Corona

Mit Herz und Vernunft

Solidarität in Italien: Balkonkonzert im Mailand am vergangenen Samstag Foto: imago images/ULMER Pressebildagentur

Corona

Mit Herz und Vernunft

In der derzeitigen Krise sollten wir uns darauf besinnen, wer wir wirklich sind

von Vladimir Vertlib  19.03.2020 08:11 Uhr

Die Maßnahmen sind rigoros: Kindergärten, Schulen und Universitäten wurden geschlossen, Veranstaltungen abgesagt, Betriebe müssen schließen, Sozialkontakte werden eingeschränkt, einzelne Regionen abgeriegelt. Mancherorts kommt es zu Hamsterkäufen, wobei Artikel wie Toilettenpapier besonders begehrt sind.

Es gibt keine Krise, die nicht ihre bizarren Seiten hätte. Europa in Zeiten der Corona-Pandemie ist da keine Ausnahme.

fake news So tragisch und beängstigend die Situation auch sein mag: Der Anteil der Infizierten an der Gesamtbevölkerung ist verschwindend gering, die Reaktion der meisten Menschen – trotz Panikmache und Fake News in den sozialen Netzwerken – einsichtig und diszipliniert, und die Maßnahmen der Behörden sind in fast allen europäischen Ländern keineswegs überzogen, sondern angesichts der realen Gefahren einer solchen Pandemie logisch und nachvollziehbar.

Es gibt keine Krise, die nicht ihre bizarren Seiten hätte. Europa in Zeiten der Corona-Pandemie ist da keine Ausnahme.

Wahrscheinlich wäre die Situation eine andere und die Reaktion der Menschen viel unberechenbarer und gefährlicher, wenn jeder in seiner Familie einen Krankheitsfall hätte und in seinem Umfeld von einem Todesfall wüsste. Dies gilt es mit allen Mitteln zu verhindern –zu Recht!

Genau 100 Jahre ist es her, dass die Spanische Grippe weltweit mehr als 25 Millionen Todesopfer gefordert hat. Dieses Trauma ist in unserem kollektiven Gedächtnis weiterhin sehr präsent. Wer das Vorgehen der europäischen Regierungen für überzogen hält, sollte ein wenig Fantasie aufwenden und sich vorstellen, welche Folgen der Krise wir sonst zu tragen hätten.

experten US-Präsident Donald Trump hat es versäumt, rechtzeitig drastische Maßnahmen wie in Europa einzuleiten. Dabei haben Experten schon im Februar errechnet, dass das US-Gesundheitssystem bei einer Pandemie dieses Ausmaßes kollabieren könnte, infolgedessen Hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Menschen sterben würden. »Vernunft, Herz, unser Miteinander sind auf die Probe gestellt, von der ich mir wünsche, dass wir sie bestehen«, verkündete vor einigen Tagen Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Solidarität in der Bevölkerung ist auf jeden Fall groß. Junge Menschen organisieren sich, um für Ältere einkaufen zu gehen, Ärzte in Rente leisten freiwillige Hilfsdienste. Nur verhältnismäßig wenige agieren rücksichtslos und egoistisch.

Wenn wir miteinander auf unser Herz hören und der Vernunft folgen, erkennen wir, dass nur der einigende europäische Gedanke den Weg weist, um globale Krisen dieses Ausmaßes gemeinsam zu überwinden. Dazu gehören vor allem der Ausbau und die Harmonisierung unserer Gesundheitssysteme.

Die Solidarität in der Bevölkerung ist groß.

Italien zum Beispiel ist schon seit Jahrzehnten für seine schlechte medizinische Infrastruktur berüchtigt. Südtiroler lassen sich, wenn möglich, in Nordtirol operieren. Wer als Urlauber in Italien krank wird, tut gut daran, so schnell wie möglich nach Hause zu fahren und sich dort behandeln zu lassen.

italien Und dass in Italien bislang mehr als 100-mal so viele Menschen am Coronavirus gestorben sind wie in Deutschland, dem viel größeren Land, ist sicher nicht nur darauf zurückzuführen, dass die ersten Krankheitsfälle in Italien einige Zeit früher aufgetreten sind.

Die Qualität der Krankenversorgung innerhalb Europas muss so rasch wie möglich vereinheitlicht, sprich, verbessert werden, genauso wie die Koordination im Falle globaler und schwerer Krisen.

Sollten die Verantwortlichen in Europa viel zu spät mit angemessenen Maßnahmen auf die Epidemie reagiert haben, darf sich so etwas in Zukunft nicht wiederholen. Die Europäische Union muss die Möglichkeit und das Recht bekommen, schnell und unbürokratisch Maßnahmen für ganz Europa zu beschließen und umzusetzen.

pessimisten Noch wichtiger als das ist die Erkenntnis, dass wir bis jetzt bei Weitem nicht so verhärtet, egoistisch oder zynisch agieren, wie manche Pessimisten annehmen würden. Trotz Hass und gesellschaftlicher Polarisierung, die wir seit Jahren erleben, rücken die Menschen diesmal eher zusammen, als dass sie aufeinander losgehen oder sich gegenseitig denunzieren würden.

Zwar kursieren in sozialen Netzwerken alle möglichen abstrusen Gerüchte, doch ist mir niemand bekannt, der zum Beispiel behaupten würde, »die Juden« hätten das Coronavirus erschaffen und in die Welt gesetzt, Geflüchtete oder Migranten hätten es eingeschleppt, oder es sei eine Kreation der Linken, der Rechten, der Islamisten, der Grünen oder der Fridays-For-Future-Bewegung. Nicht einmal Viktor Orbán macht George Soros dafür verantwortlich.

Für uns Juden gilt Pikuach Nefesch – das unbedingte, über allem anderen stehende Gebot, Leben zu retten – sowie Bikur Cholim – das Gebot, sich um Kranke zu kümmern und ihnen beizustehen.

Für uns Juden gilt Pikuach Nefesch – das unbedingte, über allem anderen stehende Gebot, Leben zu retten – sowie Bikur Cholim – das Gebot, sich um Kranke zu kümmern und ihnen beizustehen. Diese Gebote mögen nichtreligiösen Juden nicht mehr bekannt sein: Sie sind verschüttet, aber nicht vergessen, man befolgt sie nicht bewusst, handelt aber, wenn es darauf ankommt, trotzdem danach.

Nichtjuden können auf andere, durchaus vergleichbare religiöse und kulturelle Ursprünge zurückgreifen, die sie nicht nur zu Menschen, sondern auch zu Mitmenschen machen. Vielleicht ist jetzt die Zeit für jeden Einzelnen gekommen, sich darauf zu besinnen, wer man wirklich ist.

Der Autor ist Schriftsteller in Salzburg. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Viktor hilft«.

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