»Zwei im andern Land«

Minjan auf dem Mond

Foto: PR

»Zwei im andern Land«

Minjan auf dem Mond

Der Roman des Rabbiners Martin Salomonski ist ebenso abenteuerlich wie tollkühn

von Amir Wechsler  27.05.2021 08:58 Uhr

»Warum freuen sich die neun kleinen grünen Männchen so sehr, als der erste jüdische Astronaut auf dem Mars landet?« – »Weil sie nun endlich einen Minjan haben!« Martin Salomonski hätte dieser Witz des niederländischen Schriftstellers Leon de Winter gefallen.

In den Anfangswochen der NS-Diktatur verfasste der Rabbiner und Schriftsteller Salomonski den expressionistischen Roman Zwei im andern Land, der 1933 als Fortsetzungsgeschichte in der »Jüdisch-liberalen Zeitung« abgedruckt wurde, im Folgejahr in Buchform erschien und nun im Berliner Vergangenheitsverlag neu aufgelegt wurde.

Metropolesk Damals wie heute katapultiert Salomonski den Leser in das Jahr 1953 und die fiktive Küstenstadt Maimi (jawohl: Maimi!), eine Art Lang’sches »Metropolis« mit palmengesäumten Strandpromenaden und einer Armada an Wolkenkratzern nebst überdimensionalen »Lockschildern in allen Farben«. Arbeitslosigkeit prägt den Alltag in Maimi; Klassenunterschiede werden ersichtlich durch die Mitgliedschaft im das Großkapital repräsentierenden »Egoisten-Klub« oder dessen erklärtem Antipoden, dem »C.A.L.«, dem »Club anständiger Leute«.

Victor Arago, im Brotberuf Werbetexter und im Herzen Erfinder, hat eine geniale Apparatur ertüftelt, die ihrem Nutzer gestattet, mittels »Induktorbrillen« ein beliebiges zurückliegendes Ereignis aus der eigenen Erinnerung auf eine Leinwand zu projizieren und erneut zu durchleben. Nicht zuletzt aufgrund seiner nicht ganz freiwilligen Liaison mit der gleichermaßen betuchten wie beleibten Aimée Laporta, einer Angehörigen des Egoisten-Klubs, steht die Veräußerung seines Patents an ebenjenen Klub unmittelbar bevor.

Diesen Verkauf zu unterbinden, ist wiederum das Bestreben des C.A.L., einer von der 19-jährigen Jüdin Micaela, genannt Mica, präsidierten Vereinigung ausschließlich junger und »schöner Frauen«, die Victor, seines Zeichens Marrane, kurzerhand entführen. Victor und Mica werden, wie könnte es anders sein, ein Liebespaar.

Kräfte Unter dem Einfluss höherer Kräfte gelangen beide im Zuge der Mondfinsternis vom 26. Juli 1953 von Maimi auf den Mond. Dort treffen sie auf eine alteingesessene jüdische Zivilisation, die just von Micas tot geglaubtem Vater angeführt wird. Mica wird von Victor schwanger und setzt sich, für ihre jüdische Abstammung und Identität sensibilisiert, fortan vehement für die »Lösung der Judenfrage« ein. Nach einer Stippvisite im Berlin der 50er-Jahre, in dem »die jüdische Jugend ein fast historisch anmutender Begriff« ist, findet Mica die Beantwortung der »Judenfrage« schließlich im von ihr orchestrierten Exo­dus des jüdischen Volks auf den Erdtrabanten.

Martin Salomonski, 1881 in Berlin geboren, studierte orientalische Philologie und legte 1908 das Rabbinerexamen ab. Zwei Jahre später promovierte er zum Doktor der Philosophie, wobei spätestens seine Dissertation über »Gemüsebau und -gewächse in Palästina zur Zeit der Mischnah« einen gewissen Spleen für ausgefallene Sujets offenbarte.

