Interview

»Mutig sein und an sich glauben«

Mirjam Pressler Foto: Gregor Zielke

Mirjam Pressler ist eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands. Sie wurde während der Nazi-Zeit 1940 geboren und wuchs bei Pflegeeltern auf. Mirjam Pressler schreibt »realistisch«: Fantasy ist nicht ihr Fall. Aber wenn man ihr Golem-Buch oder Malka Mai liest, kriegt man schnell mit, dass realistische Bücher auch ganz schön unter die Haut gehen können. Mirjam Pressler hat so gut wie alle Preise für Kinder- und Jugendbücher in Deutschland bekommen. Außerdem übersetzt sie israelische Kinderbücher ins Deutsche.

Frau Pressler, was haben Sie gelesen, als Sie Kind waren?
Alles. Alles, was ich in die Finger bekommen konnte. Allerdings haben mir die Kinder- und Jugendbücher, die es damals gab, nicht besonders gefallen. Dann habe ich halt die Bücher für Erwachsene gelesen.

Wenn man merkt, dass man gerne schreibt, was kann man tun, um eine gute Schriftstellerin zu werden?
Am wichtigsten ist: viel lesen und zwar bewusst lesen. Immer, wenn einem etwas gefällt, ein Wort, ein Satz, ein ganzes Kapitel, dann darüber nachdenken, warum hat mir das gefallen? Und wenn man dann schreibt, muss man darüber nachdenken, wie das Ganze wirkt. Ich mache das bis heute so. Ich schreibe, und dann lese ich, was ich geschrieben habe, als wäre ich irgendeine Leserin. Außerdem soll man, wenn man Schriftsteller oder Schriftstellerin werden will, mutig sein und an sich glauben. Ich habe schon als Kind gewusst, dass ich gut schreibe.

Dann haben Sie also auch als Kind schon geschrieben?
Aber sicher. Ich war ja als Kind eine Zeitlang in einem Kinderheim, und da haben alle anderen Kinder von Verwandten Fresspakete zugeschickt bekommen. Mir hat aber niemand etwas geschickt. Und dann haben wir ein Geschäft gemacht: Wenn mir ein Kind etwas aus seinem Fresspaket abgibt, dann schreibe ich ihm dafür etwas. Als ich dann selbst Kinder hatte, habe ich entdeckt, dass es unter den neuen Kinderbüchern richtig gute gibt – solche, die die Welt beschreiben, wie sie ist, auch mit allen Problemen. Das hat mir gefallen. So wollte ich auch schreiben.

Alle sagen, Lesen ist gut, Lesen macht schlau. Aber was, wenn einer einfach nicht gerne liest?
Ich würde so einem Lesemuffel das Buch von Uri Orlev »Der Mann von der anderen Seite« in die Hand drücken.

Was ist so besonders an diesem Buch?
Es ist unheimlich spannend, aber ganz schön traurig, und man sollte schon so um die zwölf Jahre alt sein, wenn man es liest. Es geht da um einen Jungen, der die Judenverfolgung miterlebt und den Aufstand im Warschauer Ghetto.

Was ist für Sie ein jüdisches Kinder- oder Jugendbuch?
Hm ... da tue ich mich ganz schwer. Es gibt hebräische Bücher, klar. Auch jiddische. Aber sind das dann unbedingt jüdische Bücher? Oder sind jüdische Bücher die, deren Hauptpersonen Juden sind?

Schreiben Sie anders, wenn Sie an jüdische Kinder als Ihr Lesepublikum denken?
Nein, auf keinen Fall. Beim Schreiben habe ich nur die Gesellschaft im Kopf, in der meine Figuren leben – Juden wie Nichtjuden. Beim Schreiben bin ich ganz bei denen.

Das Gespräch führte Katrin Diehl.

Los Angeles/New York

Hitler-, Grusel- und Helden-Parodien: Mel Brooks wird 100

Nur wenige haben einen Oscar, Emmy, Tony und Grammy gewonnen. Das jüdische Multitalent Mel Brooks zählt dazu. Jetzt wird der Komiker und Regisseur 100 - und zeigt, dass er noch immer Menschen zum Lachen bringt

von Barbara Munker  22.06.2026

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 21.06.2026 Aktualisiert

Literatur

Jelinek lässt Fuchs und Hase über Kapitalismus sprechen

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feiert im Oktober ihren 80. Geburtstag. Ihr aktuelles Werk »Unter Tieren« zeigt sie einmal mehr als scharfe Gesellschaftskritikerin

von Sibylle Peine  21.06.2026

Auszeichnung

Duisburger Musikpreis für Igor Levit

Die Stadt Duisburg ehrt den jüdischen Pianisten Igor Levit mit ihrem Musikpreis. Gewürdigt wird nicht nur das künstlerische Können des 39-Jährigen, sondern auch sein gesellschaftliches Engagement

 21.06.2026

Aufgegabelt

Israel »Dot Cake«

Rezepte und Leckeres

 21.06.2026

Zahl der Woche

170 Delegierte

Fun Facts und Wissenswertes

 21.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

YouTube-Clips mit Tefillin oder »Mehr Licht in der Welt«

von Margalit Edelstein  21.06.2026

Essay

Fallstricke des Wokeismus

Gegenerzählungen zur westlichen Kolonialgeschichte bilden ein berechtigtes Korrektiv, aber was über Israel verbreitet wird, bedarf grundlegender Korrekturen

von Richard Blättel  20.06.2026

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026