»Jojo Rabbit«

Mein Freund Adolf

Szene aus Taika Waititis Film »Jojo Rabbit« Foto: 2019 Twentieth Century Fox Film Corporation

Imaginäre Freunde stehen Kindern in harten Zeiten bei. Sie helfen ihnen, sich einen Reim auf eine unverständliche Welt zu machen. Der zehnjährige Jojo lebt in einer deutschen Kleinstadt in den letzten Monaten des Nazi-Regimes und will einfach nur dazugehören. Angeleitet und angefeuert von einem imaginären väterlichen Freund namens Adolf Hitler, will er bei der Hitlerjugend beweisen, dass auch er ein ganz harter Junge ist, scheitert aber schon an der Forderung, einen kleinen Hasen zu töten, was ihm den höhnischen Spitznamen Jojo Rabbit einbringt.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Noch ein bisschen unübersichtlicher wird sein Bild der nationalsozialistischen Welt, als er hinter einer Wand der Wohnung ein jüdisches Mädchen entdeckt, das seine alleinerziehende Mutter (Scarlett Johansson) dort versteckt hat. Einmal laufen sie gemeinsam über den Marktplatz, wo die Hochverräter am Pranger an einem Strick baumeln. Auf seine Frage, was sie getan haben, antwortet die Mutter: »Was sie konnten.« Was Jojo da noch nicht weiß, ist, dass auch sie sich im Widerstand engagiert.

Zwischen knalliger Komödie und finsterer Tragödie besteht in diesem Film eine enorme Fallhöhe. Dazu gehört auch, dass Regisseur und Drehbuchautor Taika Waititi den imaginären väterlichen Freund Adolf mit fröhlich chargierendem Quatschpotenzial selber spielt. Dass Waititi teils jüdische, teils Maori-Wurzeln hat, ist Teil des subversiven Humors. In seinem ganzen Auftreten übersteigert er das Pathos und die Emphase, die zum Nationalsozialismus gehörten, ins Komische, die ganze Absurdität, die den exaltierten Auftritten von Politikern und Gestapo-Gestalten aus heutiger Perspektive anhaftete.

Dass der Neuseeländer Waititi einen ziemlich irrwitzigen Humor hat, war schon zu spüren, als er in seinen schrägen Indie-Zeiten zusammen mit seinem Kumpel Jemaine Clement das fiktive Leben des Folkduos »Flights of the Conchords« seriell aufarbeitete und die eigenen Erfahrungen in einer studentischen Wohngemeinschaft in Wellington in »5 Zimmer, Küche, Sarg« auf eine Gemeinschaft uralter Vampire übertrug.

Seit Waititi vor zwei Jahren im Blockbuster »Thor: Ragnarok« die Riege der Avengers erfolgreich aufmischte, genießt er auch in Hollywood eine Art Carte Blanche, so dass er seinen schräg satirischen Humor nun auch auf die bittere Historie des Holocausts anwenden durfte, locker basierend auf dem Roman »Caging Skies« von Christine Leunen. So unterrichtet Captain Klenzendorf (gespielt von Sam Rockwell, der im hintersten Winkel seines schwarzen Herzens noch einen Funken von Menschlichkeit versteckt) im Camp der Hitlerjugend die Fächer Bücherverbrennung, Judenverfolgung und Granatenwerfen, während Rebel Wilson als Fräulein Rahm die Reichskinderproduktion propagiert: Sie selber habe dem Führer 18 kleine Arier geboren.

Doch hinter derart krachledernen Klischeefiguren erzählt »Jojo Rabbit« eine leise, warmherzige Geschichte über einen kleinen, verwirrten Jungen, der die Indoktrinierung mit Hassideologie durch die Freundschaft mit dem 16-jährigen jüdischen Mädchen Elsa (Thomasin McKenzie) überwindet. Stück für Stück erreicht sie, dass er die Vorhänge von der nationalsozialistischen Hasspropaganda zieht und dahinter die wahren Monstren erkennt.

Dabei hält Waititi zwischen den kontrastierenden Tonlagen eine waghalsige Balance. Einige stilistische Elemente erinnern entfernt an die Filme von Wes Anderson, etwa die symmetrischen Blicke in Puppenhausszenerien, rasante Kamerabewegungen, fidele Slapstickmomente und der verspielte Umgang mit der Musik, gleich in der ersten Szene, wenn eine deutsche Version des Beatles-Songs »I Want to Hold Your Hand« über jubelnde »Heil-Hitler«-Massen gelegt ist. Güte und Menschlichkeit als Waffen gegen das Übel des Nationalismus, das ist allemal eine Botschaft, die über ein knappes Jahrhundert hinweg noch immer erschreckend zeitgemäß ist.

New York

Nach Paul Simon wird auch Art Garfunkel 85

Mit Songs wie »The Sound of Silence« wurden Simon & Garfunkel weltberühmt – aber auch die Streits der beiden Schulfreunde aus New York sind legendär. Jetzt steht der nächste große Geburtstag an

von Christina Horsten  02.11.2026

Essay

Der neue Jude

Warum ich Mitleid mit den Deutschen habe, die bis heute nicht begreifen wollen, dass wir keine wehrlosen Opfer mehr sind, sondern starke, selbstbestimmte Menschen, die hart zurückschlagen, wenn man uns angreift

von Zeev Avrahami  02.11.2026

Baustelle der Jüdischen Akademie an einer Straße in Frankfurt am Main

Ort jüdischen Denkens

Jüdische Akademie öffnet in Frankfurt

Es soll ein Ort des Diskurses und der Begegnung sein: In Frankfurt wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet

 02.11.2026

Frankfurt

Eine Akademie für Deutschland

Heute wird die Jüdische Akademie feierlich eröffnet. Sie soll innerjüdische Debatten fördern und jüdische Perspektiven stärker in die Gesellschaft einbringen

von Josef Schuster  02.11.2026 Aktualisiert

Konferenz in Berlin

Wie die Schlagzeile das Israelbild formt

Bei einem Workshop an der Technischen Universität Berlin gingen Wissenschaftler und Journalisten der Frage nach, wie deutsche Medien über Israel berichten, welche Narrative dabei wirken und wo sich Fehler einschleichen

von Ralf Fischer  01.11.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Der ungelesene Bücherstapel oder Die Bibliografie des idealen Menschen

von Nicole Dreyfus  01.11.2026

Eröffnung

Museum Zwangsarbeit zeigt Ausstellung zu »unerwünschten Kindern«

Beziehungen zwischen Deutschen und Zwangsarbeitern im NS-Regime waren verboten. Trotzdem gab es diese Kontakte ebenso wie Kinder aus diesen Beziehungen. Eine Ausstellung in Weimar widmet sich den Geschichten der betroffenen Eltern und Kindern

 30.10.2026

Literatur

»Empfänger unbekannt«: Wenn ein Freund zum Feind wird

Die judenfeindlichen Novemberpogrome von 1938 jähren sich zum 88. Mal. Anlass, die Geschichte »Empfänger unbekannt« aus demselben Jahr zur Hand zu nehmen. Darin schlägt ein Jude zurück, mit überraschenden Mitteln

von Leticia Witte  30.10.2026

München

Julia Klöckner: Verteidigung jüdischen Lebens Aufgabe für alle

Jüdische Kultur ist in Deutschland tief verwurzelt. Zum 40. Mal wollen die Kulturtage diesen Reichtum würdigen. Für die Bundestagspräsidentin ein Anlass zu Mahnung und Hoffnung

 30.10.2026