Krimi

Rabbi Small ist zurück

Lange waren die beliebten Erzählungen vergriffen. Jetzt erscheinen sie neu

von Kevin Zdiara  16.11.2015 19:32 Uhr

Mord ist sein Hobby: Der Rabbiner löst seine Fälle ganz nebenbei. Foto: Thinkstock

Lange waren die beliebten Erzählungen vergriffen. Jetzt erscheinen sie neu

von Kevin Zdiara  16.11.2015 19:32 Uhr

Detektivgeschichten sind nicht gerade als jüdisches Genre bekannt. Sicherlich, es gibt mit den israelischen Autoren Batya Gur und Dror Mishani renommierte Schriftsteller, die ihre Kriminalfälle in einer jüdischen Umgebung spielen lassen. Auch die Bücher der jüdisch‐amerikanischen Erfolgsschriftstellerin Faye Kellerman zeichnen sich durch jüdische Figuren und Motive aus.

Alles in allem aber fristen Detektiv‐ und Kriminalerzählungen immer noch ein randständiges Dasein in der jüdischen Literatur. Dabei gab es Anfang der 60er‐Jahre mit der Krimireihe um Rabbi David Small des jüdisch‐amerikanischen Schriftstellers Harry Kemelman einen vielversprechenden und erfolgreichen Vorreiter in Sachen jüdischer Krimis.

Kemelmans Rabbi David Small war so etwas wie das jüdische Pendant zu Chestertons katholischem Pater Brown: ein Geistlicher, der ganz nebenbei Mordfälle löst. Damit hatte Kemelman durchaus Erfolg: 1965 erhielt er für sein Erstlingswerk Am Freitag schlief der Rabbi lang den renommierten Edgar‐Allan‐Poe‐Award, den wichtigsten Krimipreis der USA. In Deutschland haben sich die elf Bände der Rabbi‐Small‐Serie über sieben Millionen Mal verkauft.

anfänge Kemelman kam 1908 in Boston als Kind russisch‐jüdischer Einwanderer zur Welt. Dort wuchs er in einem Stadtviertel auf, das stark von jüdischer Kultur und jüdischem Leben geprägt war. Er studierte englische Literatur und Philologie an der Boston University und später an der Harvard University. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs veröffentlichte er 1947 mit Nine Mile Walk seinen ersten Band mit Krimi‐Kurzgeschichten. Darin löst Nicholas Welt, Dozent für englische Sprache und Literatur, Verbrechen alleine mithilfe seines messerscharfen Verstands. Diese Erzählungen können zweifellos als Vorarbeiten zu Kemelmans erfolgreichen Romanen über Rabbi Small gelesen werden. Der Autor selbst sagte später einmal, Nicholas Welt sei eine Art Sohn von Rabbi Small gewesen.

Anfang der 50er‐Jahre zog Kemelman nach Marblehead, einem Küstenort in Massachusetts, wo er mehr als vier Jahrzehnte lebte und 1996 verstarb. Der Umzug in die Kleinstadt sollte folgenreich sein: Denn aus seinen dortigen Erfahrungen mit der jüdischen Gemeinde gingen schließlich seine Rabbi‐Small‐Geschichten hervor. Die Ähnlichkeiten zwischen Marblehead und dem Städtchen Barnard’s Crossing aus seinen Romanen verhehlte Kemelman nie.

In seinen Büchern interessiert ihn vor allem das Spannungsverhältnis zwischen einer jüdischen Mittelschicht einerseits, die sich in den 60er‐Jahren in den USA langsam zunehmend an ihre Umgebung assimilierte, und den religiösen Traditionen des Judentums andererseits. Ein Ereignis hatte sich ihm besonders eingebrannt, wie er später berichtete: Ein Mitglied seiner Gemeinde hatte den Rabbiner gebeten, seinen neuen Cadillac zu segnen. Der Rabbiner lehnte mit der Begründung ab, er würde keine Autos segnen.

