Ausstellung

Prinz Jussufs Bilder

Else Lasker-Schülers Blick auf das Fremde Foto: juedischesmuseum.de

Ausstellung

Prinz Jussufs Bilder

Das Jüdische Museum Frankfurt zeigt Else Lasker-Schüler als Zeichnerin

von Alexander Kluy  20.09.2010 18:43 Uhr

»Nachts«, verkündete Else Lasker-Schüler, »versammeln sich alle meine Vorfahren in meinem Zelt, Kalifen und Derwische und Paschas in hohen Turbanen«. Unbestritten gehört die Dichterin und Dramatikerin mit Paul Celan und Nelly Sachs zum Großartigsten, was die deutsch-jüdische Lyrik im vergangenen Jahrhundert hervorbrachte.

Von den beiden anderen, die auf ganz unterschiedliche Weise die Schoa literarisch verarbeiteten, unterschied die 1869 in Wuppertal-Elberfeld Geborene, dass sie zudem noch ein künstlerisches Werk schuf. Das Jüdische Museum Frankfurt zeigt nun eine Schau, die der Direktor Raphael Gross schon seit Langem realisieren wollte – eine Retrospektive: Else Lasker-Schüler als Zeichnerin. Dass in diesem Sommer die elfbändige Lasker-Schüler-Werkausgabe im Jüdischen Verlag abgeschlossen wurde, ist da vielleicht mehr als nur eine schön sich fügende Koinzidenz.

Inspiration Es ist eine fantastische Welt, in die man im Jüdischen Museum eintaucht. Die Ausstellungspromenade der Kuratorin und ausgewiesenen Lasker-Schüler-Expertin Ricarda Dick folgt klugerweise der Chronologie und ist in neun Kapitel unterteilt. Die ersten drei Räume zeigen die Anfänge: die den oft leidenschaftlichen Briefen und Karten beigefügten Illustrationen und in den Text hineingestrichelten Porträts Lasker-Schülers. Aber auch essenzielle Inspirationen wie die Kunst des alten Ägypten und die von Zeitgenossen wie dem bayerischen Maler Franz Marc. Der ließ sich zwei Jahre lang, bis zu seinem Tod 1915, vergnügt auf das halb koboldhaft-komödiantische, halb messianische, zwischen Scherz, Schmerz, Not und literarischer Ich-Multiplikation oszillierende Maskenspiel ein.

Als Else Lasker-Schüler 1894 nach Berlin zog, hatte sie mehrere Jahre lang Zeichenunterricht genommen, sich dann jedoch stark auf die Literatur konzentriert. Das Bezaubernde ihrer Tusch- und Kreidearbeiten, ihrer Skizzen und raren Künstlerbücher, die so umfassend bisher noch nie öffentlich gezeigt worden sind, liegt aber im Spontanen und Impulsiven. Immer wiederkehrende Themen und Motive variierte sie kreativ: die fantasievolle Aneignung von Jüdischem und Ur-Mythischem, Dekorativem wie Sterne auf Gesichtern und Kleidern, vor allem jedoch ihre Spiel- und Spiegelfigur Prinz Jussuf von Theben.

Jerusalem Daneben gibt es »Ashanti-Indianer«, Farbige, Tiere und Tibeter, Orientalisches und, sich intensivierend, (Ost) Jüdisches. All das wird in Frankfurt anhand von 150 Exponaten vorgeführt, einige der Werke sind zum ersten Mal zu sehen. Bereits 1915 wurden einige Zeichnungen von Else Lasker-Schüler öffentlich gezeigt. Später stellte sie in großen Kunstgalerien aus. Nach 1933 – sie war in die Schweiz geflohen – gab es eine Schau in London und eine in Jerusalem. Nach ihrem Tod im Januar 1945 verstrichen 30 Jahre, bis ihre weltweit verstreuten Werke wieder zu sehen waren.

Vieles ist heute verloren – durch die Verfolgung der Nazis, durch Lasker-Schülers Flucht in die Schweiz und infolge ihrer 1939 erzwungenen Übersiedlung nach Palästina – die Schweizer Grenzpolizei hatte sie nicht mehr einreisen lassen.

Bis zu ihrem Tod 1945 lebte Lasker-Schüler vereinsamt, verarmt und des Hebräischen nicht mächtig als fast sprachloses Gespenst, wie sich der junge Germanist Heinz Politzer erinnerte, in Jerusalem. Eine ihrer letzten Arbeiten betitelte sie mit »Im Grauen der Einsamkeit«.

Dennoch ließ sie auch in Jerusalem nicht vom Romantisieren des Alltags ab, selbst wenn sie sich in den Bewegungen Brit Schalom und Ichud engagierte. Noch ihren letzten Brief ziert ein gezeichnetes Porträt Jussufs, der ihr schelmisches Alter Ego war, darunter ein Wort: »ich«.

»Else Lasker-Schüler. Die Bilder«, Jüdisches Museum Frankfurt am Main, bis 9. Januar, danach in Berlin im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart. Der Katalog (Jüdischer Verlag bei Suhrkamp) kostet im Museum 29 Euro.

www.juedischesmuseum.de

Hollywood

Die »göttliche Miss M.«

Schauspielerin Bette Midler dreht mit 80 weiter auf

von Barbara Munker  28.11.2025

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025

Projektion

Rachsüchtig?

Aus welchen Quellen sich die Idee »jüdischer Vergeltung« speist. Eine literarische Analyse

von Sebastian Schirrmeister  28.11.2025

Kultur

André Heller fühlte sich jahrzehntelang fremd

Der Wiener André Heller ist bekannt für Projekte wie »Flic Flac«, »Begnadete Körper« und poetische Feuerwerke. Auch als Sänger feierte er Erfolge, trotzdem konnte er sich selbst lange nicht leiden

von Barbara Just  28.11.2025

Aufgegabelt

Hawaij-Gewürzmischung

Rezepte und Leckeres

 28.11.2025

Fernsehen

Abschied von »Alfons«

Orange Trainingsjacke, Püschelmikro und Deutsch mit französischem Akzent: Der Kabarettist Alfons hat am 16. Dezember seine letzte Sendung beim Saarländischen Rundfunk

 28.11.2025 Aktualisiert

Fernsehen

»Scrubs«-Neuauflage hat ersten Teaser

Die Krankenhaus-Comedy kommt in den Vereinigten Staaten Ende Februar zurück. Nun gibt es einen ersten kleinen Vorgeschmack

 28.11.2025

Eurovision Song Contest

Spanien bekräftigt seine Boykottdrohung für ESC

Der Chef des öffentlich-rechtlichen Senders RTVE gibt sich kompromisslos: José Pablo López wirft Israel einen »Genozid« in Gaza und Manipulationen beim Public Voting vor und droht erneut mit dem Austritt

 28.11.2025

Imanuels Interpreten (15)

Elvis Presley: Unser »King«

Fast ein halbes Jahrhundert nach Elvis’ Tod deutet viel darauf hin, dass er Jude war. Unabhängig von diesem Aspekt war er zugleich ein bewunderns- und bemitleidenswerter Künstler

von Imanuel Marcus  28.11.2025