Medien

»Mein Herz blutet«

Unser Autor hat bei der Wächterpreis-Verleihung der deutschen Tagespresse scharfe Kritik geübt. Sein Vorwurf: Immer öfter werde bei Journalisten der Wunsch zum Vater der Fakten

von Michael Wolffsohn  10.06.2021 08:30 Uhr

»Ich bin süchtig nach Tageszeitungen«: Michael Wolffsohn Foto: picture alliance / imageBROKER

Unser Autor hat bei der Wächterpreis-Verleihung der deutschen Tagespresse scharfe Kritik geübt. Sein Vorwurf: Immer öfter werde bei Journalisten der Wunsch zum Vater der Fakten

von Michael Wolffsohn  10.06.2021 08:30 Uhr

Was ich Ihnen sage, wird Ihnen nicht gefallen. Zumindest nicht durchweg. Deshalb zuerst unsere Gemeinsamkeiten. Ich verzichte auf die Ihnen allen bekannten und auf der Website des Wächterpreises genannten Ziele und Absichten. Ja, ja, ja, absolute Zustimmung.

Ich gestehe außerdem: Ich bin süchtig. Süchtig nach der Tageszeitung, den Tageszeitungen. Nationalen und internationalen. Täglich. Elf an der Zahl. Es kritisiert Sie also ein Freund.

wachhund Der Begriff »Wächter« ist nicht nur positiv besetzt. Er ist ambivalent. Der Wächter als Wachhund gilt als positiv, obwohl (oder gerade weil?) potenziell beißend. Hoffentlich alles andere als positiv besetzt, ist der Wächter eines KZs. Ich muss den Gedanken nicht weiter ausführen. Insofern halte ich den Begriff »Wächterpreis« durchaus für problematisch.

Das Wort »Wächter« löst jedenfalls bei mir auch ungute Gefühle aus. Mag sein, dass ich als Enkel und Sohn jüdischer Schoa-Überlebender überempfindlich bin. Gerade in einer Zeit vermeintlicher oder auch echter Sprachsensibilität möchte ich darauf hingewiesen haben.

»Es kritisiert Sie ein Freund. Aber diese Festrede wird eine Brandrede.«

Für die ethische Ambivalenz des Wächterbegriffs habe ich den bestmöglichen Leumund, die Bibel. »Wächter« heißt auf Hebräisch »Schomer«. Kess fragt Kain Gott in Genesis 4,9: »Haschomer achi anochi«. Wörtlich: »Bin ich der Wächter meines Bruders?« Gemeint ist also der Wächter als Aufpasser, als Bevormunder, der die Selbstständigkeit des anderen einengt. Keineswegs positiv also. Wohl auch deshalb übersetzt Luther (auch die Einheitsbibel) »Schomer« nicht als »Wächter«, sondern Hüter, denn »Hüter« ist, anders als »Wächter«, eindeutig positiv besetzt.

problem Sicher unwillentlich und unwissentlich verweist »Wächter« im »Wächterpreis« auf ein fundamentales ethisches und zugleich professionelles Problem von Journalisten schlechthin: Bevormundung. In der Sprache der Politischen Philosophie ausgedrückt: »Die«, ja, »die« Journalisten (der Plural schließt jedwedes Geschlecht ein), die Journalisten sind der strukturellen Gefahr ausgesetzt, ihren eigenen Willen mit dem Allgemeinen Willen, im Sinne Jean-Jacques Rousseaus, gleichzusetzen.

Manche erliegen dieser Gefahr, andere nicht. Vorhanden ist sie immer, überall und bei jedem. Nicht nur bei Journalisten, auch Professoren und natürlich Politikern. Die Rede ist vom Wächter als Bevormunder beziehungsweise als Usurpator des Allgemeinen Willens.

»Wächter« im Wächterpreis orientiert sich am Ideal: Der Wächter als Hüter des und der »Guten« gegen das und die »Bösen«. Doch Vorsicht: Ist der vermeintlich Gute wirklich gut und umgekehrt der Böse wirklich böse? Wer sich selbst zum Wächter des Guten und auch Richtigen erklärt, könnte ja auch ein Schein-Guter sein, ein Fakten- und Moral-Usurpator. Fake statt Facts. Relotius & Co. (…)

qualitätsjournalismus Ohne Ausflüge in die Politische Philosophie und jedermann verständlich: Selbst im Qualitätsjournalismus maßen sich manche nicht selten an, ihre persönliche Darstellung, Analyse und erst recht ihre eigene Meinung für die einzig richtige zu halten. Auch ohne ausreichende Recherchen ist dabei der Wunsch der Vater der »Fakten«, die eben keine Fakten sind. Mal willentlich, mal nicht. Diese vermischen Tatsachen und eigene Meinung.

