Theatertreffen

Nahostkonflikt und andere Stolpersteine

Die Entscheidung dürfte alles andere als leicht gefallen sein. Insgesamt 394 Stücke haben die Kritiker des Berliner Theatertreffens in den vergangenen Monaten gesichtet, um die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen im deutschsprachigen Raum zu sichten.

Nun hat die Jury bekannt gegeben, welche Theaterstücke ihrer Meinung nach zu den Top-Inszenierungen der Spielzeit in Deutschland und Österreich und der Schweiz gehören. Bis zum 22. Mai sind die Werke in Berlin am Deutschen Theater, in der Volksbühne und am Maxim Gorki Theater zu sehen.

israel Bereits zum zweiten Mal hintereinander ist die israelische Regisseurin und Autorin Yael Ronen mit einer ihrer Arbeiten zum Theatertreffen eingeladen worden. In ihrem Drama The Situation lässt sie einen Palästinenser mit israelischem Pass, eine israelische Schauspielerin, einen palästinensischen Parcours-Springer, einen syrischen Filmemacher und eine schwarze Palästinenserin zusammentreffen.

Im Deutschkurs des politisch allzu korrekten Pädagogen Stefan prallen ihre verschiedenen Lebenswelten und politischen Ansichten aufeinander. Gesprochen und vor allem gestritten wird auf Arabisch, Hebräisch und Englisch – und alles auf Deutsch übertitelt. Laut Jury des Theatertreffens schafft es Ronen nach ihrem erstmals nominierten Stück Common Ground auch hier, mit ihren semi-biografischen Geschichten mehr als bloß Mitleid heischende Projektionsflächen zu schaffen.

The Situation sei vielmehr ein radikal komisches Polit-Kabarett der Selbstbehauptung, eine vielsprachige Deutschstunde, die sämtliche fixen Bilder von Migration und Integration zum Zerbröseln bringt – und am Ende die Hoffnung auf das Unmögliche beschwört, das manchmal eben doch geschieht: sich zu verständigen und anzukommen.

NS-Zeit Ebenfalls nominiert für die beste Inszenierung des Jahres ist das Dokumentartheater Stolpersteine von Hans-Werner Kroesinger. Das am Badischen Staatstheater Karlsruhe aufgeführte Stück rekonstruiert aus Personalakten, wie die judenfeindliche Diskriminierung an ebenjenem Theater ab 1933 im Detail funktioniert hat.

Schauspieler lesen an einem großen Arbeitstisch, an dem sie zusammen mit den Zuschauern sitzen, Akten, Zeitungsberichte, Memoiren und Zeitzeugen-Interviews. Dadurch erfährt man, wie in Karlsruhe jüdische Schauspieler, eine jüdische Souffleuse und der Intendant entlassen, verhaftet, ins Exil oder den Suizid getrieben wurden – ein nachdenklich stimmendes Lehrstück über das ebenso perfekte wie wertfreie Funktionieren staatlicher Bürokratie.

Das Berliner Treffen gilt als wichtigste Plattform des deutschsprachigen Theaters. Die insgesamt dreiwöchigen Festspiele dauern noch bis zum 22. Mai und werden von einem umfangreichen Programm mit Diskussionen, Lesungen und Gastspielen begleitet. Die Kritikerinnen und Kritiker der Jury sind Till Briegleb, Barbara Burckhardt, Wolfgang Huber-Lang, Peter Laudenbach, Bernd Noack, Stephan Reuter und Andreas Wilink. ja/ppe

Yael Ronen: »The Situation«. 13., 18. und 20. Mai am Maxim Gorki Theater

Hans-Werner Kroesinger: »Stolpersteine«. 16. bis 18. Mai im Haus der Berliner Festspiele

www.berlinerfestspiele.de

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