Michael Wolffsohn

Medien sind »emotionalisiert, ideologisiert«

Michael Wolffsohn (hier 2019 bei einer Veranstaltung von B’nai B’rith) sieht eine »grün-rote Hegemonie« in deutschen Redaktionen Foto: imago/Uwe Steinert

Der Publizist Michael Wolffsohn hat anlässlich der diesjährigen Verleihung des Wächterpreises der Tagespresse scharfe Kritik am Journalismus geübt. Es würden häufig Meinung und Fakten miteinander vermengt.

EINSEITIG »Meine Festrede ist eine Brandrede, ihr Antrieb ist jedoch meine tiefe Verbundenheit mit und meine Sucht auf das Medium Zeitung«, sagte Wolffsohn. »Selbst im Qualitätsjournalismus maßen sich manche nicht selten an, ihre persönliche Darstellung, Analyse und erst recht ihre eigene Meinung für die einzig richtige zu halten.«

Auch ohne ausreichende Recherchen sei dabei »der Wunsch der Vater der Fakten, die eben keine Fakten sind - mal willentlich, mal nicht«, so Wolffsohn bei der Online-Veranstaltung am Freitag. »Die Versuchung zu dieser Vermischung ist groß, denn die Masse der Konsumenten, sprich: Käufer, interessiert sich mehr für Emotionales als Rationales.«

Die Zusammensetzung der Redaktionen sei oft einseitig. »Umfragen dokumentieren seit Jahren die grün-rote Hegemonie unter Journalisten. Egal, ob gut oder schlecht, in der Gesamtgesellschaft kann von der grün-roten Hegemonie keine Rede sein.«

Weite Teile der Öffentlichkeit empfänden die »oft emotionalisierte, ideologisierte, selbstgerechte« Presse als uniform. Ein Beispiel sei die Berichterstattung dieser Tage über die Proteste gegen Israel in Deutschland, bei denen es sich in Wahrheit um antisemitische Demonstrationen von Muslimen gehandelt habe, sagte Wolfssohn.

SOZIALE MEDIEN »Sieht deutscher Qualitätsjournalismus so aus? Dass nicht sein kann, was nicht sein darf, und was nicht sein darf, darf nicht berichtet werden? Um das zu erleben, sind weder meine väterlichen Großeltern noch meine Eltern oder ich aus Israel nach Deutschland zurückgekehrt«, so der jüdische Historiker und Publizist. Auf Dauer könne das nicht gut gehen, wie sich auch in den sozialen Medien zeige. »Der Un- und Schwachsinn« grassiere dort auch, weil die Allgemeinheit die Bevormundung satt habe.

Hinzu komme, dass die sogenannte vierte Gewalt anders als Legislative, Exekutive und Judikative keiner Kontrolle unterworfen sei. »Wo sonst außer im Journalismus gibt es in demokratisch verfassten Staaten diese analytische, politische und moralische, säkularisiert quasi göttliche Multifunktionalität? Multifunktionalität ohne Kontrolle.«

Auszeichnungen wie der Wächterpreis reichten als Mittel der Selbstkontrolle nicht aus. »Ohne jedwede Zensur müssen Wege gefunden werden, wie diese Lücke im System unserer Gewaltenteilung geschlossen werden kann. Zum Wohle aller, auch des Rechts- und Medienwesens«, betonte Wolffsohn.

Weiter sagte, er erlebe den Begriff »Wächter« als ambivalent, da er einerseits zwar neutral sei, andererseit aber auch die KZs der Nazi-Zeit Wächter gehabt hätten. Dass der »Nannen Preis« nach dem einstigen SS-Mitglied Nannen und der »Georg von Holtzbrinck Preis« nach einem Profiteur des NS-Regimes benannt worden seien, kritisierte Wolffsohn in seiner Rede als unerträglich.

PREISTRÄGER 2021 Der Wächterpreis wird wie in jedem Jahr für drei journalistische Arbeiten verliehen. Der erste Preis, dotiert mit 10.000 Euro, geht an Birgit Emnet, Olaf Streubig und André Domes vom »Wiesbadener Kurier« für ihre Berichterstattung über Missstände bei der Arbeiterwohlfahrt.

Den zweiten Preis, dotiert mit 6000 Euro, hat die Jury an Christian Parth und Axel Spilcker vom »Kölner Stadt-Anzeiger« für eine Artikelserie zum Thema »Clans in NRW« vergeben. Den dritten Preis erhält Georg Haschnik von der »Frankfurter Rundschau« für seinen Artikel »Wie starb Jan H.? Die Geschichte einer Recherche«.

Die Preisverleihung war im vergangenen Jahr wegen der Corona-Pandemie ausgefallen und fand  diesmal virtuell statt. mth

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