Ritus

Pharao reloaded

Die Typografie folgt der Chronologie, von althebräischen Zeichen zu modernen Lettern.

Dass die neue Haggada, die von dem amerikanischen Schriftsteller Jonathan Safran Foer herausgegeben wurde, ein bisschen großkotzig New American Haggadah heißt, erweist sich bei genauerem Hinschauen – so komisch das klingen mag – als Akt der Bescheidenheit. Juden haben seit Jahrtausenden Haggadot zusammengestellt, also Sammlungen von Liedern und Gebeten und Geschichten, mit denen sie sich selbst und ihren Nachwuchs an den Auszug aus Ägypten erinnerten.

Diese Haggadot hießen häufig nach den Orten, wo sie fabriziert wurden; so gibt es eine berühmte Sarajewo‐Haggada, eine etwas weniger berühmte Prager Haggada und eine Haggada aus Livorno.

Die New American Haggadah schließt an diese Tradition an, und ihr Herausgeber ist sich deutlich der Tatsache bewusst, dass es sich hier um etwas Vorläufiges handelt. Irgendwann wird diese Hag‐gada wieder durch eine andere ersetzt werden, und so weiter bis ans Ende der Zeit – oder bis der Messias kommt, also der fromme Wunsch »Nächstes Jahr in Jerusalem« ganz real in Erfüllung geht.

ästhetik Safran Foers Haggada, dies vorweg, ist ein wunderschönes Buch, weiß wie Schnee, mit erstaunlichen typografischen Verzierungen von Oded Ezer, einem israelischen Designkünstler, versehen. Die Typografie folgt der Chronologie: Es beginnt also mit althebräischen Schriftzeichen und endet im amerikanischen Hier und Heute.

Im Kopf vieler Seiten finden wir eine Zeitschiene, die von der Judaistin Mia Sara Bruch aus Michigan erarbeitet wurde. Unter der Jahreszahl »1776« lesen wir etwa, dass Benjamin Franklin damals ein Staatssiegel für die USA vorschlug, das zeigen sollte, wie das Heer des Pharao mit Ross und Reiter im Schilfmeer ersäuft. So weit ging die Identifikation der amerikanischen Revolutionäre mit den Israeliten.

Das Buch enthält auch eine neue Übersetzung der hebräischen Liturgie aus der Feder von Nathan Englander. Englander ist ein großartiger Schriftsteller. Man liest nicht ohne Bewegung, dass er Wort für Wort mit einem »chaweruta«, einem talmudischen Studien‐ und Streitkollegen, um diese Übersetzung gerungen hat. Allerdings fragt man sich mitunter, ob die Sache die Mühe wert war. »Melech ha‐olam« etwa wird zu »King of the Cosmos«; dies ersetzt das in amerikanischen Gebetbüchern traditionell übliche »King of the World« oder »King of the Universe«. Was ist dadurch gewonnen, dass man das angelsächsische »World« oder das im Ursprung lateinische »Universe« gegen ein griechisches Wort, nämlich »Cosmos«, austauscht?

Allerdings ist die neue Übersetzung vielleicht gar nicht der Hauptgrund, warum man zu dieser New American Haggadah greift. Die eigentliche Attraktion sind kurze, manchmal spitze, mitunter sogar geistreiche Kommentare, die immer wieder in den Text eingestreut werden – unter vier Rubriken. Sie heißen: »Nation«, »Bibliothek«, »Spielplatz« und »Studienhaus«. Beigesteuert wurden sie von dem Journalisten Jeffrey Goldberg, der Schriftstellerin Rebecca Newberger Goldstein, dem Religionswissenschaftler Nathaniel Deutsch und dem Kinderbuchautor Daniel Handler, der sich Lemony Snicket nennt.

kommentare Am besten haben mir die Kommentare von Jeffrey Goldberg gefallen. Goldberg ist ein politischer Journalist, der sich nicht ohne Weiteres in ein Rechts‐Links‐Schema einordnen lässt: Er ist Obama‐Anhänger, aber kein Sozialdemokrat, er ist ein jüdischer Nationalist, aber kein Fanatiker, er gehört eher zu den Kritikern der Regierung Netanjahu, hat aber nichts mit den linksradikalen antizionistischen Antisemiten zu tun, die sich an amerikanischen Universitäten tummeln.

