documenta

»Mit eigenen Augen sehen«

»Das ist bewusster Antisemitismus«: Lutset (33) vor einem Werk der Reihe »Guernica Gaza« Foto: Ilja Kagan

Herr Lutset, Sie sind zusammen mit etwa 20 jungen Jüdinnen und Juden zur documenta nach Kassel gefahren. Warum war Ihnen das wichtig?
Was über die documenta in den Medien berichtet wurde, war vor allem negativ. Das ist nicht falsch, aber über die eigentliche Idee der Ausstellung wurde kaum etwas geschrieben. Die documenta ist ein Beispiel für eine neue Art der Kunst, die sozial und kollektiv ist und der es um die Verbesserung der Welt geht. Eigentlich etwas, das viel mit unserer jüdischen Tradition zu tun hat. Mein Gedanke war, man muss sich die documenta erst einmal mit eigenen Augen ansehen, um ein Urteil fällen zu können. Deshalb habe ich die Reise nach Kassel auch »documenta selbst (ver-)urteilen« genannt.

Ist es nicht genau dieser kollektive Charakter, der in Kassel zur Verantwortungslosigkeit geführt und damit auch die antisemitischen Bilder ermöglicht hat?
Natürlich. Aber die Frage ist, ob man wegen dieses Skandals die ganze documenta verurteilen sollte. Mir ist es wichtig, dass es wieder mehr um die Kunst auf der Ausstellung geht. Man sollte beide Seiten der documenta, das Gute wie das Schlechte, betrachten.

Welche Einstellungen hatten Ihre Mitreisenden gegenüber der documenta?
Es gab ein paar, die von Anfang an sehr kritisch eingestellt waren und die sagten, warum sollen wir Steuerzahler für antisemitische Kunst zahlen? Unter den sehr Kunstinteressierten waren viele, die auch einfach die documenta gerne besuchen wollten, ohne diese gleich zu verurteilen. Dass sich junge Juden mit unterschiedlichen Meinungen zu der Ausstellung begegnen, war mir sehr wichtig. Solche Konflikte innerhalb einer Gruppe auszuhalten hat etwas sehr Jüdisches, und es gab unter den Teilnehmern lebendige Diskussionen.

In Kassel haben Sie Iswanto Hartono von ruangrupa sowie zwei documenta-Künstler getroffen. Wie verlief das Gespräch?
Eine Frage, die wir gestellt haben, war, wie es dazu kommen konnte, dass etwa Propagandafilme der japanischen Roten Armee Fraktion auf der documenta gezeigt werden. Leider konnte darauf Iswanto überhaupt keine klare Antwort geben und meinte, dass es nicht in seiner Macht stehe, daran etwas zu ändern. Er hat aber viel Verständnis selbst für sehr harte Kritik von unserer Seite aufgebracht. Es wurde bei dem Gespräch auch zugegeben, dass es auf der documenta ein Problem mit Antisemitismus gibt.

Welche documenta-Werke haben Sie genauer unter die Lupe genommen?
Neben den bereits erwähnten Propagandafilmen, die ich am schlimmsten finde, war das auch die Reihe »Guernica Gaza« von Mohammed al Hawajris. Der Titel ist bereits eine Provokation. In einem Teil der Reihe wurden in einem Gemälde von Jean-François Millet die beiden biblischen Figuren Ruth und Boaz, Vorfahren von König David, mit Bildern von israelischen Soldaten übermalt. Das ist bewusster Antisemitismus. Davon abgesehen ist das Werk einfach schlecht gemacht. Ich finde es schade, dass so etwas viel mehr Aufmerksamkeit bekommt als die wirklich guten Arbeiten.

Was würden Sie sich mit Blick auf die letzten Wochen der documenta wünschen?
Die documenta nennt ihr kommunikatives Konzept »Harvest«, also »Ernte«. Interessanterweise endet die Ausstellung genau am Vorabend von Rosch Haschana, wo das ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Ich wünsche mir sehr, dass diese Parallele ein Anstoß für einen echten Dialog wird.

Mit dem Aktivisten und Künstler sprach Joshua Schultheis.

Geburtstag

Bob Dylan wird 85: Genie, Grenzgänger und niemals greifbar

Die berühmte Frage in seinem bekanntestem Song lehnt sich direkt an diese Geschichte an: Wie fühlt es sich an, ohne ein Heim zu sein, wie ein völlig Unbekannter, wie ein rollender Stein?

von Paula Konersmann  24.05.2026

New York

Bob Dylan - Der geniale Sonderling

Protestlieder, elektrischer Rock, Country-Alben, religiöse Musik. Die Welt hat ihm einige der einflussreichsten Musikstücke zu verdanken. Eine Ikone wollte er aber nie sein

von Anne Pollmann  24.05.2026

Zahl der Woche

85 Jahre

Fun Facts und Wissenswertes

 24.05.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Wenn das Leben dir Zitronen schenkt oder Kennst du das Land ...

von Katrin Richter  24.05.2026

Konzert

»Man muss richtig aus dem Vollen schöpfen«

Omer Meir Wellber bringt »Mass« von Leonard Bernstein auf die Bühne. Hamburgs Generalmusikdirektor erklärt, welche Faszination von dem Stück ausgeht

von Stephen Tree  24.05.2026

Kulturkolumne

Wenn Israelis anklopfen

Influencer haben das alte Israel für sich entdeckt – und feiern es online

von Sophie Albers Ben Chamo  24.05.2026

Medizin

Gemeinsam gegen Krebs

Von den Grundlagen zur Therapie: Seit 50 Jahren arbeiten deutsche und israelische Wissenschaftler bei der Erforschung von Tumoren zusammen

von Gabriele Hermani  24.05.2026

Cannes

Hüller als Erika Mann, Eidinger als Gestapo-Chef

Das Programm der Filmfestspiele ist vom Zweiten Weltkrieg geprägt. Ein Beitrag außerhalb des Wettbewerbs sorgte für Überraschungen

von Patrick Heidmann  24.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026