Geschichte

Porträt einer gescheiterten Idee

Die Stadt Birobidschan, administratives Zentrum des Jüdischen Autonomen Oblast in der Sowjetunion (Luftaufnahme, um 1930) Foto: imago/United Archives International

Es war der 28. März 1928. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der noch jungen Sowjetunion, sie existierte gerade etwas über fünf Jahre, traf den Entschluss, im Fernen Osten des Landes nahe des Flusses Bira am Nordostzipfel Russland-China einen neuen Oblast zu gründen, eine »Heimstätte«. Für Juden.

Sie sollten sich dort en gros ansiedeln und als Bauern arbeiten, den Boden fruchtbar machen, prosperieren. Ex nihilo, buchstäblich in einem Niemandsland, in der Taiga, sollte ein Traum geschaffen werden – Birobidschan. Da die ortsansässigen Amurkosaken sich den »Weißen« angeschlossen hatten und dann geflohen waren, benötigte man, ein versteckter Hintergedanke, neue »Wehrbauern«.

unterschicht Der Plan war weder wirklich neu, noch kam er aus dem Blauen. Im Jahrfünft zuvor waren mehrere staatliche Organisationen im sozialistischen Reich geschaffen worden. Ihnen auf die rote Fahne geschrieben war das Ziel, vor allem die durch die verheerenden Bürgerkriegsjahre noch um etliches größer gewordene jüdische Unterschicht im Sinne der Bolschewiki »produktiver« Arbeit zuzuführen.

61 Prozent der Juden der UdSSR lebten in der Ukraine, 21 Prozent in Russland, 16 Prozent in Weißrussland. Nachdem Mitte der 1920er-Jahre die jüdischen Sektionen sämtlich von der alleinherrschenden Partei rigide kontrolliert wurden, konnte mittels energischer Figuren darangegangen werden, Zielvorgaben umzusetzen. Eine jüdische Region namens Birobidschan entsprang Machtkalkül.

Innerhalb des multiethnischen Regionalpuzzles fehlte ein bis dato fehlendes »ethnisches« Stückchen, das jüdische. Zugleich wurde es zum Gegenentwurf zu Britisch-Palästina und zum Zionismus promoviert. Diese Propaganda-Idylle als anti-nationalistisch und kommunistisch-paradiesisch griffen bereitwillig ausländische Parteigänger auf und lancierten dies entsprechend in westlichen Medien; noch bis über 1930 hinaus flossen Spenden aus den USA.

Die Lebensverhältnisse waren primitiv bis unerträglich schlecht.

Die Wirklichkeit sah anders aus. In der Region Birobidschan, etwa so groß wie die Insel Taiwan, lebten 1928 knapp 30.000 Menschen, überwiegend Russen, daneben eine größere Handvoll Koreaner. Bis 1931 kamen exakt 6700 Juden an, auch aus den von der Weltwirtschaftskrise hart getroffenen USA. Von ihnen blieben faktisch nur 2000.

Das Leben war hart, die Lebensverhältnisse primitiv bis unerträglich schlecht, die Politverwaltung inkompetent und korrupt, die klirrend kalten Winter reichten von Oktober bis Mai. Birobidschan, nur eine »städtische Ansiedlung«, mit groben, oft überfluteten Straßen, war ein Haufen zusammengenagelter Hütten in Sichtweite großer, nicht trockengelegter Sumpf-areale, die Malaria bescherten und vor allem in den Sommermonaten Myriaden von Insekten.

insekten Auch Dovid Bergelson, der damals bekannteste jiddische Schriftsteller der Sowjetunion, der Anfang der 30er-Jahre in der deutschen Emigration einen Schwenk nach weit links vollzog und 1933 nach Moskau remigriert war, besuchte Birobidschan, 1934 (folgenlos) zur »Jüdischen Autonomen Region« erhoben. Und wählte es als Sujet eines Buches.

Er gönnte in Die Birobidshaner vor allem den Insekten einen kannibalischen Auftritt. »In wahren Wolken«, heißt es da, »erheben sie sich über jeder feuchten Stelle und attackieren – nicht wie Insekten, sondern wie Hunde, die wie aus Neugier versuchen wollen, wie Menschenfleisch und Menschenblut schmecken. Eine Art Gehetze, ein Gejage, als wollten sie gegenseitig wegstoßen: – Aus dem Weg! Lasst mich ran!«

Auch die Unterkünfte schilderte Bergelson: »Das Haus ist in Wahrheit eher ein Schuppen als ein Haus. Je näher man ihm kommt, desto besser sieht man: Schon ein wahrer Palast … Fenster gibt es keine – irgendein Loch an der Seite, das ist schon alles. Klar: Das Haus, beziehungsweise den Schuppen, hat ein Mensch hier errichtet – das sieht man von weitem am Eingang, der versperrt ist mit einem Zweiggeflecht, tatsächlich, wie mit einer Tür. Die Frage ist bloß, was für ein Teufel hat sich das zusammengebastelt?«

aushängeschilder Wie alle jüdischen Intellektuellen-Aushängeschilder des Regimes blieb er nicht. Ende der 40er-Jahre geriet er in die antisemitisch-paranoiden Strudel des Spätstalinismus und wurde 1952 hingerichtet.

Zu diesem Zeitpunkt war jeglicher Enthusiasmus für Birobidschan verflogen, die Idee vertrocknet. Hochschießende Ideen und Visionen waren schon in den 15 Jahren zuvor, ab 1937, mit Stalins einsetzenden Terrorwellen blutig und grausam eliminiert, fast alle federführenden Höherrangigen exekutiert worden. Kaum einer der eingesetzten Nachfolger hielt sich länger als ein halbes Jahr, bevor er seinerseits füsiliert wurde.