Hier ist Goldbergs Anmerkung zu jenem Teil der Erzählung, in dem Gott die erstgeborenen Kinder der Ägypter tötet: »Drei der am meisten verehrten Präsidenten in der amerikanischen Geschichte – Abraham Lincoln, Franklin Delano Roosevelt und Harry Truman – haben gnadenlose Strafen auf Zivilisten herabbeschworen.

Die Sachen, die sie vertraten, waren gerecht, aber hatten die unschuldig Leidenden ihr Schicksal verdient? Warum verhärtete Gott das Herz des Pharao, sogar nachdem es so aussah, als würde Pharao die Juden ziehen lassen? Wollte Gott etwas beweisen, nach dem Motto ›Wage ja nicht, mich herauszufordern‹?

Warum ließ Amerika den Tod auf Nagasaki herabregnen, als es schon so aussah, als wären die Japaner bereit aufzugeben? Waren die Feuerstürme in den deutschen Städten so notwendig, dass sie alle moralischen Skrupel zunichtemachen? Die Geschichte des Exodus endet mit Freiheit für die Juden; der Bürgerkrieg endete mit Freiheit für die Amerikaner afrikanischer Herkunft; der Zweite Weltkrieg endete damit, dass der Faschismus vollkommen besiegt war, mit der Befreiung der Todeslager. Können wir sagen, dass der Zweck die Mittel nicht heiligte?«

Am zweitbesten gefielen mir die Kommentare von Lemony Snicket. Sie richten sich an einen aufgeweckten Teenager (vielleicht eher: eine aufgeweckte Teenagerin), also ein jüdisches Mädchen mit Sommersprossen im Gehirn, das den Erwachsenen von dem, was sie da vorlesen, nur ungefähr die Hälfte aufs Wort glaubt. Außerdem ist das Zielpublikum von Lemony Snicket über intelligente Streiche nicht erhaben – ein paar davon malt er sich in den regenbogenbunten Farben der Fantasie aus.

modern orthodox Die religiöse Richtung, zu der diese Haggada am ehesten passt, heißt in Amerika »modern orthodox«. Für Reformjuden ist das Buch nämlich zu umfangreich und für Charedim zu frech. Politisch sind die Autoren eher auf der Linken als auf der Rechten zu Hause – aber bei einer Linken, die nicht dumm und voller Ressentiments ist.

In der Zeit des Vietnamkrieges war es unter ganz besonders linken amerikanischen Juden üblich, dass man sich beim Sedermahl mit dem Vietkong identifizierte. Das war idiotisch, weil man ziemlich verblendet sein musste, um im kommunistisch gesteuerten Vietkong eine Befreiungsbewegung zu erblicken.

Jonathan Safran Foer und seine Mitstreiter machen keinen solchen Fehler. Sie stehen in der Tradition von Michael Walzer, der in seinem Essay »Exodus und Revolution« einst klar gestellt hat, dass der Auszug aus Ägypten eine Befreiungsgeschichte für viele Völker, nicht nur für das jüdische Volk, gewesen ist.

Jungen amerikanischen Juden könnte diese New American Haggadah darum einen Weg zu den universalen Werten ihrer Religion weisen. Welche Bedeutung sie für junge europäische Juden haben könnte, die in ihren eigenen Ländern oft wie Fremdlinge leben, ist eine andere Frage.

Jonathan Safran Foer: »New American Haggadah«. Little, Brown and Company, New York 2012, 160 S., 20,95 €

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