Wuligers Woche

Mein Dilemma mit Bibi

Manchmal peinlich: Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Foto: Flash 90

Es hat sich etwas bewegt in Deutschland. Als Jude muss man sich nicht mehr total vom Zionismus distanzieren, um akzeptiert zu werden. Dass die Kinder Israels sich dem gleichnamigen Staat verbunden fühlen, wird inzwischen als eine Art ethnisch-kulturelle Macke geduldet.

Doch das Verständnis hat seine Grenzen: Bei Benjamin Netanjahu hört die Toleranz auf. »Kriegstreiber« und »Rechtspopulist« sind noch die nettesten Bezeichnungen, die der liberale Konsens für Israels Ministerpräsidenten kennt. Bibi ist als jüdische Hassfigur für aufgeklärte Westeuropäer das, was George Soros für Rechtspopulisten ist.

Meisterleistung Ich kann das irgendwie sogar verstehen. Ich mag den Mann auch nicht. Er ist laut und vulgär. Seine öffentlichen Auftritte ähneln denen von Modeschmuckverkäufern auf TV-Shoppingkanälen. Die Ethik mit Löffeln gefressen hat er auch nicht, glaubt man den israelischen Korruptionsermittlern. Und seine Gattin Sa­ra erst …

Dummerweise nur macht Netanjahu sicherheitspolitisch so gut wie alles richtig. Alleine schon, dass er verhindert hat, dass der Bürgerkrieg in Syrien auf Israel überschwappt, ist eine Meisterleistung. Und dass Israel, allen Widrigkeiten zum Trotz, heute weltpolitisch stärker dasteht als seit Langem, ist auch sein Verdienst. Aber sagen Sie das mal in guter Gesellschaft. Eher verzeiht man Ihnen einen lauten Rülpser.

Was mich tröstet, ist, dass ich mit meiner Einschätzung nicht alleine dastehe. Eine ganze Reihe Freunde, die, wie ich, eigentlich beim Wort »Likud« schon Pickel kriegen, gestehen mittlerweile zähneknirschend ein, dass Bibi keinen schlechten Job macht. Das teilen wir mit vielen Israelis. Es ist kein Zufall, dass inzwischen alle relevanten Parteien mehr oder minder auf seine Linie eingeschwenkt sind, bis hin zu den Sozialdemokraten.

Ausstrahlung Wenn der Mann nur nicht so peinlich wäre. Nach jeder Pressekonferenz von Netanjahu gerät man in Rechtfertigungszwang, nicht des Inhalts halber, sondern wegen der Form. Wahrscheinlich deshalb hoffen hierzulande viele, dass Netanjahu möglichst bald von jemandem mit angenehmerer Ausstrahlung abgelöst wird.

Favorit in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, vor allem bei den Frauen, ist derzeit Yair Lapid von der liberalen »Jesch Atid«-Partei. Der sieht nicht nur gut aus – angeblich wie George Clooney –, er hat auch angenehme Umgangsformen. Mit Lapid als Israels Premierminister wäre wahrscheinlich noch die krasseste Hardliner-Politik in Deutschland vermittelbar.

Leider sieht es derzeit nicht so aus, als ob der Wunsch bald in Erfüllung gehen könnte. In Umfragen liegt der Likud uneinholbar vorne. Wir werden wohl weiter angestrengt erklären müssen, dass, nur weil Bibi etwas sagt oder tut, es deshalb nicht automatisch falsch ist. Und hoffen, dass er trotzdem bald durch einen Sympathieträger ersetzt wird. In der Zwischenzeit gründe ich eine Selbsthilfegruppe, die Anonymen Netanjahu-Fans. »Guten Tag, ich heiße Mike und bin Bibi-Anhänger.«

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