»Anagnorisis«

Musik aus dem Lockdown

»Schatz, das ist nicht Liebe, nein«: Asaf Avidan (40) Foto: imago/HMB-Media

Für Asaf Avidan begann der Lockdown bereits ein Jahr, bevor das Coronavirus über die Welt hereinbrach. Der Musiker zog sich in sein Landhaus in Italien zurück – nach Jahren ohne Pause, mit Konzerten, Tourneen und sechs Solo-Alben. Ausgebrannt sei er gewesen, erzählt er heute in Interviews. Und so begann er eine Art Sabbatical – eine Zeit des Insichkehrens: Selbsttherapie und psychologische Ausgrabungsarbeit sei das gewesen, beschreibt er diese Phase.

Es sei aber eben auch eine Zeit gewesen, in der er Ideen für neue Lieder sammelte – und neue Texte schrieb. Ganz ohne Arbeit ging es dann doch nicht. Erst, als sich auch der Rest der Welt in die virusbedingte Selbstisolation zurückzog, fing Asaf Avidan an, aus seiner zu erwachen und sein siebtes Album aufzunehmen: er in Italien, sein Produzent Tamir Muskat in Israel. Pendeln war da schon nicht mehr möglich.

Herausgekommen sind zehn Songs, die wie gemacht klingen für die zweite Corona-Welle, weil sie melancholisch und nachdenklich sind, stark und hoffnungsvoll zugleich. Es ist Musik für die Couch – und zum Tanzen.

SCHMERZ Asaf Avidan ist ein klassischer Singer-Songwriter, einer, der mit seinen Worten Schwere und Tiefe in die Lieder bringt. Von sich selbst sagt er immer wieder, er sei gar kein Musiker, er habe diesen Beruf ja nie gelernt, sei eigentlich Animateur und habe erst mit 26 Jahren zur Gitarre gegriffen – als seine langjährige Beziehung in die Brüche ging und er seinen Schmerz verarbeiten musste.

Was dann passierte, ist Musikgeschichte. Er schrieb den »Reckoning Song«, der sich in der 2012er-Version des deutschen DJ Wankelmut 51 Wochen in den Charts hielt, sieben davon auf Platz eins.

One Day, Baby, we’ll be old. Eines Tages, Baby, werden wir alt sein. DJ Wankelmut hat aus dem Gitarren-Solo-Song einen Dance-Hit produziert und den bis dahin eher unbekannten Asaf Avidan berühmt gemacht. Mit dem Wankelmut-Mix konnte sich Avidan allerdings nach eigener Aussage nie anfreunden.

Pop, Hip-Hop, Chorgesänge – Avidan beschränkt sich nicht
auf ein Genre.

Wer seine anderen Alben und Songs kennt, weiß: Der Remix war nicht sein Stil. Wobei eigentlich gar nicht ganz klar ist, was eigentlich sein Genre ist. Auf seinem neuen Album Anagnorisis jedenfalls gibt es von vielem etwas: Chorgesänge (alle Stimmen sind wohlgemerkt Asafs eigene – auch die Background-Gesänge), Pop, Hip-Hop-Beats, Gitarren- und Klaviermusik. »Ich weiß nicht, wie andere Künstler sich auf ein Genre beschränken können«, sagt Asaf Avidan in einem Video auf Facebook. »Ich finde es komisch und bin mir nicht sicher, ob ich sie beneide oder bemitleide. Es wäre, als würde ich die Worte meiner Sprache reduzieren. Der Mix der Genres passt zu meinen emotionalen Bedürfnissen.«

ERLÖSUNG So ist Anagnorisis ein abwechslungsreiches Album mit Tönen, die ins Mark treffen, sich festsetzen, die man nicht mehr ganz loswird, und Textzeilen, die berühren. Wie in dem ersten Song, »Lost Horse«, da heißt es: »This prolonged, insane, grotesque thing / that we wrongly have been naming ›love‹ / honey, this ain’t love, no.« »Diese langwierige, verrückte, groteske Sache, die wir fälschlicherweise ›Liebe‹ genannt haben, Schatz, das ist nicht Liebe, nein.«

Oder im Song »Anagnorisis«: »Finally, I know / Drenched to the bone / What you call home / I call redemption / Peripetia / It always ends bad / This time it won’t / End.« »Endlich weiß ich es. Bis auf die Knochen durchnässt. Was du Zuhause nennst, nenne ich Erlösung. Peripetie. Es endet immer schlecht. Diesmal wird es nicht enden.« Das Video dazu hat übrigens Wim Wenders gedreht.

Der Ausdruck »Anagnorisis« geht auf Aristoteles zurück.

Anagnorisis (Wiedererkennung) – auch der Name des Albums – ist ein Begriff aus dem Griechischen, der auf Aristoteles zurückgeht. »Es bezeichnet den Moment der Selbstoffenbarung eines Protagonisten, wenn er oder sie plötzlich etwas über sich versteht, was er oder sie vorher nicht wusste, was dann die Geschichte ändert«, erklärt Asaf Avidan auf Facebook.

MIDLIFE-KRISE Klingt im ersten Augenblick sehr passend – schließlich zog sich Avidan vor seinem 40. Geburtstag in die Prä-Corona-Isolation zurück, es kam die Midlife Crisis, sagt er selbst. Doch einen wirklichen Wendepunkt gab es für ihn nicht. »Ich konnte mit diesem Moment des kompletten Wandels nichts anfangen«, erklärt er. So sei das Leben nicht. »Meine Anagnorisis war, dass ich verstanden habe, dass die Kunst eine Lüge ist, weil sie dem Chaos eine Struktur geben möchte.«

Das Chaos der Welt – es wird vor allem in der Corona-Krise deutlich. Nichts ist mehr, wie es war. Keiner weiß, wie es weitergeht. Und wie hält man das Jetzt überhaupt aus? Auch deshalb entschied sich Asaf Avidan im Frühjahr, den Song »Earth Odyssey« zu veröffentlichen. »Es war die Zeit, als Italiener begannen, von den Balkonen zu singen«, sagt Avidan. »Das Lied ist eine Hymne und steht für den Mangel an Macht, den man in der Welt hat, die Sinnlosigkeit.« In dem Lied heißt es: »Something out of nothing / Still amounts to nothing at all / (Oh no, you’re not that strong)«. »Etwas aus nichts ist immer noch nichts. (Oh nein, du bist nicht so stark.)«

An das Ende des Albums hat Avidan Hoffnung gepackt. Zuerst den »Darkness Song«. Ausgerechnet, möchte man meinen. Düstere Aussichten. Doch nein, das Lied klingt wie ein Sonnenstrahl, der sich nach einem Herbstgewitter den Weg durch die aufbrechende Wolkendecke bahnt und auf die Erde strahlt, wo das Wasser noch tropft. Es folgt »I See Her, Don’t Be Afraid« mit den Zeilen: »Don’t be afraid, don’t be afraid. You were once dead, you were once dead, you were once dead.« »Hab keine Angst, hab keine Angst. Du warst einst tot. Du warst einst tot. Du warst einst tot.« Und jetzt?

Es ist wie eine Botschaft in diesen verrückten Pandemiezeiten: dass es am Ende des Tunnels eben doch Licht geben wird.

Asaf Avidan: »Anagnorisis«. Embassy of Music (Tonpool) 2020

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