Meinung

Rechtsrap im Google Play Store

Wird aufgrund seiner rechtsextremen Texte seit Jahren vom Verfassungsschutz Bayern beobachtet: Chris Ares Foto: imago

Deutschrap ist in den letzten Jahren zu einer der populärsten Jugendkulturen in unserem Land geworden. Lieder von Deutschrappern werden millionenfach auf Musikstreamingdiensten wie Spotify und Apples iTunes angehört. Neben bekannten Szene-Größen wie Capital Bra, RAF Camora und Juju finden sich auch Lieder des rechtsextremen Rappers Chris Ares auf diversen Online-Streamingangeboten.

Bei Chris Ares, gebürtig Christoph Zloch, handelt es sich um den Star der deutschen Rechtsrap-Szene, der seine rechtsextreme Ideologie geschickt in eingängige Songs verpackt. Für ihn sei es wichtig, die Jugend mit »Anglizismen-Deutsch« und »coolen Beats« zu erreichen, betont er oft.

IDEOLOGIE Seine Texte kreisen um Heroisierung der deutschen Geschichte, Rassismus gegenüber Migranten sowie antisemitischen Verschwörungsideologien. Aufgrund seiner Zeilen und seiner Nähe zur rechtsextremen »Identitären Bewegung« (IB) wird Ares seit Jahren vom Verfassungsschutz Bayern beobachtet und taucht regelmäßig in den Berichten der Verfassungsschützer auf.

Ares wird seit Jahren vom Verfassungsschutz Bayern beobachtet und taucht regelmäßig in den Berichten der Verfassungsschützer auf.

Aus seiner Nähe zur vom Verfassungsschutz als rechtextremistisch eingestuften Identitären Bewegung macht Ares keinen Hehl. Im Sommer 2018 trat Chris Ares auf dem Identitären Festival auf der Dresdner Cockerwiese auf, er schrieb den Begleittext zur IB-Kampagne »Defend Europe«, tritt regelmäßig in Livestreams mit dem Leiter der IB-Österreich Martin Sellner auf und übernimmt die antisemitische Verschwörungsideologie des »Großen Austausches«. Jene Ideologie, die dazu beitrug, dass Rechtsterroristen in Christchurch, Halle und Hanau mehrere Menschen ermordeten.

FEINDBILDER In den Texten des gebürtigen Freiburgers finden sich immer wieder die Feindbilder der »Neuen Rechten«. So rappt Ares über die Erzeugung einer »Mischrasse«, »Heuschrecken«, die Europa überfallen würden und beleidigt Henry Morgenthau, Theodore Newman Kaufmann und George Soros. Die drei jüdischen Männer werden von Rechtsextremen für den sogenannten Bevölkerungsaustausch verantwortlich gemacht.

In den Tracks »Genozid am Volk« und »Fremdbestimmt« rappt Chris Ares Mal über machthungrige »Eliten«, die »Hochfinanz und kleine Cliquen«, die die Medien okkupieren und die Welt beherrschen würden. Neben meiner Ansicht nach lupenrein rassistischen und antisemitischen Texten verherrlicht der Deutschrapper auch den Rechtsterrorismus.

»Sie reden von Schläfern, aber haben keinen Plan, wie viele unserer Männer darauf warten, endlich loszuschlagen.«

Chris Ares

Nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke im Juni 2019, sprach der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz Thomas Haldenwang von dem mutmaßlichen Täter Stephan E. als einen »Schläfer«. Bei Schläfern handelt es sich um Personen aus der rechtsextremen Szene, die in den vergangenen Jahren eher zurückhaltend agierten. Auf seinem Track »2060« rappt Ares: »Sie reden von Schläfern, aber haben keinen Plan, wie viele unserer Männer darauf warten, endlich loszuschlagen.«

»SCHLÄFER« Für den Journalisten und Autor des Buches »Der Begriff ›Heimat‹ in rechter Musik. Analysen – Hintergründe – Zusammenhänge«, Timo Büchner, ist das eine klare Positionierung: »Die »Schläfer«-Zeilen von Chris Ares sind indes weit mehr als eine nüchterne Bestandsaufnahme, nach der sich Neonazis auf den Tag X vorbereiteten. In den Zeilen positioniert sich der Rapper.«

Am 3. Juli nun veröffentlichte Ares sein neues Album »Ares«, welches auf den üblichen Verkaufs- und Streamingportalen erhältlich ist. Aufgrund seiner Texte hagelte es viel Kritik, sodass Amazon, Spotify und letztlich auch Apple iTunes - wenn auch nach längerem Zögern - sein Album entfernten. Doch auf vielen anderen Onlineportalen wie zum Beispiel Google Play - mit halbherzigem Warnhinweis - oder YouTube ist das Album mitsamt seinen toxischen Aussagen noch erhältlich.

Für mich und viele andere Nutzer und Nutzerinnen ist das unverständlich; es ist ein Schlag ins Gesicht für die jüdische Gemeinschaft und trifft ins Herz der Demokratie. Wenn die Gesellschaft sich wirklich auf Übereinkünften wie »Nie wieder!« und »Kein Platz für Antisemitismus!« geeinigt hat und kein wohlfeiles Versprechen sein will, müssen nun auch Google Play und andere Anbieter endlich nachziehen.

Der Autor ist stellvertretender Vorsitzender der Jüdischen Studierendenunion Deutschlands (JSUD).

Jüdisches Museum Berlin

Auszeichnung für Madeleine Albright und Igor Levit

»Preis für Verständigung und Toleranz wird an diesem Samstag verliehen – wegen Corona ohne Gäste

 27.10.2020

Film

Menschenrechts-Filmpreis für »Masel Tov Cocktail«

Die Satire von Arkadij Khaet und Mickey Paatszch wird in den Kategorien Hochschule und Bildung ausgezeichnet

 27.10.2020

Amsterdam

Raubkunst-Prozess: Erben wollen Kandinsky zurück

Gut 80 Jahre nach dem Verkauf muss ein Gericht entscheiden, wem das »Bild mit Häusern« gehört

 27.10.2020

Potsdam

Musikalische Protestaktion gegen AfD

Bei der Kundgebung gegen die Wahl des Vorsitzenden der Landtagsfraktion wird der Pianist Igor Levit erwartet

 26.10.2020

Islamische Kunst in Jerusalem

Unter dem Hammer?

Museum will seltene Artefakte bei Sotheby’s anbieten – Israels Präsident Rivlin will das verhindern

von Sabine Brandes  26.10.2020

»Autokratie überwinden«

Demokratische Dissidentin

Masha Gessens Warnschrift ruft zur Stärkung der Institutionen gegen autoritäres Regierungshandeln auf

von Marko Martin  25.10.2020

Batwoman

Die jüdische Superheldin

Sie gehörte schon immer zu den spannendsten Figuren in der Comic-Literatur. Doch erst langsam wird deutlich, wie viel sie zur Sichtbarmachung von queer-jüdischen Frauen beigetragen hat

von Frederek Musall  25.10.2020

Meinung

Alles Einzelfälle?

Die Süddeutsche Zeitung und der Fall Igor Levit: Ein Offener Brief

von Philipp Peyman Engel  22.10.2020

»Borat 2«

Borat stellt Trump-Anwalt Giuliani eine äußerst delikate Falle

Wie in seinem ersten Kultfilm legt Sacha Baron Cohen auch in der Fortsetzung wieder Leute rein

 22.10.2020