Ab Mitte der 50er-Jahre interessierte sich Moskau nicht einmal mehr peripher für Birobidschan. Der Hauptort blieb ein verschlafenes Provinznest ohne höhere Lehranstalten, weshalb auch die begabtere Jugend fortzog. Der »jüdische« Anstrich verschwand mehr und mehr. Säkularisierung, Atheismus und Linientreue zum sklerotisch-bürokratischen KGB-Sozialismus sorgten dafür, dass das Jiddische fast jeden Widerhall verlor – die Wochenzeitung »Birobidshaner Schtern« umfasste zwei bis, ihr Höhepunkt, vier (!) Seiten. Ab den späten 80er-Jahren verließen Juden Birobidschan, wer konnte, zog nach Israel – noch heute merkt man in der lokalen Medizinversorgung Langzeit-Lücken.

denkmäler Birobidschans jüngster, vielleicht prägnantester Historiker Gennady Estraikh bedenkt die letzten 20 Jahre, in denen im Stadtbild versucht wurde, an die Gründungsphase anzuknüpfen, mit Shelley Salamenskys Bonmot »Jewfacade«. Heute stehen im Zentrum drei jüdische Denkmäler, eine drei Stockwerke hohe Menora gleich vor dem Bahnhof, ein Denkmal für Scholem Alejchem – 2004 ein Geschenk der Volksrepublik China – und das dritte, ein Brunnen auf dem Theaterplatz, dessen Inspiration das einstige LP-Cover des Broadway-Musicals Fiddler on the Roof gewesen sein muss. Heute leben in Birobidschan mit seinen rund 76.000 Einwohnern kaum mehr Juden.

Gennady Estraikh, 1952 im ukrainischen Saporischschja in eine Jiddisch sprechende Familie geboren, in der in den 70er-Jahren der »Birobidshaner Schtern« gelesen wurde, machte einen Abschluss in Ingenieurwissenschaften, zog 1976 nach Moskau, drei Jahre später wurde ihm und seiner Familie die Ausreise nach Israel verweigert.

Seit 1981 Mitarbeiter einer jüdischen historisch-ethnografischen Kommission, war er von 1988 bis 1991 Leitender Redakteur und Chef vom Dienst von »Sovetisch Heymland«, einer der allerletzten jiddischsprachigen Zeitschriften der zerfallenden So­wjetunion. Dann studierte er in London und Oxford; ab 2003 war er Visiting Professor, mittlerweile ist er Lehrstuhlinhaber an der New York University und schreibt, unter Pseudonym, Kolumnen für den »Forverts«.

Estraikh schreibt großartig klar. So eignet sich seine höchst informierte pointierte Kurzmonografie als Erstlektüre wie auch für Themenkundige. Mit leichter Hand streut er Tiefergehendes ein, breitet tiefenarchivalische Funde aus, reißt Zeithorizonte auf. Dieser Band ist in jeder Hinsicht ein vorbildliches Porträt eines tragischen, absurden, kläglichen Scheiterns.

Gennady Estraikh: »The History of Birobidzhan. Building a Jewish Homeland in Siberia«. Bloomsbury Academic, London 2023, 142 S., 54,79 €

Hessen

Antisemitismusbeauftragter kritisiert Berufung von Maha El Hissy in Jury des Deutschen Buchpreises

Uwe Becker charakterisiert die Literaturkritikerin als »Multiplikatorin israelfeindlicher Stereotype« und hofft auf ihre Abberufung

 30.08.2026

70 Jahre »Bravo«

Dr. Sommers Vermächtnis

Von 1969 bis 1984 war der Arzt Martin Goldstein »Dr. Sommer«, einer der wohl berühmtesten Ratgeber, den der deutsche Journalismus je hatte

von Hanna Persson  28.08.2026

Musik

Abschied von Berlin

Sharon Brauner über ihr neues Lied » Kind dieser Stadt« und warum die Urberlinerin ihre Heimat verlassen will

von Jan Feldmann  28.08.2026

Musik

Tagebuch in Tönen

In seiner Biografie »Idylle und Vertreibung« über Robert Kahn erinnert Reinhard Wulfhorst an einen außergewöhnlichen deutsch-jüdischen Komponisten

von Maria Ossowski  28.08.2026

TV-Kritik

»Phoenix« - herausragender Film über eine Schoa-Überlebende

Christian Petzolds grandiose Parabel auf Deutschland im »Jahre Null«

von Felicitas Kleiner  27.08.2026

Bremer Kunsthalle

Bremen

Auszeichnung für künstlerische Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen

Die Künstlerin Annette Kelm wird mit dem 50. Pauli-Preis geehrt. Ihre Fotoserie »Die Bücher« zeigt Cover von Werken, die von den Nazis verboten und verbrannt wurden

 27.08.2026

MARKK Museum am Rothenbaum

Hamburg

Ausstellung zum Bild vom Judentum

Welches Bild hat das Hamburger Museum MARKK vom Judentum vermittelt? Welche Rolle spielte es in der NS-Zeit? Eine Ausstellung will diese Fragen beantworten

 27.08.2026

Interview

»Werdet ihr uns helfen, Israel zu ›reparieren‹?«

Die Regisseurin Yael Reuveny über das komplexe Verhältnis zwischen deutschen Juden und Israelis, ihr neues Filmprojekt und einen Aufruf an unsere Leser, nach Home-Videos von Israel-Reisen zu suchen

von Ayala Goldmann  27.08.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  27.08.2026