Urlaub

Reise nach innen

Einladend: die Ostseeinsel Usedom Foto: dpa

Ich gebe es zu: Ich war schon in Italien! Meine Tante, die so ziemlich alles überlebt hat, ist justament im Corona-Frühling 100 geworden. Was kann man da machen?

Am 3. Juni war die Grenze offen, und ich war eine der Ersten, die sie passiert haben. Österreichische Polizisten mit Mundschutz und Kalaschnikow ließen mich unterschreiben, dass ich auf keinen Fall in Österreich halten würde, weder zum Tanken noch zur Notdurft. Schwitzend unterzeichnete ich alles, mit den Österreichern ist nicht zu spaßen.

italien Kaum war ich in Italien, hielt ich für den obligatorischen ersten Espresso. Der schmeckte wie immer, nach Ferien und Domenico Modugno (Volare!), und alles war fast wie früher. Aber nur fast. Ein Mann hielt eine Art Pistole an meinen Kopf, er schoss Gott sei Dank nicht, sondern maß Fieber. Ich hatte keines, also durfte ich weiter trinken.

Der Gardasee sah aus wie eine Postkarte aus den 50er-Jahren, bunt und schön und ohne Touristen.

Im Heim zeigte ich meinen Test vor, durfte, mit Maske, zur Tante, die Mühe hatte, mich so vermummt überhaupt zu erkennen – dann allerdings freute sie sich sehr. Sie ist seit über drei Monaten in dieser Art Quarantäne … und fragt sich und mich, wie lange das noch gehen soll.

Meine Tante ist seit über drei Monaten in dieser Art Quarantäne … und fragt sich und mich, wie lange das noch gehen soll.

Für sie stellt sich die Frage nach den Ferien gar nicht, sie ist eingesperrt und darf nicht raus. Weder vor die Tür noch in den Garten. Wenn es im Herbst schlimmer wird, werde ich auch nicht mehr als in die Nähe des Fensters dürfen.

kollateralschaden Sie möchte einfach nur wieder Besuch bekommen, und frische Luft. Das Herz möchte einem zerspringen, wenn man an all die Alten in Quarantäne denkt. Aber das ist ein anderes Thema. Ein Kollateralschaden, gewissermaßen.

Inzwischen hat sich die Lage etwas entspannt. Die österreichischen Zöllner schießen nicht gleich, man darf pinkeln, und überhaupt, es sind Ferien.

Und nun die große Frage: Wohin? Und ob überhaupt? Darf man zu Corona-Zeiten in die Ferien außerhalb der eigenen Wohnung? Balkon ist erlaubt. Ebenfalls genehmigt ist die Ostsee. Die ist aber schon so voll, dass es eng wird. Und auch in der Uckermark und an der Nordsee: Deutsche und nochmals Deutsche.

fremde Wer Fremde sehen möchte, muss dieses Jahr sehr mutig sein. Denn die Ferne ist auf einmal wieder sehr weit weg. Vielleicht ist man der Einzige im kleinen Badeort? Vielleicht ist man gar nicht willkommen, weil potenzieller Virusträger? Vielleicht ist der Strand gesperrt oder für Deutsche nur von 10 bis 12 Uhr geöffnet, 12 bis 14 Uhr sind die Franzosen dran et cetera … Wer weiß?

Es wird alles gut. Wann genau, ist allerdings noch offen.

Möchte man das? Sich dem aussetzen? Was sind das dann noch für Ferien? Vielleicht ist es gescheiter, 2020 unter Erfahrung zu verbuchen und erst wieder 2021 die Wanderschuhe zuzubinden, um die Alpen zu überqueren. Es gibt eine Unmenge an »Vielleichts«. Das macht die Sache sehr kompliziert.

Wenn man reist, ist man schrecklichen Gefahren ausgesetzt, meint manche Presse, reist man nicht, werden unsere Urlaubsländer untergehen, sagt ebenfalls die Presse, es wird nie wieder den kleinen Griechen auf der kleinen, hübschen Insel für uns geben. Alle werden bankrott und insolvent sein, und wir, die wir sie hätten mit unserem Besuch retten könnten, haben angstverzerrte Münder hinter unserer Maske.

panikmache Andere Virologen sprechen von Panikmache. Alles halb so schlimm, schön Abstand halten und schwimmen gehen.

Vielleicht ist jetzt die letzte Chance, nach Split zu kommen? Andererseits: War man jemals im Harz? Werde ich in Erfurt schief angeschaut, wenn ich eine Maske trage, und darf ich in Gütersloh Fleisch essen? Es wäre am besten, ich fange schon mal mit dem Winterschlaf an, dann mache ich nichts verkehrt.

Werde ich in Erfurt schief angeschaut, wenn ich eine Maske trage, und darf ich in Gütersloh Fleisch essen?

Die Verwirrung ist groß, plötzlich sind alle Virologen und wissen, was richtig, was falsch ist. Man munkelt von einem zweiten, noch schlimmeren Lockdown im Herbst und von neuen Reisewarnungen. Aber auch von Entwarnung und genereller Immunität. Generelle Immunität … soso. Klingt nach einem Slogan, nach Werbung … für was eigentlich?

Es ist schwierig. Guter Rat teuer. Ich empfehle die Reise nach innen! Klingt mühsam, klappt aber trotzdem. Tief drinnen weiß ein/e jede/r, ob es für sie oder ihn das Beste ist, auf dem Sofa der heimischen Wohnung zu liegen und Krimis aus Barcelona zu lesen, statt dort hinzufahren.

entschleunigung Oder ob der Zauber der heimatlichen Wälder und Seen genau das Richtige ist im Jahr der Panik und Entschleunigung? Oder aber hinzufahren, ins leere Paris, Venedig oder Athen und die Familie, die Freunde in gebührendem Abstand und mit selbst genähter Maske zwar, aber dennoch zu treffen.

Corona, das Jahr, um sich unter die Lupe zu nehmen. Ein Abenteuer der besonderen Art. Wer bin ich? Und wer bin ich in den Ferien? Da gibt es kein falsch oder richtig, also Luft raus. Einatmen, ausatmen (durch die Maske natürlich) und abwarten. Es wird alles gut. Wann genau, ist allerdings noch offen.

PS: Es gibt auch Krimis aus der Bretagne oder aus Irland. Es gibt, glaube ich, Krimis zu jedem Reiseziel. Jedes Land lässt sich prima vom Sofa aus erobern … Man kann allerdings auch fast überall wieder hinfahren.

Die Autorin ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.

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