Fotografie

Quadratur des Bildes

Fast liebevoll schaut Naomi Leshem den schlafenden jungen Mann an. Es ist das Porträt eines Teenagers, an der Wand in ihrem Studio. Den Mund hat er offen, die Lippen sind geschwollen. Fast hört man ihn atmen. »Ich liebe Tests!«, sagt die mädchenhaft wirkende 47-Jährige. Ein Test ist ein Ausschnitt, den die Druckerei ausgesucht hat, damit Leshem Druckqualität und Papier, Farben und Auflösung prüfen kann. Für Leshem eines der liebsten Details ihrer Arbeit: »Der Ausschnitt ist zufällig, er zeigt, dass das Ganze Teil eines Prozesses ist.«

umbrüche Prozesse – Entstehen, Vergehen und das Dazwischen – sind das Metathema der Fotografin, die bis zum 7. November im badischen Bühl Arbeiten ausstellt. Die Veränderung von Dingen, Orten, Menschen im Lauf der Zeit zieht sich durch alle ihre Bilderserien. Für die Serie »Way to Beyond« hat Leshem Orte besucht, an denen Menschen gestorben sind – ein Becken im Schwimmbad, der See Genezareth. Die Bilder der Reihe »Lizette« zeigen Ariel, eine der größten Siedlungen im Westjordanland, stets aus der gleichen Perspektive, doch in verschiedenen Jahreszeiten. Für »Runways« hat sie junge israelische Frauen kurz vor ihrem Wehrdienst auf Rollfeldern fotografiert. Stets befinden sich ihre Subjekte in einer Umbruchsituation.

Auch Naomi Leshem hat lange in einem Zwischenzustand verbracht, bevor sie ihren Weg fand. Nach ihrer Ausbildung am Jerusalemer Hadassah-College verdiente sie ihr Geld mit Architekturfotografie, spezialisiert auf Innenausstattung. Mitte der 90er-Jahre begann sie, mit Polaroids zu experimentieren. Lange Zeit machte sie beides nebeneinander – kommerzielle und künstlerische Fotografie. Reif genug, nur noch Kunst zu machen, fühlte sie sich etwa zehn Jahre später. Da hatte sie ersten Soloausstellungen in Israel hinter sich, ihre Arbeiten waren in New York und in der Schweiz zu sehen gewesen. Inzwischen ist Leshem angekommen. Voriges Jahr erhielt sie die angesehenste israelische Auszeichnung für Fotografie, den Leon Constantiner Preis des Tel Aviv Museum of Art. Ihr Buch Runways wurde für den Deutschen Fotobuchpreis nominiert.

analog Anders als viele ihrer Kollegen arbeitet Leshem immer noch analog mit einer Hasselblad 6x6. Exakter müsse man dabei sein, sagt sie, sich genau überlegen, was man möchte. Auch im Ergebnis seien analoge Fotografien schöner. Digitale und analoge Fotografie sind für die Israelin wie CD versus Schallplatte. »Auf der CD ist der Ton sauberer. Aber der Klang von Vinyl ist unverwechselbar.« Dem analogen Bild sehe man an, dass es das Ergebnis eines Prozesses sei, bei dem Unvorhergesehenes passiert ist. Einfluss darauf, was aus einem Bild werde, habe der Fotograf nur bedingt. »Selbst wenn ich ein Bild so liebe, wie es ist, ist es nie fertig. Sobald es an der Wand hängt, hat es ein Eigenleben.« Erst beim Betrachten ihrer Runway-Serie hat Leshem beispielsweise festgestellt, dass sie die Mädchen in unterschiedlichem Abstand von der Kamera positioniert hatte, obwohl ansonsten alles durchkomponiert war. »Unbewusst habe ich sie so hingestellt, wie es ihrem Fortkommen entspricht.«

Dass hinter ihren Bildern ein ausgefeiltes Konzept steckt, betont Leshem auch durch das Format. Alle ihre Fotos sind quadratisch. »Es unterstreicht das Ausschnitthafte«, erklärt sie, »indem ich die rechteckige Sichtweise der menschlichen Augen durchbreche.« Die Mischung aus Komposition und kalkuliertem Zufall gibt Leshems Bildern eine Einprägsamkeit, die auch bei wiederholtem Betrachten noch neue Dimensionen entwickelt.

Frauenhaus Naomi Leshem lebt mit ihren Töchtern, 18 und 20 Jahre alt, einem Hund und sechs Katzen in ihrem Haus in Kirjat Ono, einer Vorstadt von Tel Aviv. Ein Frauenhaushalt ohne den vor Jahren verunglückten Ehemann. Es war dieses Detail, das Journalisten am meisten interessierte. Deshalb hat die Fotografin lange keine Interviews gegeben. Sie wollte ihrer Kunst wegen wahrgenommen werden, nicht als fotografierende Witwe.

Hat Leshem eine neue Idee, bespricht sie sich meist mit ihren Töchtern. »Die kennen mich, haben eine gute Perspektive.« Und sie befragt ihre Schüler. Leshem unterrichtet seit Jahren. Das ist ihr wichtig, um nicht in der Käseglocke der Kunstwelt zu verharren.

Dass Naomi Leshem ausgerechnet in Bühl ihre erste Deutschlandausstellung hat, ist kein Zufall. Ihr Vater stammt aus der badischen Kleinstadt. Dass er als Jude dort nicht lange leben konnte, zeugt vom Vergehen. Dass die Tochter jetzt zurückkehrt, ist ein Werden.

»Pisten und Wege« – Fotografien von Naomi Leshem. Friedrichsbau, Bühl, bis 7. November

Sprachgebrauch

Der schwierige Umgang mit dem Erbe

Die nationalsozialistische Vergangenheit und ihre Giftpfeile in der heutigen Alltagssprache

von Julia Bernstein  27.01.2020

Los Angeles

US-Regisseure zeichnen Sam Mendes für »1917« aus

Der Award für das beste Regiedebüt ging an die Israelin Alma Har’el

 26.01.2020

»Messiah«

Der Erlöser spricht Iwrit

Die Serie verlegt die Ankunft des Gesalbten in die Gegenwart

von Sophie Albers Ben Chamo  25.01.2020

Dresden

Verhandlungen über Jüdisches Museum

Pläne für Museumsgebäude werden konkreter – möglicher Standort ist der Alte Leipziger Bahnhof

 24.01.2020

Berlin

Beuth-Hochschule wird umbenannt

Namensgeber Christian Peter Beuth war Antisemit – eine Ausstellung soll seine judenfeindliche Haltung thematisieren

 24.01.2020

Hören!

Zeugen sterben, Dinge erinnern

Der Deutschlandfunk widmet eine »Lange Nacht« den letzten Habseligkeiten der Ermordeten in Auschwitz

 24.01.2020

Wuligers Woche

Rat und Schläge

Wenn Medien nichts mehr einfällt, gibt es immer noch das Jüdische Museum Berlin

von Michael Wuliger  23.01.2020

Literatur

Auf eine Suppe in Stuttgart

Eine Erinnerung an den israelischen Schriftsteller Aharon Appelfeld sel. A.

von Anat Feinberg  23.01.2020

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  23.01.2020