Erinnerungskultur

»Es reicht nicht, den Blick nur auf die Opfer zu richten«

Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora Foto: imago images/ari

Herr Wagner, vor 85 Jahren wurde mit dem Aufbau des Konzentrationslagers Buchenwald begonnen. Ich gehe davon aus, dass es Zeitzeugen aus dieser Frühphase nicht mehr gibt. Wie ändert sich die Gedenkstättenarbeit, wenn der letzte Überlebende des Holocaust verstorben ist?
Die von Ihnen beschriebene Situation fordert uns ja schon seit 30 Jahren heraus. Die Zahl der noch lebenden Opfer und auch Täter wurde immer geringer. Und auch wenn möglicherweise in 20 Jahren noch überlebende Kinder von damals unter uns sein sollten, wirken sie als moralische Instanz, aber sie werden uns nichts mehr über die Qualen und Zustände im Lager aus eigenem Erleben berichten können.

Was also ändert sich für Ihre Arbeit?
Zeitzeugenberichte bleiben wichtig. Aber sie sind nur eine Quellengattung unter anderen, und sie müssen quellenkritisch bewertet werden. Es gibt zu Buchenwald rund drei Millionen Dokumente, die der Forschung inzwischen zugänglich gemacht worden sind: Transportlisten, Verwaltungsschreiben, Häftlingslisten und viel, viel mehr. Wir müssen möglichst alle Quellen heranziehen, und wir müssen die Perspektive erweitern.

Inwiefern?
Wenn wir etwas aus der Geschichte lernen wollen, reicht es nicht, den Blick nur auf die Opfer zu richten, sondern wir müssen fragen, warum sie zu Opfern wurden beziehungsweise wer sie dazu gemacht hat. Das heißt, wir müssen uns viel mehr als bisher mit den Tätern, Mittätern und Profiteuren beschäftigen. Es geht darum, nach der Funktionsweise der NS-Gesellschaft zu fragen.

Wir müssen uns viel mehr als bisher mit den Tätern, Mittätern und Profiteuren beschäftigen.

Wo setzt die Forschung da an?
Die NS-Gesellschaft basierte auf zwei Säulen: Integrationsangeboten an die propagierte »Volksgemeinschaft« sowie Ausgrenzung und Verfolgung der sogenannten »Gemeinschaftsfremden«. Wenn wir uns in historischer Perspektive mit Verheißungen der Ungleichheit beschäftigen oder auch mit Kriminalisierungsdiskursen gegenüber den Ausgegrenzten, dann bietet das jenseits falscher historischer Gleichsetzungen unmittelbare Gegenwartsbezüge. Wenn wir verstehen wollen, wie die NS-Diktatur funktionierte, müssen wir zudem mehr als bisher auf ihre Frühphase blicken: Wie konnte fast die gesamte Gesellschaft in so kurzer Zeit dieser Ideologie verfallen? Und welche Rolle spielte später der Krieg? Dabei müssen wir auch berücksichtigen, dass das NS-Lagersystem in Deutschland allgegenwärtig war. Buchenwald und Mittelbau-Dora hatten zusammen über 150 Außenlager. Und dann gab es noch zehntausende Lager anderer Kategorien: Strafgefangenenlager, Kriegsgefangenenlager und Lager für zivile Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. Und die lagen nicht versteckt und abseits der Zivilisation. Im Gegenteil.

Und trotzdem sprechen wir in Thüringen nur über Buchenwald und Mittelbau-Dora...
Das resultiert noch aus der zentralistischen Erinnerungskultur der DDR. Vor allem Buchenwald galt als zentrale Stätte des antifaschistischen Kampfes. Das war ein wichtiger Baustein der DDR-Geschichtspolitik. Aber wir müssen die Lager in der Fläche, also am eigenen Heimatort bekannter machen. Das ist unglaublich wichtig. In Nohra bei Weimar ist im März 1933 das erste deutsche Konzentrationslager entstanden. In Bad Sulza hat anschließend ein Konzentrationslager von 1933 bis 1937 existiert. Kaum jemand weiß das heute. Hier müssen wir die historisch-politische Bildung breiter aufstellen.

Stichwort Pädagogische Vermittlung. Sehr lange Zeit standen Zeitzeugen zur Verfügung, die befragt werden konnten. Jetzt nicht mehr. Welche Herausforderungen bringt das mit sich?
Mittlerweile haben wir es mit jugendlichen Gedenkstättenbesuchern zu tun, deren Großeltern den Nationalsozialismus schon nicht mehr selbst erlebt haben. Für sie brauchen wir intensivere Formate. Das hergebrachte Format, die 1,5-Stunden-Führung im Frontalvortrag, funktioniert da nicht mehr. Studien zeigen, dass solche Kurzbesuche mitgebrachte falsche Geschichtsbilder eher stärken als brechen.

Was ist die Alternative?
Wir setzen in der Gruppenbetreuung die Mindestaufenthaltsdauer derzeit auf drei bis vier Stunden hoch. Noch besser ist es, wenn die Gruppen einen ganzen oder sogar mehrere Tage bei uns bleiben. Kurz formuliert: Qualität geht vor Quantität. Nur so haben wir eine wirkliche Chance, das Geschichtsbewusstsein und die historische Urteilskraft unserer Besucherinnen und Besucher zu stärken. Das ist umso wichtiger, als wir im Zeitalter der digitalen Desinformation leben.

Für die jugendlichen Gedenkstättenbesuchern brauchen wir intensivere Formate.

Haben Sie gegenüber der Desinformation im Netz eine Chance gegenzuhalten?
Wir hoffen es. Ein Mittel sind die erwähnten intensivpädagogischen Bildungsformate. Ein weiteres ist es, im Netz stärker Präsenz zu zeigen, etwa mit neuen digitalen Bildungs- und Informationsangeboten. Derzeit sind wir dabei, Teile unserer Sammlung digital aufzubereiten und im Netz zu veröffentlichen, und wir arbeiten an einer Website zu den 140 Außenlagern des KZ Buchenwald. Dort soll Lehrkräften die Möglichkeit geboten werden, sich mit ihren Schülern vor Ort, etwa in Köln, intensiv mit der Geschichte des jeweiligen Außenlagers auseinanderzusetzen. Insgesamt geht es darum, der Desinformation im Netz eine seriöse, wissenschaftlich fundierte, quellengestützte Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen entgegenzustellen.

Schaffen sie das ganze hier beschriebene Programm mit den finanziellen und personellen Ressourcen überhaupt?
Jedenfalls nicht von heute auf morgen. Die Lage der öffentlichen Haushalte ist ja derzeit sehr angespannt. Von Kürzungen sind wir bislang zwar verschont geblieben. Aber Inflation und Energiepreise fressen den operativen Etat auf. Wir müssen uns finanziell einschränken.

Wo sparen sie denn?
Bei manchen Projekten versuchen wir, etwas preiswerter zu bekommen. Ausstellungen werden weniger aufwändig geplant, mit anderen Materialien. Wir versuchen, Drittmittel zu bekommen, und wir setzen Spendengelder ein. Manche Projekte müssen auch auf spätere Jahre verschoben werden, wohl wissend, dass wir jetzt schon einen Investitionsstau haben, etwa bei der Erneuerung unserer Dauerausstellungen, von denen einige schon 25 Jahre alt sind.

Mit dem Historiker und Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Weimar sprach Matthias Thüsing.

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