Krise

Pandemie und Smetana

Geschlossen wegen Corona: das Haus der Kulturen der Welt in Berlin Foto: imago images/Jens Schicke

Wird die Premiere stattfinden oder nicht? Das war über Wochen die bange Frage. Ich war in Bern und probte Die verkaufte Braut von Smetana. Das Virus war von Italien über das Tessin in fast alle Kantone geschlüpft, so auch in den Kanton Bern.

Nicht viele Fälle gab es in Bern zu vermelden, aber Basel hatte den Spielbetrieb schon eingestellt, während Zürich vor 600 Zuschauern spielen ließ. Ich fragte mich, woher das Virus wissen konnte, dass es bei 600 Menschen nicht zuschlagen durfte, frei hatte beziehungsweise nicht eingeladen war.

Vielleicht gelingt es uns, die Zeit als Geschenk zu betrachten.

Die Diskussionen nahmen kein Ende. In der Oper wird ja bekanntlich viel gesungen, also auch gespuckt. Sollte man mit Mundschutz singen? Oder nur noch summen? Eine Sängerin klagte über Halsweh, sie wurde sofort ausgetauscht. Ein Chorist war in den Ferien in Korea, musste sich testen lassen; so lange blieb er in Quarantäne. Die anderen Kims, mit denen er ausgegangen war, ebenfalls. So fehlten im Chor die Hälfte der Tenöre.

Man umarmte sich nicht oder gab sich die Hand, sondern presste die Ellbogen gegeneinander. Aber Corona interessierte das alles nicht. Es biss weiter zu und verbreitete sich in einem Affenzahn.

Ich probte beherzt weiter, das lenkte mich ab, und Geld verdienen ist nie verkehrt. Den meisten Solisten ging es ähnlich. Sie hatten mehr Sorge um ihren Beruf als um ihre Gesundheit. Die Freischaffenden sowieso. Die Panik stieg. Und wurde von den Medien noch geschürt.

PREMIERE Dann war Premiere. Das Theater hatte die über 65-Jährigen darauf hingewiesen, dass sie zu der gefährdetsten Risikogruppe gehörten. Dummerweise sind in der Oper fast alle Zuschauer über 65. Nun gut, die Premiere war nicht ausverkauft, aber sehr gut besucht.

Viele hatten sich nicht abschrecken lassen; im Gegenteil, die Stimmung war heiter, man war froh, unter Menschen zu sein, sich auszutauschen. Die Ängste zu teilen. Ja, auch die Vorstellung war schön.

Inzwischen sind zwei Wochen vergangen, die Ereignisse haben sich überschlagen. Das Virus ist auf dem Vormarsch, und nach und nach sind wir alle zur Isolation verdammt. Auch in Berlin.

Was wird mit einer Gesellschaft passieren, deren öffentliche Begegnungsorte geschlossen werden? Wird sie stumm? Geht sie ein? Und zwar unabhängig vom Virus. Brauchen wir in Zeiten der Corona-Krise die Kultur am meisten?

Wie haben wir bisher gelebt? Was werden wir vermissen?

Nun ist Corona keine politische Krankheit, sodass man sagen müsste: Jetzt erst recht, wir spielen gegen das Virus an! Corona ist keine Diktatur, auch wenn die Maßnahmen (Hausarrest, Gesundheitskontrollen, Aus- und Einreiseverbote) einem totalitären System langsam sehr zu ähneln beginnen.

Aber ob wir spielen oder nicht, wird das Virus weder aufhalten noch verhindern können. Was allerdings stattfinden muss und inzwischen auch schon passiert, ist der Diskurs: Wie haben wir bisher gelebt? Was werden wir vermissen?

Und was können wir tun für unseren wunderschönen Planeten und für unser privilegiertes Leben, das uns so selbstverständlich schien? Werden uns die Museen und Galerien fehlen? Die Konzerte und Opern? Wie werden wir leben ohne Kino und Theater? Werden Tagungen nur noch online übertragen, Vorträge aus den Hörsälen der Universitäten per Skype? Was wird aus unseren Kindern, wenn sie nur noch zu Hause unterrichtet werden?

POLITIKUM Werden sie in der Einsamkeit ihrer Kinderzimmer zu Zombies mutieren? Werden die Gesunden zusammensitzen und monatelang Netflix-Serien schauen? Und werden die Kranken in abgeriegelten Dörfern leben und ebenfalls Serien sehen und »Mensch ärgere Dich nicht« spielen? So oder so, es wird schrecklich, meine Fantasie kennt diesbezüglich keine Grenzen.

Andererseits ..., würde Tevje aus Anatevka sagen, ... andererseits … ist Corona doch ein politisches Virus. Denn wir werden doch nicht zulassen, dass die AfD postet: »Das Virus haben uns die Flüchtlinge ins Land gebracht. Gott will uns strafen.«

Ich bin mir sicher, so es Gott gibt, ist er kein Virologe. Auch wenn manche Virologen inzwischen göttlichen Status genießen. Gegen so einen Schwachsinn kann ich gar nicht schnell und laut genug anschreiben.

Aufgepasst, kann ich da nur sagen! Seuchen werden schnell als Politikum missbraucht. Alles wird die AfD machen, um politischen Aufwind für sich herauszuschlagen und Regierung und Bevölkerung gegeneinander auszuspielen. Ich kann nur wieder einmal den ollen Fassbinder zitieren: Angst essen Seele auf. Abstand halten, aufpassen und trotzdem denken, das scheint in rechten Kreisen sehr schwerzufallen.

CHANCE Es ist die einmalige Chance, unsere Gesellschaft und uns neu zu erleben. Wie sozial sind wir wirklich? Oder rasten wir aus wegen mangelndem Toilettenpapier und verkloppen unseren Nachbarn?

Wenn die Kultur der Spiegel einer jeden Gesellschaft ist, so wird sie sich jetzt ihren Weg bahnen, durch Mundschutz und Quarantäne.

Vielleicht gelingt es mir inzwischen, die Zeit, die ich zwangsverpflichtet mit meinen Söhnen in der Enge der Wohnung verbringen muss, als Geschenk zu betrachten. Denn: So jung kommen wir nicht mehr zusammen.

Die Autorin ist Schauspielerin, Regisseurin und Schriftstellerin.

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