Interview

»Meiden, kleiden, cremen«

Ärztin und Bestsellerautorin Yael Adler Foto: Jenny Siebold

Interview

»Meiden, kleiden, cremen«

Yael Adler über die aktuelle Hitzewelle und die Frage, welche Mittel wirklich helfen, um einen kühlen Kopf zu bewahren

von Lilly Wolter  20.07.2022 11:02 Uhr

Frau Adler, heute ist mit fast 40 Grad der heißeste Tag des Jahres in Deutschland. Welche Personen bedroht die enorme Hitze aktuell besonders?
Kleine Kinder, Schwangere, Vorerkrankte und ältere Menschen, deren Wasserhaushalt nicht mehr so gut funktioniert. Doch für alle gilt, dass sie das Trinken nicht vergessen sollten, auch wenn kein Durstgefühl da ist oder man gefühlt wenig schwitzt. Wir verlieren trotzdem oft unbemerkt viel Flüssigkeit. Das heißt, dass die 1,5 Liter, die normalerweise empfohlen werden, jetzt zu wenig sind.

Welcher Sonnenschutz ist der richtige?
Das Motto lautet: meiden, kleiden, cremen. Denn auch unter dem Sonnenschirm gibt es UV-Strahlen und auch im Schatten ganztags die langwelligen UVA-Strahlen. Sie lassen die Haut schneller altern und können ebenfalls – ähnlich wie die noch aggressiveren UVB-Strahlen – Hautkrebs verursachen. Gut schützende Produkte sind in Europa mit einem Siegel gekennzeichnet: »UVA« in einem Kreis.

In Israel tragen die Menschen in der Wüste eher lange leichte Stoffe und trinken warme Getränke. Ist das sinnvoll?
Ja, denn der textile Schutz fängt nicht nur UV-Strahlungen ab, sondern auch die Wärmestrahlung. Deswegen tragen die Beduinen auch ihre langen Gewänder. Lockere, nicht eng anliegende Kleidung bildet darunter eine bewegliche Luftschicht, die einen leichten kühlenden Effekt haben kann. Der Süden kann uns in dieser Zeit tatsächlich ein Vorbild sein. Zum Beispiel sollten wir uns zu den heißesten und sonnigsten Zeiten ins Haus zurückziehen und die Fenster von außen abdunkeln. Durchgelüftet werden sollte abends, nachts oder morgens, tagsüber aber nur, wenn es draußen tatsächlich kälter ist. Außerdem rate ich zu einer lauwarmen Dusche, da sie die Blutgefäße öffnet und unserem Körper dabei hilft, die innere Wärme nach außen abzuleiten. Kaltes Wasser bewirkt das Gegenteil.

Was halten Sie von Klimaanlagen?
Klimaanlagen wirken oft erkältungsfördernd, weil der Körper viel zu schnell von warm auf kalt schalten muss, die Schleimhäute auskühlen und austrocknen und ihre Abwehrkraft dadurch herabgesetzt wird. Der Ventilator ist vielleicht die bessere Idee, weil er eine Art Fahrtwind erzeugt. Die Klimaanlage hingegen entzieht der Luft die Feuchtigkeit und trocknet die Schleimhäute der Atemwege aus. Für Menschen, die unter Kreislaufproblemen leiden, bleibt die Klimaanlage oft aber die letzte Rettung.

Ab wann kann Hitze gefährlich werden?
Hitze wird immer dann gefährlich, wenn der Körper nicht mehr gegensteuern kann, durch körperliche Überanstrengung, zu wenig Trinken, Salzverlust, Überhitzung. Bei einem vorgeschädigten und dekompensierenden Kreislauf kann Hitze im schlimmsten Fall zu einem Kollaps führen. Ein großes Risiko ist auch, wenn Sonnenstrahlen zu stark auf unseren Kopf strahlen und so unser Gehirn erhitzt.

Was halten Sie von einem nationalen Hitzeschutzplan, um insbesondere Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen zu schützen, wie zum Beispiel vom Marburger Bund gefordert?
Als kurzfristige Maßnahme kann dies sicher helfen. Das größte Problem ist aber der Pflegekräftemangel. Wenn es genug Pfleger gäbe, könnte den Menschen auch regelmäßig und mehr Wasser verabreicht werden, das kommt leicht zu kurz. Außerdem braucht es mehr kühlendes Grün und Schatten durch Bäume. Architektur muss neu gedacht werden.

Mit der Ärztin sprach Lilly Wolter.

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