FRANKREICH

Post statt Madeleines

Anne Berest im November 2022 beim Internationalen Filmfestival in Marrakesch Foto: picture alliance / abaca

Anne Berest würde wild abwehrend erröten ob dieses Vergleichs. Aber ja, Marcel Prousts Reise in die Vergangenheit, getriggert vom Geschmack einer in Tee getunkten Madeleine, kommt einem in den Sinn.

Die sinnliche Szene in seinem Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist genauso berühmt wie das monumentale Werk selbst, dessen erster Band 1913 im Grasset-Verlag erschienen ist. Darin erinnert sich der Autor an seine Kindheit mit Über-Mamme und das Lieben und Leiden der jüdischen High Society im Frankreich zur Jahrhundertwende.

NACHFAHREN Knapp 110 Jahre später und mit 544 Seiten deutlich kürzer ist im selben Verlag Anne Berests grandioser Roman Die Postkarte erschienen. Mit bereits mehr als 300.000 verkauften Exemplaren ist er einer der erfolgreichsten Romane Frankreichs der letzten Jahre – und das in Zeiten des immer wieder auflodernden Antisemitismus. In ihrem Buch erzählt Berest auch, wie es den Nachfahren Swanns hätte ergehen können.

Statt Tee und Madeleines gibt es diesmal Post. Wie ein Donnerschlag hallt es im Kopf, als eine jüdische Familie in Paris 2003 eine Ansichtskarte erhält, auf der vier Namen stehen: »Ephraïm, Emma, Noémie, Jacques«. Vater, Mutter, Tochter, Sohn; Eltern, Großeltern, Schwester und Bruder, Tante und Onkel der Familie in Paris, die in Auschwitz ermordet wurden.

Aus Angst verschwindet das Stückchen Karton so schnell, wie es angekommen ist.

Aus Angst vor der möglichen Herkunft und Bedeutung des Stückchens Karton verschwindet es so schnell wieder, wie es angekommen ist. Tochter Anne, die auch die damals 24-jährige Autorin ist, zeigt wenig Interesse und wundert sich nicht. Sie ist das Schweigen gewohnt.

kontinuität Bis 15 Jahre später ihre kleine Tochter in der Schule antisemitisch beschimpft wird. Schlagartig liegt die ein Leben lang verdrängte Kontinuität frei, fühlt Anne die schmerzenden Leerstellen in der Familie und in sich selbst. Plötzlich ist sie bereit. Sie will wissen, wer die Postkarte geschrieben hat und was es für sie und ihr Leben im 21. Jahrhundert bedeutet.

So beginnt eine emotionale Detektivgeschichte, die zugleich ein autobiografischer Roman ist. Tatsachen und sensible Fiktion verschmelzen. Alle drei, vier Sätze umarmt es einem das Herz, wenn Berest voller Liebe, Witz und Wärme Menschen aufleben lässt, die sich ärgern, sich freuen, die arbeiten, die sich lieben oder auch nicht, die planen und hoffen und bei alldem so tragisch ahnungslos sind, an das gute Ende, an die Vernunft des Menschen glaubend, dass man laut aufschreien möchte.

Immer tiefer gräbt Anne sich in den Alltag der Vorfahren, die mit jedem Schritt näherzukommen scheinen. Egal, ob in Russland, in Palästina oder in Frankreich. Zusammen mit ihrer kettenrauchenden Mutter Lélia studiert sie jedes noch so winzige Detail. Sie besuchen ehemalige Nachbarn der Ermordeten, durchforsten Archive, und schließlich werden sogar ein Detektivbüro und ein Grafologe engagiert, um dem anonymen Absender der Postkarte auf die Spur zu kommen.

GEBET Auf ihrem Weg durch die Zeit findet Anne Berest die schönsten, lustigsten und traurigsten Worte dafür, dass wir sind, wer wir sind, weil die vor uns waren, wer sie waren. Manchmal findet sie auch keine Worte, und das weiße Papier wird zur Klippe, von der man zu stürzen droht, oder auch zum Gebet.

Die säkular, im Geiste der 68er erzogene Anne, der zum Einschlafen auch mal Karl Marx’ Manifest der Kommunistischen Partei vorgelesen wurde, gibt sich voll und ganz »dieser geheimen, ungeklärten Geschichte« hin, die sie nie hören wollte, die aber immer da war. Ein Hintergrund-Flüstern.
»Ich kann mich an jede einzelne Gelegenheit erinnern, bei der zu Hause das Wort Jude fiel, aber nicht an den Rest. Nicht einmal an meine Abiturnote«, sagte Berest bei der Buchpremiere in Berlin. »Ich musste dem Wort Jude eine Bedeutung geben. Ich musste verstehen, dass ich die Angst meiner Großmutter in mir trage.«

»Ich musste dem Wort Jude eine Bedeutung geben«, sagt die Autorin über ihr Buch.

Irgendwann ist die Vergangenheit jetzt, während die Anne im Buch und die Anne, die es schreibt, Parallelen ziehen zwischen ihren Vorfahren und sich selbst, zwischen Ephraïms Familie und der ihren. Für die einen klingt das vielleicht nach Epigenetik, für die anderen nach Marcel Proust.

roter faden Das Schreiben ist der rote Faden im Leben von Anne Berest, die 1979 in Paris geboren wurde. Nach dem Literaturstudium hat sie eine Zeitschrift herausgegeben und am Theater gearbeitet. Ein paar Mal konnte man sie auch schon als Filmschauspielerin bewundern.

Sieben Bücher hat sie derweil geschrieben. Eines davon ist die berühmte satirische Anleitung How to be Parisian wherever you are. Ein anderes über Françoise Sagan. Und dann die Biografie ihrer Urgroßmutter Gabrièle Buffet-Picabia, die eine treibende Kraft hinter der Dada-Bewegung war.
Mit der »Postkarte« wurde es persönlich, sagte Anne Berest. »Ich hatte Angst, mich zu exponieren.« Doch dann hat sie sich aus der Angst herausgeschrieben. Und als sie das erste Mal am Sedertisch sitzt, ist sie so ganz erstaunlich glücklich.

Anne Berest: »Die Postkarte«. Roman. Aus dem Französischen von Michaela Meßner. Berlin Verlag, Berlin 2023, 544 S., 28 €

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