurde das Umfeld des Kölner Urteils kaum untersucht. »Jemand aus dem Krankenhaus«, sagte Putzke, habe den Fall des beschnittenen muslimischen Jungen der Polizei bekannt gemacht. Handelt es sich womöglich um jemand aus der neoatheistischen Szene? Dass Putzke seine Sicht der Dinge am vergangenen Wochenende in den Räumen der Giordano‐Bruno‐Stiftung, der Speersitze des deutschen Neoatheismus, darlegte, lässt auf eine Interessenidentität schließen. Die antireligiösen Kräfte schießen zusammen. Antisemitismus wird zum lässlichen Kollateralschaden, nicht intendiert, aber wohl geduldet.

Der Autor ist Medienwissenschaftler und Verfasser des Buchs »Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet«.

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