Masada

Mit den Augen der Vergangenheit

Birgt noch heute viele Geheimnisse: die Festung Masada in der Nähe des Toten Meeres Foto: dpa

Es ist die nach Jerusalem meistbesuchte Touristenattraktion Israels: Masada. Rund 800.000 Menschen kommen jedes Jahr auf den Felsen am Rande der Judäischen Wüste. Eine Seilbahn bringt die Touristen nach oben, einige erklimmen das 400 Meter über dem Toten Meer gelegene Plateau auch zu Fuß. Oben angekommen, wird ihnen von kundigen Reiseleitern die heroische Geschichte des Ortes präsentiert.

Die staunenden Besucher hören, dass 960 Männer, Frauen und Kinder kollektiv Selbstmord begingen, weil sich die Zeloten nicht den römischen Besatzern ergeben wollten. Im Besucherzentrum am Fuße des Berges wird der Film Masada – The True Story gezeigt. Aber was ist die wahre Geschichte dieses Ortes, der 2001 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde? Kritiker meinen, dass die Heldengeschichte übertrieben oder sogar unwahr ist.

expedition Archäologen sind dem »Mythos Masada« auf der Spur. Die bedeutendste Ausgrabung fand von 1963 bis 1965 unter Leitung des Archäologen, Militärs und Politikers Yigael Yadin statt. Weitere folgten. Doch in den vergangenen elf Jahren ruhten die Arbeiten. Nun legt eine neue Expedition weitere Teile der antiken Struktur frei. Seit 5. Februar sind acht Mitarbeiter und 42 Studenten eines internationalen Programms der Universität Tel Aviv auf dem Felsen tätig, dieser Freitag ist der letzte Tag.

Die Leitung hat der Archäologe Guy Stiebel, der mit dem verstorbenen Ehud Netzer schon mehrere Grabungen auf Masada unternommen hat. »Diesmal konzentrieren wir uns auf ein Gebiet, das zuvor noch nicht untersucht wurde«, sagt Stiebel der Jüdischen Allgemeinen. Es gehe unter anderem um ein Areal im Zentrum des Berges, mit Überresten wohl aus byzantinischer Zeit, und um eine Höhle, deren Geschichte noch unklar ist.

Mit modernen Methoden und genauer Technik könne eine Art Mikro‐Archäologie betrieben werden. So erhofft man sich neue Erkenntnisse zu landwirtschaftlichen oder gärtnerischen Arbeiten auf dem Felsplateau. Auf jeden Fall bietet es einen Blick in das komplexe Leben vor 2000 Jahren. »Dass wir so viel über die Menschen erfahren können, die hier einst gelebt haben, ist etwas ganz Besonderes.« Durch die jahrelange Arbeit seien ihm manche recht vertraut. »Von einigen weiß ich sogar die Namen, die Berufe, woher sie kamen und woran sie geglaubt haben.« Das Wüstenklima mache es möglich, dass immer noch sehr gut erhaltene Stücke gefunden werden, mit denen sogar etwas über Ernährung und Kleidung zu erfahren ist. »Es ist ein Paradies für Archäologen«, schwärmt Stiebel.

hohepriester Die Geschichte soll mit dem Hohepriester Jonathan begonnen haben, dem der Bau einer Festung (hebräisch: »Mezada«) zugeschrieben wird. Dann soll König Herodes etwa ab 35 v.d.Z. auf dem Felsen eine Anlage mit Villen, Zisternen und Vorratskammern angelegt haben – als Winterdomizil und Fluchtort. Heute sind unter anderem im Nordteil auf drei Etagen die Überreste eines Palastes zu besichtigen sowie in weiteren Bereichen des Felsplateaus der Westpalast und ein Badehaus in römischem Stil.

Es folgte die Zeit des Aufstands gegen die Römer, der im Jahr 66 begann. Davon berichtet der jüdische Geschichtsschreiber Yosef Ben Matityahu, bekannt als Josephus Flavius. Er schreibt, dass sich in dieser Zeit Sikarier, also Dolchträger (sica, lateinisch: Dolch), auf dem Bergmassiv verschanzt hatten. Als Masada nach der Belagerung durch Tausende römische Soldaten schließlich zu fallen drohte, sollen die Verteidiger sich selbst und ihre Frauen und Kinder getötet haben. »Ohne Wanken vollzogen diese ihre Blutarbeit, um hierauf dieselbe Ordnung mit dem Lose auch untereinander einzuhalten, dass nämlich der ausgeloste Mann zuerst den anderen neun und darauf, als letzter von allen, sich selbst den Tod geben sollte«, so Josephus Flavius im Jüdischen Krieg.

