Geschichte

Ohne Recht

Am 23. April 1933 traf bei Hermann Kantorowicz, Professor für Rechtsphilosophie in Kiel, ein Fragebogen ein, der ihn aufforderte, Angaben zur rassischen Abstammung seiner Großeltern abzugeben. Seine sarkastische Antwort: »Die Rassezugehörigkeit im wissenschaftlichen (anthropologischen) Sinn vermag ich nicht mehr festzustellen, da meine 4 Großeltern sämtlich seit langem verstorben sind ... Ihre Rasse im volkstümlichen (sprachlichen) Sinne war ... die deutsche, also die indogermanische oder arische. Ihre Rasse im Sinne der I. Durchführung zum Gesetz v. 7. April 1933 § 2 Abs. 1 Satz 3 war die jüdische Religion.«

Es war überflüssig, Kantorowicz den Fragebogen zu übersenden, denn er war bereits am 14. April 1933 entlassen worden – so wie weitere etwa 1.200 jüdische Professoren und Dozenten allein 1933. Und noch war das eigentliche antijüdische Gesetzeswerk, die »Nürnberger Gesetze« oder wie es in der Sprache der Nazis lautete, »Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre«, gar nicht erlassen.

parteitag Die überhastet im Reichsinnenministerium von »Rassereferenten« formulierte Gesetzesvorlage war auf Anweisung Hitlers im September 1935 zusammengeschustert worden. Am 15. September 1935 wurde das Gesetz anlässlich des Reichsparteitags angenommen – einstimmig, versteht sich, und, von Hermann Göring verlesen, frenetisch gefeiert. In Übereinstimmung mit dem Parteiprogramm der NSDAP von 1920 wurde den Juden das Reichsbürgerrecht genommen, womit sie ihr Abstimmungsrecht verloren und keine öffentlichen Ämter mehr bekleiden durften.

Das »Blutschutzgesetz« verbot unter Androhung von Zuchthausstrafen Eheschließungen und außereheliche Beziehungen zwischen »Deutschblütigen« und Juden, was als »Rassenschande« gebrandmarkt war. Damit war die gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden gesetzlich verankert. Doch die Rassearithmetiker taten sich schwer mit einer Definition des Begriffs »Rasse«, vor allem, wenn bei der Bestimmung der Abstammung nicht die biologische, sondern, falls nötig, die Religionszugehörigkeit ausschlaggebend war. Als Jude galt der von zwei jüdischen Großeltern abstammende »Mischling«, »Volljude« war, wer von mindestens drei jüdischen Großelternteilen abstammte.

pseudowissenschaft Die beiden Kommentatoren, Wilhelm Stuckart, Staatssekretär im Innenministerium, und Ministerialrat Hans Globke, beriefen sich zur Legitimation des Gesetzeswerkes darauf, dass die NS-Staatsführung im »Sinne des allmächtigen Schöpfers« handele, wenn sie die »ewigen ehernen Gesetze des Lebens und der Natur« wieder zum Ausdruck brächte. Über das Motiv der Gesetzgebung hieß es bei den NS-Juristen: »Das Blutschutzgesetz zieht die Trennung zwischen jüdischem und deutschen Blut in biologischer Hinsicht.« Der Kommentar bezeichnete als Ziel des NS-»Rasserechts«, dass das ins deutsche Volk »eingedrungene jüdische Blut soweit als möglich wieder ausgeschieden« werde, bis die entstandene »Mischrasse« praktisch verschwunden sei.

Der sich in den Rassegesetzen niedergeschlagene Blutkult der Nazis machte es für viele Deutsche lebensnotwendig, Ahnenforschung zu betreiben. Die Vokabel »arisch« wurde unermüdlich durch die Propagandamühle gedreht. Die deutsche Bevölkerung, nahm die Gesetze mehrheitlich hin, weil sie eine Absonderung der Juden akzeptierte. Da Hitler selbst die Nürnberger Gesetze als endgültige und abschließende Regelung der »Judenfrage« bezeichnet hatte, wurden sie auch von den Juden als Ausnahmegesetzgebung zunächst nicht völlig negativ aufgenommen.

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  03.11.2026

Frankfurt am Main

Rote und blaue Fäden

Mit der Installation »A Sky Full of Hope« will die Künstlerin Janet Echelman globale Vernetzung sichtbar machen – und eckt in der Stadt damit an

von Eugen El  03.11.2026

Fernsehen

»Doitscha« erzählt vom Leben deutscher Juden nach dem 7. Oktober

Im Mittelpunkt der pointierten Tragikomödie steht eine Familie, in der unterschiedliche Identitäten, Ängste und Lebensentwürfe aufeinanderprallen

 03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Kino und Literatur

»Holocaust im Film« - Eine Spurensuche von 1946 bis heute

Im November kommt der Essayfilm »Holofiction« ins Kino: Regisseur Michal Kosakowski untersucht die filmische Ikonografie des Holocaust. Zur Geschichte des Holocaust-Films gibt es auch schon das gleichnamige Sachbuch

von Marcus Stiglegger  03.11.2026

Lesen!

Existenzialistische Suchbewegungen

In Benjamin Steins »Tiferet« geht es um die letzten Dinge, um alles und nichts – und vor allem um Abschied und Verlust

von Tobias Prüwer  02.11.2026

Interview

»Gemeinsam nach der Wahrheit suchen«

Carlos Fraenkel, der neue Leiter des Potsdamer Einstein Forums, will unterschiedliche Denktraditionen miteinander ins Gespräch bringen – und die Philosophie stärker in der Gesellschaft verankern

von Ayala Goldmann  02.11.2026

Aufgegabelt

Frühstückskartoffeln

Rezepte und Leckeres

 02.11.2026

Sprachen

Neues Spanisch-Wörterbuch: »Jüdisch« bleibt ein Synonym für »geizig«

Die Real Academia Española weigert sich, einen argentinischen Richterspruch umzusetzen - auch in der Neuausgabe ihres Kompendiums der spanischen Sprache findet sich ein Beispiel für Alltagsantisemitismus

von Michael Thaidigsmann  02.11.2026