Nachruf

Meister der Fallgeschichten

Oliver Sacks (1933–2015) Foto: dpa

Als Oliver Sacks im Februar öffentlich machte, dass er an Leberkrebs litt, wusste er, dass ihm nicht mehr viel Lebenszeit bleiben würde. Noch im Juni hatte der 1933 in London geborene Brite seine Autobiografie On the Move. Mein Leben veröffentlicht. Oliver Sacks galt als der berühmteste Neurologe der Welt. Als Autor populärwissenschaftlicher Bücher (etwa Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte) schrieb er zahlreiche Weltbestseller, die unter anderem mit Robert de Niro und Robin Williams verfilmt wurden (Zeit des Erwachens, 1990).

Quasi nebenbei hielt er auch noch Vorlesungen über Musiktheorie. Mozart, bemerkte Sacks einmal, mache ihn »fruchtbar« – aber auch Rock ’n’ Roll war ihm als ehemaligem Mitglied der Hells Angels nicht fremd. Mit zwölf Jahren hatte ihm ein Lehrer ins Stammbuch geschrieben: »Du wirst weit kommen, wenn du nicht zu weit gehst.« Der Lehrer sollte recht behalten.

Normal jüdisch
In der jüdisch-orthodoxen Medizinerfamilie, in die er hineingeboren wurde, wurde streng auf die Kaschrut geachtet. Sacks gehörte dem Sportverein Maccabi an, wo er sich mit anderen jüdischen Athleten im Bankdrücken und Kreuzheben maß. Am Freitagabend ging es in die Synagoge – ein ganz normales jüdisches Leben.

Mit Anfang 20, kurz nach seinem Medizinstudium, schickten ihn seine Eltern nach Israel in einen Kibbuz. Genau das Richtige für den ungeschickten Sohn, bevor er seine Karriere als Arzt beginnt, dachte sein Vater. Sacks fand rasch Gefallen an dieser Idee. So reiste er nach Israel, wo er Englisch sprechen konnte und Hebräisch lernen wollte.

Der junge jüdische Staat gefiel ihm. Doch zu bleiben, kam ihm nicht in den Sinn, auch wenn ihn Eilat reizte, wo er beim Schnorcheln die Neurophysiologie von wirbellosen Tieren studieren konnte. Aber seine Eltern wurden nach einigen Monaten ungeduldig: Der Sohn hatte lange genug in Israel herumgetrödelt. Es war Zeit, zur Medizin zurückzukehren, im Krankenhaus zu arbeiten und Patienten zu behandeln.

Schwul Sacks’ Beziehung zu seinen Eltern blieb schwierig. Kurz vor seiner Israelreise hatte er ihnen gestanden, dass er schwul ist. Der konservative Vater wollte ihn daraufhin aus dem Haus werfen. Wie die Mutter las auch er gern und oft in der Bibel und kam über die Worte im 3. Buch Mose nie richtig hinweg: »Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.«

Sacks, der mehr als 50 Jahre in den USA lebte, sah ein bisschen so aus wie Sigmund Freud, und wie der berühmte Psychoanalytiker versuchte auch er, seine Wissenschaft in einzelnen feinsinnigen Fallgeschichten einem breiten Publikum verständlich zu machen. Er knüpfte damit an die medizinisch-literarische Tradition des 19. Jahrhunderts an, er hielt die Krankengeschichten von Patienten fest und machte namenlose Kranke berühmt.

Sacks war ein neugieriger, wacher Flaneur in seinem eigenen Universum, der in Krankheiten keine Störungen, sondern vielmehr »Auszeichnungen« erkannte. Menschen, deren Welt durch Abweichungen im Gehirn »verrückt« ist, waren für ihn nicht krank, sondern Persönlichkeiten mit faszinierenden Symptomen.

Dankbarkeit Seinen Tod hatte Sacks mit bewundernswerter Würde annonciert und eindrucksvoll die Bilanz seines Lebens gezogen: »Mein vorherrschendes Gefühl ist Dankbarkeit. Ich habe als Lesender und Schreibender mit der Welt verkehrt. Vor allem aber war ich ein bewusstes Wesen, ein denkendes Tier auf diesem schönen Planeten, und das allein war ein enormes Privileg und

Oliver Sacks starb am 30. August an den Folgen seiner Krebserkrankung im Alter von 82 Jahren in Manhattan. Ludger Heid

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