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Mosaik der Schicksale

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Uwe Wittstock schreibt in »Marseille 1940« über die Literatur im Exil

von Jakob Hessing  12.05.2024 10:54 Uhr

Von deutschen Literaturwissenschaftlern wenig geschätzt, haben Journalisten viel zur Erforschung der Exilliteratur beigetragen. Vor nun fast 50 Jahren, als das Thema noch längst nicht populär war, schrieb der jüngst verstorbene Jürgen Serke Die verbrannten Dichter, seine klassischen Reportagen im »Stern«, in denen er den Autoren und Autorinnen dieser Literatur ein Denkmal setzte.

In dieser Tradition steht auch Uwe Wittstock. Er begann als Literaturkritiker in der FAZ unter Marcel Reich-Ranicki, dessen Biografie er später schrieb, und jetzt liegen seine zwei Bestseller vor: Februar 1933. Der Winter der Literatur (2021) und Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur (2024). Schon die Titel zeigen, wie Wittstock die finsterste Zeit deutscher Kulturgeschichte präsentiert.

Die Literatur wird zur Metapher: Im Februar 1933, als Deutschland sich schon in ein Volk, ein Reich und einen Führer verwandelt, bricht ihr Winter an, friert den Geist des anderen Deutschlands ein, den Hitler vernichten musste, wenn er seine wahnwitzigen Ziele erreichen wollte.

Sieben Jahre später, 1940, zeigt Wittstock uns die Literatur auf der Flucht. Dichter und Denker, wie das in Deutschland einst hieß, Frauen und Männer haben die Heimat verlassen, viele von ihnen sind Juden, und für ihr Schicksal gibt es ein jüdisches Schlüsselwort: Sie werden zerstreut, und Wittstock erzählt, wie es ihnen in der Zerstreuung ergeht.

Marseille ist das letzte Schlupfloch für Flüchtlinge

Im Zentrum seines Buches steht eine Stadt: Marseille. Der französische Hafen an der Mittelmeerküste wird zum Fokalpunkt der verschiedenen Wege, auf denen die Zerstreuten den Verfolgern zu entkommen suchen. Hitler erobert Europa, und Marseille ist das letzte Schlupfloch, durch das die Flüchtlinge den Kontinent bis ins Jahr 1940 noch verlassen können, bevor sich auch dieses Tor zur Freiheit schließt.

»Hier mußten immer Schiffe vor Anker gelegen haben«, schreibt Anna Seghers, »genau an dieser Stelle, weil hier Europa zu Ende war.« Auch die deutsche Jüdin, die in der DDR später Präsidentin des Schriftstellerverbandes wird, floh über Marseille aus Europa, und so steht es in ihrem Roman darüber. Sie nannte ihn Transit, denn die Stadt war keine Bleibe, nur ein Übergangsort von Exil zu Exil.

Die Flucht, die bei Seghers zum Kunstwerk wird, stellt Wittstock dar, wie sie tatsächlich abläuft. »Im Dorf Longpont-sur-Orge entdecken sie den Panzer. Es ist ein französischer, Gott sei Dank. Anna Seghers und ihre beiden Kinder haben ihn schon von Weitem gesehen, ein Ungetüm aus Stahl mitten in dem ausgestorbenen Dörfchen keine vierzig Kilometer südlich von Paris.«

So beginnt die erste von acht über 200 Seiten des Buches verteilten Episoden, in denen Wittstock die abenteuerliche Flucht der 40-jährigen Mutter von Paris nach Marseille schildert. Von dort entkommt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern zuerst in die französische Kolonie Martinique und schließlich nach Mexiko.

Wittstock hat die Fluchtwege recherchiert

Wittstock hat die Fluchtwege recherchiert, auf denen unzählige Literaten nach Marseille gelangen. In chronologisch aufeinanderfolgenden Schnitten führt er sie wie einen Film vor Augen – ein Mosaik aus scharf gezeichneten Porträts und Situationen, die sich dem Leser einprägen.

Das schönste Porträt aber widmet Uwe Wittstock einem Fluchthelfer, dem amerikanischen Journalisten Varian Fry. Er ist der tragische Held dieses Buches, ein in seinem Leben zutiefst unglücklicher Mann, der in Marseille das Rettungskomitee für gefährdete Schriftsteller leitet und vielen seiner Schützlinge den Weg in die Freiheit bahnt.

Die Historiker dieser traurigen Zeit haben ihn nie gebührend gewürdigt, und erst lange nach seinem Tod kommt Fry zu Ehren: »1994 wurde ihm von Yad Vashem der Titel ›Gerechter unter den Völkern‹ verliehen. 1996 pflanzte sein Sohn James zu Ehren seines Vaters einen Baum in Yad Vashem.«

Uwe Wittstock: »Marseille 1940. Die große Flucht der Literatur«. C.H. Beck, München 2024, 351 S. mit 28 Abbildungen und zwei Karten, 26 €

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