Negative Steigerungen sind denkbar und empirisch – auch bei ausgezeichneten Wächtern. Die Versuchung zu dieser Vermischung ist groß, denn die Masse der Konsumenten, sprich: Käufer, interessiert sich mehr für Emotionales als Rationales. Typisch dafür die Eingangsfrage an Fernseh- oder Radio-Reporter vor Ort: »Was fühlen Sie gerade?«

kontrolle Eine nicht seltene Steigerung jener Vermischung: Der vermeintliche oder echte Wächter präsentiert sich zugleich als Ankläger, Richter und moralische Instanz in einer Person, also als Formulierer und Exekutierer des Allgemeinen Willens, der bei Rousseau quasi Gottersatz ist und bei seinem gelehrigsten und gefährlichsten Schüler Robespierre Gottersatz wurde.

Wo sonst außer im Journalismus gibt es in demokratisch verfassten Staaten diese analytische, politische und moralische, säkularisiert quasi göttliche Multifunktionalität? Multifunktionalität ohne Kontrolle. Außer in den öffentlich-rechtlichen Medien – deren Qualität durch Kontrolle ebenso wenig verbessert oder ihr Bevormundungsgebaren verringert wird.

Die Medien als sogenannte »Vierte Gewalt« usurpieren somit in gewisser Weise die Funktionen der drei anderen Gewalten: der Legislative, Exekutive, Judikative. Mehr noch: Indem sie als Wächter vorgeben, den Allgemeinen Willen zu vergegenwärtigen, präsentieren sie sich als Volkes Stimme, letztlich als Souverän – und weil Souverän, agiert der Wächter ohne Kontrolle. Auf Dauer kann das nicht gut gehen. Und längst schon geht es nicht mehr gut.

»SCHEISSJUDEN« Die sozialen Medien florieren auch, weil die traditionelle Kundschaft der Wächter, also weite Teile der Öffentlichkeit, den Wächtern misstrauen. Nicht allen, aber sehr vielen. Und das oft aus gutem Grund. Nein, nicht »Lügenpresse«, aber eine oft emotionalisierte, ideologisierte, selbstgerechte, mehr normativ als analytisch, sachlich orientierte und oft politisch korrekte, sprich: uniformierte Presse.

Beispielhaft dafür die Berichterstattung vieler Top-Zeitungen über die scheinbar »nur« anti-israelischen, tatsächlich antisemitischen Demonstrationen arabischer und anderer Muslime im Mai 2021.

Tatsächlich hatten die Demonstranten zum Beispiel vor der Gelsenkirchener Synagoge »Scheißjuden, Scheißjuden!« gebrüllt. Berichtet wurde selbst von seriösen Topblättern zunächst nur über »anti-israelische Parolen«. Als wären die Täter unbekannt. Allein die vermeintliche Schmuddel-»BILD« benannte die muslimischen Brüllfanatiker und ihre linksextremistisch deutschen Bündnispartner.

Sieht deutscher Qualitätsjournalismus so aus? Dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und was nicht sein darf, darf nicht berichtet werden? Um das zu erleben, sind weder meine väterlichen Großeltern noch meine Eltern oder ich aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt.

grundgesetz Kein Zweifel, die renommierten liberalen deutschen Printmedien sind zu Recht renommiert, weil liberal. Sie stehen fest auf dem Boden des so bewährten Grundgesetzes. Zu Recht und dankenswerterweise achten sie genau, genauer, genauestens auf etwaige neonazistische Rückfälle, Anfälle oder Unfälle.

Sie lassen es dankenswerterweise auch nicht zu, dass Akteure unserer Gegenwart die NS-Vergangenheit ihrer Vorfahren verheimlichen oder gar verherrlichen. Sie sind dabei durchaus konsequent. Bei anderen. Nicht immer bei sich selbst. Ich nenne zwei Beispiele. Nicht nur der Wächterpreis will journalistische Leit- und Vorbilder auszeichnen. Auch der Henri-Nannen-Preis. Ebenso der Georg-von-Holtzbrinck-Preis.

