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Noch’n Gedicht

Günther Jauch und Gäste: Was ist dran an Grass’ Israel-Kritik und wie steht es um das deutsch-jüdische Verhältnis? Foto: imago

Im Grunde hätte Günther Jauchs Talkshow »Der Blechtrommler – was ist dran an Grass’ Israel-Kritik?« am Sonntagabend im Ersten schon kurz nach der Vorstellungsrunde wegen eines argumentativen Knockouts beendet werden müssen.

Bereits wenige Minuten nach Beginn der Talkshow hatte der Historiker Michael Wolffsohn alles gesagt, was wirklich gesagt werden musste: »Grass‘ Gedicht hätte genauso gut auch in einer rechtsextremistischen Zeitung veröffentlicht werden können.« Der Dichter verkehre Ursache und Wirkung, »nicht Israel gefährdet den Weltfrieden, sondern der Iran. Es ist der Mullah-Staat, der Israel regelmäßig die Vernichtung prophezeit und nicht umgekehrt.«

Er sei von Grass‘ Gedicht aber keineswegs überrascht gewesen, sagte Wolffsohn. Grass habe bekanntlich immer schon Probleme mit Israel gehabt. Ganz gleich, ob 1973 während des Jom-Kippur-Kriegs oder während des Ersten Golfkriegs Anfang der 80er-Jahre.

Wolffsohn warf auch einen kritischen Blick auf Grass’ Verschweigen der eigenen Nazi-Vergangenheit. Der Nobelpreisträger habe die Deutschen stets ermahnt, ihre Geschichte aufzuarbeiten und sich dabei selbstgerecht als Gewissen der Nation geriert. »Seine Zeit bei der Waffen-SS hat er dagegen unter den Teppich gekehrt. Von so jemandem verlange ich mehr Empathie, wenn er schon meint, sich zu Israel äußern zu müssen.«

TABU? Mit Blick auf Günther Jauchs Einstiegsfrage, ob Deutsche Israel kritisieren dürften, sagte Wolffsohn abschließend: »Natürlich ist Kritik an Israel erlaubt, selbstverständlich auch von Deutschen. Was für eine Frage.« Abstruse Behauptungen aber, wie Grass sie aufstelle, hätten nichts mehr mit Kritik zu tun, sondern seien bloß infame Unterstellungen. »Ein Künstler darf das Recht auf Irrtum haben, ja, selbst auf Spinnerei. Aber dann muss man auch das Recht haben zu sagen: Junge, du spinnst!«

Der Literaturkritiker und langjährige Weggefährte von Grass, Marcel Reich-Ranicki, wies in einem eingespielten Video noch einmal darauf hin, dass Grass den »Skandal« bewusst produziert habe, um nach längerer Medienabstinenz wieder einmal im Rampenlicht zu stehen.

AUGSTEIN Dann aber trat Jakob Augstein, Verleger der Wochenzeitung Der Freitag, auf den Plan, kanzelte Wolffsohn ab und verteidigte Grass. »Ja, Israel ist eine größere Bedrohung für den Weltfrieden als der Iran«, postulierte er.

Augstein wiederholte die Mär vom Übersetzungsfehler, wonach der Iran Israel niemals mit Vernichtung gedroht habe, sondern »nur« mit dem Untergang des jüdischen Staates. So oder so ähnlich hat es vermutlich auch in Grass gedacht, als er mit seiner »letzten Tinte« Ahmadinedschad verniedlichend als »Maulheld« bezeichnete.

Damit liegt Augstein durchaus im Mainstream der Bevölkerung.
In einer groß angelegten Umfrage der »Financial Times Deutschland« stimmten knapp 60 Prozent Grass‘ Thesen zu, weitere 30 Prozent hielten sie für diskutabel.

BEIFALL Auch das Publikum bei Günther Jauch bedachte Augsteins Äußerungen regelmäßig mit lautem Beifall. Als er etwa wie Grass darüber klagte, dass sich keiner im »freiwillig gleichgeschalteten« Medienbetrieb traue, Israels Politik zu kritisieren, lag etwas von »Endlich traut sich mal jemand, es auszusprechen« im Berliner Studio. Nach den Wortmeldungen Wolffsohns hingegen hätte man eine Stecknadel fallen hören können.

Keinen Applaus gab es auch für Entwicklungshilfeminister Dirk Niebel. Natürlich könne und dürfe man Israel kritisieren, es komme nur auf die Art und Weise an, sagte der FDP-Politiker. Zudem könne er Israels Einreiseverbot gegen den Literaturnobelpreisträger nachvollziehen. »Ich bin der Ansicht, dass Israel jedes Recht der Welt zusteht, ehemalige SS-Leute nicht ins eigene Land zu lassen.«

IGNORIERT Dem pflichtete der Schauspieler und Schoa-Überlebende Michael Degen bei, der jedoch im Laufe der Sendung nur einige wenige Male zu Wort kam. Man hätte sich gewünscht, dass er öfter das Wort ergriffen hätte. Denn wenn er etwas sagte, dann war es von substanzieller Klarheit. »Ein Volk, das einmal den Holocaust durchgemacht hat, will es sich nicht zum zweiten Mal gefallen lassen.« In Richtung von Augstein fragte er: »Abgesehen davon, dass es Unsinn ist, aber nehmen wir Grass mal beim Wort: Wie soll das kleine Israel denn einen riesigen Staat wie den Iran auslöschen?«

Das schien das Stichwort für Heide Simonis, frühere Ministerpräsidentin Schleswig-Holsteins, gewesen zu sein, sich endlich auch einmal in Diskussion einzuschalten. Sie ignorierte jedoch Degens Bemerkung und forderte einen Stopp der Waffenlieferungen an Israel. Wieder Szenenapplaus.

UNBEANTWORTET Auf Wolffsohns erneute Frage, wie sich Israel, umzingelt von Feinden und in seiner Existenz bedroht, ohne Waffen zur Wehr setzen könnte – darauf gaben weder die Sozialdemokratin Simonis noch der Linksliberale Augstein eine Antwort.

Stattdessen nutzte Augstein die Gelegenheit, noch kurz vor dem Abspann ein Statement unterzubringen, das ihm unter den Nägeln zu brennen schien: »Deutsche Verbrechen werden kein Stück besser, wenn Israel jetzt seinerseits Verbrechen begeht.«
Fast überflüssig zu erwähnen, dass ihm auch hier begeistert applaudiert wurde.

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