Nachdem ihn sein erster Rabbinerposten in die Jüdische Gemeinde von Frankfurt (Oder) geführt und er während des Ersten Weltkriegs als Feldrabbiner gedient hatte, kehrte Salomonski 1925 in seine Geburtsstadt zurück und amtierte dort fortan als Rabbiner der Liberalen Synagoge in der Schönhauser Allee sowie der Neuen Synagoge in der Oranienburger Straße.

Werk 1942 wurde er zunächst nach Theresienstadt und 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Mit seinem utopischen Mondroman Zwei im andern Land hat Salomonski der Nachwelt ein in zweifacher Hinsicht ganz und gar fantastisches Werk hinterlassen.

Sein inhaltlicher Bezug zur Gegenwart könnte sich im Angesicht der jüngsten Ausschreitungen auf deutschen Straßen indes als kaum aktueller erweisen. Es drängt sich dem Leser in unheimlicher Manier das der Neuauflage des Romans vorangestellte Zitat Hannah Arendts aus dem Jahr 1941 auf: »Vor Antisemitismus ist man nur noch auf dem Monde sicher.«

Martin Salomonski: »Zwei im andern Land«. Vergangenheitsverlag, Berlin 2021, 228 S., 16 €

Kino

»EPiC: Elvis Presley In Concert« feiert Kinostart

Laut Regisseur Baz Luhrmann ist das Werk weder eine reine Dokumentation noch ein klassisches Konzertfilm-Format, sondern ein tiefgründiges Porträt des 1977 verstorbenen jüdischen Stars. Die Kritiker sind beeindruckt

 31.01.2026

Der diesjährige Lerntag "Jom Ijun" findet am 1. Februar im Gemeindezentrum der ICZ in Zürich statt.

Interview

»Wir sind in der kleinen jüdischen Welt einsam«

Der diesjährige Lerntag »Jom Ijun« beleuchtet das innerjüdische Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft und Individualismus. Warum auch der jüdische Diskurs davon betroffen ist, erklären die Organisatoren Ron Caneel und Ehud Landau im Gespräch

von Nicole Dreyfus  31.01.2026

Aufgegabelt

Früchtebrot

Rezepte und Leckeres

 31.01.2026

Rezension

Israel lieben und an Israel zweifeln

Sarah Levys Buch »Kein anderes Land« ist ein persönliches Zeitdokument – von Sommer 2023 bis zum 7. Oktober und dem Gaza-Krieg

von Eugen El  31.01.2026

"Dschungelcamp"

Gil Ofarim: »Auch ich will ’ne Antwort - vom deutschen Justizsystem«

Musiker Gil Ofarim steht wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit

von Britta Schultejans  31.01.2026

Meinung

Warum der Begriff »Davidstern-Skandal« unpassend ist

Die Formulierung beschreibt den Vorfall nicht nur falsch, sie deutet ihn auch als ein jüdisches Vergehen

von Martin Krauß  30.01.2026

TV-Tipp

Brillanter Anthony Hopkins glänzt in »One Life«

Kurz nach dem Holocaust-Gedenktag zeigt 3sat ein biografisches Drama über den Briten Nicholas Winton, der 1939 Kindertransporte von Prag nach London organisierte und damit mehrere hundert Kinder vor den Nazis rettete

von Jan Lehr  29.01.2026

Kairo/Berlin

Ägypten verbietet Buch zu Gaza-Krieg - Autoren: Das Interesse ist riesig

Ihr Streitgespräch über den Nahostkonflikt sorgte in Deutschland für viel Aufmerksamkeit - doch Ägyptens Zensur verbietet das Buch von Philipp Peyman Engel und Hamed Abdel-Samad. Die Autoren nehmen es eher gelassen

 29.01.2026 Aktualisiert

Literatur

Waisenkinder des Lebens

Aus Barbara Honigmanns neuem Buch »Mischka. Drei Porträts« lässt sich erfahren, welch strenge Schönheit und unprätentiöse Würde in der Erinnerung liegen

von Marko Martin  29.01.2026