Ein Beispiel: Henri Nannen hat sich zweifellos um die bundesdeutsche Demokratie verdient gemacht. Aber im Dritten Reich war er als SS-Mann NS-Propagandist. Nach 1945 die Metamorphose: Aus dem NS-und-SS-Mann wurde ein Liberaler. Von Saulus zu Paulus? Jedenfalls verschwieg Nannen bis 1979 seine braun-nazistische Vor- und Frühzeit. Vorbild?#

Allein die »Schmuddel-BILD« benannte muslimische Brüllfanatiker.

Ein anderes Beispiel: Der Gründervater der Holtzbrinck-Gruppen, Georg von Holtz­brinck, stieß bereits 1931 zum NS-Studentenbund und wurde Mitglied der NSDAP. Bis 1945 zum für ihn bitteren Ende, also bis 1945, profitierte er von Aufträgen aus NS-Staat, Partei und Wehrmacht. Sein ökonomischer Erfolg von 1933 bis 1945 war die Startrampe für den raketenhaften Aufstieg der Holtzbrinckhäuser in der Bundesrepublik.

ns-vergangenheit Im Jahr 2008 wurde die NS-Vergangenheit des Firmengründers, geschichtswissenschaftlich belegt, öffentlich. Noch heute trägt der Georg-von-Holtzbrinck-Preis den Namen dieses NS-Profiteurs. Das »Handelsblatt« gehört zu einem der Holtzbrinck­unternehmen. Beide tragen den Georg-von-Holtzbrinck-Preis. Im Herbst 2020 wies ich in der »Welt« auf die Unerträglichkeit des Preisnamens hin. Das Echo? Schweigen im Walde. Wächter? Wo?

Meine Festrede ist eine Brandrede, ihr Antrieb ist jedoch meine tiefe Verbundenheit mit und meine Sucht auf das Medium Zeitung. Mein Großvater Karl Wolffsohn war einer der Pioniere der deutschen Filmpublizistik, ich wollte einst Journalist werden, bin mit vielen Zeitungsjournalisten befreundet und wurde Historiker und Publizist. Mein Herz schlägt für »die« Zeitung. Mein Herz blutet.

Der Autor ist Historiker und Publizist. Die Rede hielt er vergangene Woche bei der diesjährigen Verleihung des Wächterpreises der Tagespresse.

TV-Tipp

Der neue Polizeiruf, Israel und die deutsche Schuld

In der neuen Folge spielt »Shtisel«-Star Dov Glickman einen israelischen Vater, der des Mordes verdächtigt wird

von Silke Nauschütz  03.12.2021

Medien

Antisemitismusvorwürfe: DW stellt Mitarbeiter während Prüfung frei

Geprüft werden die Anschuldigungen von Ahmad Mansour und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger

 03.12.2021

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter  02.12.2021

Nachruf

»Somewhere ...«

Zum Tod des Broadway-Komponisten und Musicaltexters Stephen Sondheim

von Axel Brüggemann  02.12.2021

Bildungsabteilung im Zentralrat

Erinnerung auf der Leinwand

Der Film als Medium des kulturellen Gedächtnisses. Zum Auftakt der Tagung wurde der Klassiker »Exodus« gezeigt

von Jens Balkenborg  02.12.2021

Finale

Der Rest der Welt

Adventskalender mit Chanukkaleuchter oder Es lebe die WIZO!

von Ayala Goldmann  02.12.2021

Chanukka

Dankbarkeit statt Frust

Dauer-Zoom und immer wieder verschobene Israel-Reisen – wie ein alter Segensspruch bei Corona-Missmut hilft

von Sophie Albers Ben Chamo  02.12.2021

TV-Doku

Wer kann uns schützen?

Richard C. Schneider geht den vielfältigen Formen des Antisemitismus nach

von Julia Bernstein  02.12.2021

Literatur

Dichterin und Salonière

Die Aufklärerin Esther Gad (1767–1836) aus Breslau war die erste deutsch-jüdische Schriftstellerin. In ihrem Werk offenbart sie sich als selbstbewusste Frau, die dem Rollenbild der Zeit kaum entsprach

von Christoph Schulte  01.12.2021