Geburt Der Cadillac‐Besitzer und andere Gemeindemitglieder reagierten mit vollkommenem Unverständnis. Darüber schrieb Kemelman ein Buch. Doch sein Herausgeber Arthur Fields hielt die Geschichte für zu banal und schlug scherzhaft vor, die Episode mit seinen früheren Detektiv‐Erzählungen zu verbinden. Kemelman nahm ihn beim Wort – Rabbi Small war geboren.

Der Ermittler ist der Archetypus des jüdischen Gelehrten: Bücher sind für ihn wichtiger als ein faltenloser Anzug oder eine ordentlich sitzende Frisur. Er ist kein Selbstdarsteller und zieht die Religion der Public Relations vor, oftmals zum Ärger des Gemeindevorstandes. In seinen Geschichten gibt Kemelman Einblicke in das Leben einer jüdisch‐amerikanischen Kleinstadtgemeinde der 60er‐Jahre, die exemplarisch für viele Gemeinden jener Zeit steht. Ihre Mitglieder sind engagiert und selbstbewusst, sie sehen im Judentum aber eher einen gesellschaftlichen Klub als das Leben religiöser Werte. Nebenbei werden dem Leser Fragen des Judentum, dessen Rituale, Feiertage sowie die Bedeutung und Funktion des Rabbiners nahegebracht. Kemelmans Bücher werden dadurch auch zu einer kritischen Betrachtung des modernen Judentums.

Die eigentlichen Erzählungen zeichnen sich dabei durch eine Bedächtigkeit aus, die sie von den effektheischenden und komplexen Krimis heutiger Zeit unterscheidet. Man merkt ihnen an, dass sie aus einem anderen Jahrzehnt stammen, ohne dass sie altbacken oder behäbig wirken. Was Small in allen seinen Fällen ausmacht, ist sein logisches Vorgehen, sein Interesse an der Wahrheit und seine moralische Klarheit.

Seine Verpflichtung auf diese Aspekte ist dabei so unbedingt, dass er sich in seinem ersten Fall sogar selbst zum Hauptverdächtigen macht. Methodisch greift er für die Lösung der Fälle auf die talmudische Tradition des Pilpul zurück, nur dass sich die genaue Analyse und Diskussion nicht auf Textabschnitte bezieht, sondern auf Indizien und Zusammenhänge. Sein Diskussionspartner hierbei ist kurioserweise der irisch‐katholische Polizeichef Hugh Lanigan.

Hakenkreuz Gleichzeitig gelingt es Kemelman, seine Geschichten aus dem engen jüdischen Fokus zu lösen und in breitere gesellschaftliche Situationen einzubinden. Er nimmt sich stets viel Platz, um alle Charaktere ausführlich einzuführen und dem Leser den Kontext für die Verbrechen zu liefern. Dabei zeigt er auch auf, wie dünn die Decke in den 60ern sein konnte, die die US‐Gesellschaft vom Judenhass trennte. Als etwa eine Frauenleiche auf dem Grundstück der Synagoge gefunden und der Rabbiner selbst als ein möglicher Verdächtiger gehandelt wird, tauchen schon bald die ersten Stimmen auf, die von Ritualmord sprechen. Kurz darauf wird Smalls Haus mit einem blutroten Hakenkreuz beschmiert.

Bedauerlicherweise waren die deutschen Übersetzungen lange Zeit vergriffen, umso erfreulicher ist es, dass sich jetzt der Unionsverlag den Wochentagen der Small‐Reihe angenommen hat und sie gesammelt veröffentlicht. Es bleibt nur zu hoffen, dass nach den sieben Bänden der Wochentage auch bald die übrigen vier Bücher aus der Serie folgen werden. Denn eines steht nach der Lektüre der rund 2000 Seiten fest: Harry Kemelmans Krimis machen süchtig.

Harry Kemelman: »Durch die Woche mit Rabbi Small«. Sieben Bände. Unionsverlag, Zürich 2015, 1952 S., 49 €

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