In den Ruinen der Festung sollen im 5. bis 7. Jahrhundert Mönche gelebt haben. Nach der byzantinischen Periode war Masada dann für weitere Jahrhunderte ein verlassener Ort in der Judäischen Wüste. Erst 1806 wurde die Festung wiederentdeckt, 1838 von den amerikanischen Forschern Edward Robinson und Eli Smith als Stätte von historischer Bedeutung ausgemacht.

heldengeschichte Die entstehende zionistische Bewegung entdeckt die Heldengeschichte: Mit der Zeile »Masada darf nie wieder fallen« schafft der Dichter Yitzhak Lamdan 1927 das Gedicht zum Mythos. Und der junge Kibbuznik Shmaria Guttman klettert mit zahlreichen Gruppen der Jugendbewegung auf den Hügel und erzählt von den Helden, die sich lieber das Leben nahmen, als sich ihren Feinden zu ergeben. Mit der Zeit wird Masada zum nationalen Symbol. 1949 ist die Festung dann Teil des jüdischen Staates.

Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte, schreibt in seinem Buch Geschichte des Zionismus, dass die Suche nach Helden und Kollektivmythen in jeder entstehenden Nationalbewegung zu finden sei, auch im Zionismus: »Auch der Massenselbstmord von Masada im Jahr 73 galt nun als heroischer Widerstand der letzten jüdischen Bastion gegen die übermächtigen Römer.« Zudem dienten die Opfer von Masada als Mahnung an äußere Gefahren: »Dass die Archäologie sich im Staat Israel einer besonderen Bedeutung erfreute und dass prominente Politiker wie Moshe Dayan und Yigael Yadin sich als Archäologen betätigten, steht in direkter Verbindung mit dem hohen Stellenwert der antiken Heldenmythen.«

1955 finden die ersten Ausgrabungen israelischer Archäologen statt. Shmaria Guttman ist an ihnen beteiligt, wie auch an der Expedition von Yigael Yadin, bei der Hunderte Freiwillige aus aller Welt zwischen 1963 und 1965 größere Teile des Hochplateaus freilegen und spektakuläre Funde zutage fördern. Im »Raum der Lose« entdecken die Archäologen Tonscherben, die angeblich die Namen der Aufständischen tragen.

Für Yadin ist die Heldengeschichte bewiesen: Aus den Sikariern, den Dolchträgern, werden Zeloten, Freiheitskämpfer. Yadin, der später vom »letzten Kampf um die Festung des Herodes« schreibt, sieht den Mythos bestätigt. Doch es bleiben Zweifel. Nicht nur bei dem Briten David Stacey, der bei den Ausgrabungen in den 60er‐Jahren dabei war und später äußerte, die Geschichte vom Massenselbstmord sei frei erfunden; es gebe dafür keinen Beleg.

Legende Der Soziologe Nachman Ben‐Yehuda (Sacrificing Truth: Archaeology and the Myth of Masada) meint, dass die Suche nach der wissenschaftlichen Wahrheit durch die kulturelle Agenda einer noch jungen Nation beeinflusst wurde. Yadin habe damals auch aus patriotischen Gründen ein tragisches Ereignis der Geschichte in eine heroische Legende verwandelt.

Was also ist Realität, was Legende? Wer waren die Aufständischen? »Einige sagen, dass sie Fanatiker oder Freiheitskämpfer waren. Meiner Meinung nach haben beide nicht recht«, sagt Guy Stiebel. Denn es gebe klare historische und archäologische Beweise, dass die Gemeinschaft auf Masada weit weniger heterogen war, als bislang angenommen. »Und wir müssen uns klarmachen, dass die sich ändernde Perspektive die Geschehnisse und Entwicklungen in der israelischen Gesellschaft widerspiegelt.«

Seiner Meinung nach wird im heutigen Israel viel schwarz oder weiß gesehen, dabei gebe es gerade bei Masada viele Grautöne. Stiebel stellt klar: »Als Archäologe befasse ich mich nicht mit Mythen, sondern mit Funden und Fakten.« Er wolle es lieber anderen überlassen, zu entscheiden, ob die Aufständischen nun Friedenskämpfer oder Fanatiker waren. »Es gibt auch stets das Problem, dass wir die Vergangenheit mit unseren Augen sehen. Wir sollten die Vergangenheit mit den Augen derer betrachten, die damals gelebt haben, sozusagen im Zeitgeist der Juden und Römer. Das macht das Bild sehr viel komplexer, aber auch viel interessanter und herausfordernder.«

Auf die Frage nach neuen Funden und womöglich spektakulären Erkenntnissen der aktuellen Expedition winkt Stiebel ab: »Man findet immer etwas. Aber es ist noch zu früh, darüber zu sprechen. Wir werden uns zu gegebener Zeit damit an die Öffentlichkeit wenden.« Sicher scheint jedoch, dass es noch viele Geheimnisse gibt, die in den Ruinen der Felsenfestung unter Schutt und Geröll verborgen sind.

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