Literatur

Poetische Analyse eines Pogroms

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Poetische Analyse eines Pogroms

Boris Sandler, ehemaliger Chefredakteur der jiddischen Zeitung »Forverts«, schreibt über das Blutbad von Kischinew

von Maria Ossowski  13.10.2025 13:18 Uhr

Buchbinder Lejbs Enkel formen ihn, eine kleine Figur aus Lehm. Zum Spaß. Der Mini-Golem jedoch zerbricht im Spiel. Aber es ist ohnehin zu spät. Der magische Helfer hätte die jüdische Gemeinde nicht mehr schützen können, den christlichen Mob nicht mehr stoppen können, damals in Kischinew, im April 1903. Das Unheil war längst geschehen.

Boris Sandler, ehemaliger Chefredakteur der jiddischen Zeitung »Forverts« in New York, wurde nicht weit von Kischinew geboren. Zu Beginn der 90er-Jahre besuchte er die Kleinstadt im heutigen Moldau, recherchierte und las verloren geglaubte Berichte. Das Pogrom ist vergleichsweise gut dokumentiert, die Welt war damals entsetzt. Tolstoi und Gorki schrieben erschüttert darüber, Nabokows Vater (ein Jurist und liberaler Politiker) gab der zaristischen Regierung Schuld, Chaim Nachman Bialiks Gedicht Stadt der Schlächter beschreibt das Grauen.

Sandler erzählt, wie Bauern und Kleinkrämer, Hausfrauen und Beamte, Soldaten und Generäle, Trinker, Priester, Journalisten und Kinder den Hass auf Juden wecken oder ihn wecken lassen. Sein Roman Als der Golem die Augen schloss beschreibt den Mechanismus, der zu diesem Pogrom und vielen anderen führte.

Ein Teenager aus heillos zerstrittener christlicher Familie wird ermordet aufgefunden

Ein Teenager aus heillos zerstrittener christlicher Familie wird ermordet aufgefunden, von Messern vielfach zerfetzt, und die Kleinstadtgesellschaft rundum lässt sich hineinziehen in den Strudel, der allein den Juden die Schuld gibt. Die »Ursache« steht schnell fest: angeblicher Ritualmord zu Pessach.

Sandler beschreibt die Grausamkeiten nicht ausführlich, er analysiert hingegen feinfühlig und mit starken Bildern, wie ein bisher Juden gegenüber freundlich gesinnter Beamter durch Kollegen und Zeitungsartikel aus dem antisemitischen Hetzblatt »Bessarabier« zum fanatischen Judenhasser wird. Und er gibt vor allem jenen Raum, die bislang unerwähnt geblieben sind: den jüdischen Männern, die sich in Gruppen organisierten und dem Mob mit Steinen oder alten Pistolen Widerstand leisteten.

Der Roman erschien im Original auf Jiddisch, auch die Antisemiten krakeelen ihre Hetzreden auf Jiddisch. Ein kühnes künstlerisches Experiment, befindet Mikhail Krutikov im Nachwort. Die Rezensentin, des Jiddischen unkundig, kann dies nicht beurteilen. Sehr wohl aber ist die literarische Übersetzung von Andrea Hanna Fiedermutz im Ton und im Rhythmus gelungen und Sandlers poetische Analyse eines Pogroms unbedingt lesenswert.

Boris Sandler: »Als der Golem die Augen schloss«. Aus dem Jiddischen
von Andrea Hanna Fiedermutz. Czernin, Wien 2025, 304 S., 25 €

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