Sprachgeschichte(n)

Mosern ist nicht gleich Mosern

Inkarnation des Wut-Moserers: Marcel Reich-Ranicki Foto: dpa

Marcel Reich-Ranicki gestand einmal: »Ich kann nicht anders: Ich muss immer nörgeln!« Boris Becker, ehemaliger Tennisstar und gefallener Held, nörgelte neulich: »Ich habe mehr Respekt verdient.« Und der Publizist Eric Hansen bekannte jüngst in einem Interview, dass »Nörgeln zum Fundament der Gesellschaft in Deutschland« gehört.

Zu diesem Verb gibt es zwei im alltäglichen Gebrauch beliebte jiddischstämmige Synonyme: »mosern« und »dibbern«. Das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache des 20. Jahrhunderts charakterisiert »mosern« als landschaftlich und salopp. Auffällig ist, dass das Lexem oft in Kommentaren vorkommt. So schrieb Die Zeit kürzlich: »Seit Jahrzehnten nörgeln und mosern sie nur rum, die Briten.« Und als Berlin gegen eine Bebauung des Tempelhofer Feldes votierte, hieß es im Tagesspiegel: »Die einen jubeln, die anderen mosern.«

Ursprung Küppers Wörterbuch der deutschen Umgangssprache schreibt, das Wort hänge »wahrscheinlich mit der Sprechweise des Bühnen- und Filmschauspielers Hans Moser (1880–1964) zusammen, sofern diese Sprechweise schon 1920 seine Eigenheit war; denn das Wort wurde umgangssprachlich erstmals 1920 vernommen.« Da den Wiener Künstler nur noch ältere Cineasten kennen, entfällt heute diese Erklärung, auch wenn sich jahrzehntelang im Bekanntheitsgrad des Wortes weniger dessen rotwelsche und jiddische Quelle als die grantelnde Art des Mimen niederschlug.

Das Wort, das später in Bauernmundarten auch für »quengeln« stand, definierte C. W. Zimmermann in Die Diebe in Berlin (1847) als »sprechen, auch kaspern, sich durch Klopfen an die Wand den Mitgefangenen verständlich machen« und setzte »vermosern« gleich mit »verpfeifen, jemanden durch seine Angaben oder Geständnisse dergestalt hineinreiten, dass derselbe für überführt erachtet wird«. Im Jiddischen gab es »massren« für »anschwärzen« und das Substantiv »Mosserer« (Denunziant).

In Leo Komperts Erzählung Judith die Zweite (1850) steht zum Beispiel: »›Warum kommt keiner in die Schul?‹, fragte ihn Chajim. Erst sah der Knabe verlegen zu Boden, dann sagte er schluchzend: ›Der Vater hat’s verboten.‹ ›Und warum?‹ Chajim zitterte vor banger Ahnung. ›Weil der Lehrer ein Mosserer ist‹, sagte der Knabe nach langer Pause, ›der Lehrer hat Leb Rother angegeben; Leb Rother wird werden erschossen, ein Mosserer darf mit kein’ jüdisch Kind lernen.‹«

westjiddisch Der Spiegel schrieb vor elf Jahren im Nachruf auf Ronald Reagan: »Er dachte in einfachen Strukturen und handelte auch danach. Das gab vielen Amerikanern das Gefühl, einen verlässlichen Mann im Weißen Haus zu haben, der nicht lange herumdibbert, sondern zupackt.« Hier ist »herumdibbern« als »schwätzen« zu deuten. Das seit dem 15. Jahrhundert bezeugte Wort wurde über das Rotwelsche und die Händlersprachen aus dem Westjiddischen entlehnt. Klepschs Westjiddisches Wörterbuch (2004) weist auf die im biblischen Hebräisch belegte Partizipialform »diber« hin, die als Ableitung zum Substantiv »dabar« (Wort) ins Jiddische transferiert wurde.

H. Sterns Wörterbuch zum jiddischen Lehnwortschatz in den deutschen Dialekten beleuchtet das semantische Spektrum von »dibbern« – vom standardsprachlichen »leise auf jemanden einreden« über die Deutung als »zanken« (Rheinisches Wörterbuch) bis zur Auslegung als »nörgeln« (Hamburgisches Wörterbuch) und Scheltwörter wie »Dibberbüdel« und »Dibbertriene«. Niederdeutsche wissen übrigens: »An Dibbern un Quesen is noch keenen genesen!«

Meinung

Ein fatales Signal

Dass Bundesbildungsministerin Stark-Watzinger umfällt und ihre Staatssekretärin im Regen stehen lässt, ist ein herber Rückschlag im Kampf gegen Antisemitismus und Israelhass

von Nathan Gelbart  18.06.2024

Nachruf

Die Vielgeliebte des französischen Films: Anouk Aimée

Die französische Schauspielerin starb im Alter von 92 Jahren

von Sabine Glaubitz  18.06.2024

Berlin

Neue Bühne für ein altes Haus

Ein Zeichen der Hoffnung? In einem Theaterstück von Amos Gitai treten Juden und Araber gemeinsam auf

von Ayala Goldmann  18.06.2024

Literatur

Ich – ist wer?

Der Roman »Ich?« von Erich Mosse ist nach 98 Jahren neu aufgelegt worden – wieder unter Pseudonym

von Alexander Kluy  18.06.2024

Social Media

Wegen Hass und Hetze: 47 Organisationen verlassen Plattform X

Sie wollen in mehreren abschließenden Posts über das Thema Hate Speech informieren

 18.06.2024

Berlin

Margot Friedländer ziert das neue »Vogue«-Cover

Die 102-Jährige setzt sich seit Jahren gegen das Vergessen ein

 18.06.2024

Kunst

Fast wie echte Menschen

Das Museum Barberini in Potsdam zeigt markante Porträts von Amedeo Modigliani

von Eugen El  18.06.2024

Jürgen Habermas

Der Intervenator

Immer wieder mischt der Philosoph Debatten auf, zuletzt nach dem 7. Oktober. Nun wird er 95 Jahre alt

von Ralf Balke  18.06.2024

Restaurant

Endgültig geschlossen

Der Inhaber des »Bleibergs« gibt an, dass israelische Touristen in Berlin ausbleiben

von Christine Schmitt  17.06.2024 Aktualisiert