Ruth Westheimer

Masel tov, Dr. Sex!

Zum 90. Geburtstag der deutsch-amerikanischen Sexualtherapeutin

von Judith Kessler  28.05.2018 20:41 Uhr

Schlagfertig und offenherzig, ohne je obszön zu sein: Ruth Westheimer ist ein Gesamtkunstwerk. Foto: Getty Images

Zum 90. Geburtstag der deutsch-amerikanischen Sexualtherapeutin

von Judith Kessler  28.05.2018 20:41 Uhr

Die Frau ist ein Gesamtkunstwerk: schlagfertig, offenherzig, ohne obszön zu sein, und streckenweise freiwillig oder auch mal unfreiwillig komisch. »Eine Kreuzung aus Henry Kissinger und Minnie Maus« nannte sie das »Wall Street Journal« einmal, in Anspielung auf dessen ebenfalls deutschen Akzent und ihre Körpergröße – so wie sie selbst sich gern als »einen Meter 40 konzentrierten Sex« bezeichnet. Die Rede ist von Dr. Ruth Westheimer, die am Montag in New York ihren 90. Geburtstag feiert.

Dass sie eines Tages weltweit den Ruf einer »Sex‐Päpstin« genießen würde, war ihr nicht in die Wiege gelegt. Geboren wurde Ruth Westheimer (der Name ihres dritten Ehemannes und des Vaters ihrer zwei Kinder) als Ruth Karola Siegel und Tochter jüdisch‐orthodoxer Eltern am 4. Juni 1928 in Wiesenfeld bei Frankfurt.

Nach den Novemberpogromen konnte sie Deutschland mit einem Kindertransport verlassen und überlebte den Krieg in der Schweiz in einem Kinderheim in Heiden, das allmählich zum Waisenhaus wurde – auch ihre Eltern und die meisten ihrer Verwandten wurden in Auschwitz ermordet. Geblieben ist ihr nur der hessische Dialekt, wenn sie Deutsch spricht.

israel 1945 ging die damals 17‐Jährige nach Palästina in einen Kibbuz, wurde bei der Hagana zur Scharfschützin ausgebildet (dass sie bis heute treffsicher ist, erzählt sie gern und oft) und kämpfte im israelischen Unabhängigkeitskrieg. »Ich könnte immer noch Handgranaten schmeißen, wenn es nötig wäre«, sagte sie vor einigen Jahren im Gespräch mit der Jüdischen Allgemeinen.

Doch an ihrem 20. Geburtstag bohrten sich Schrapnelle einer Artilleriegranate durch ihre Füße. Von der schweren Verletzung genesen, ging sie zunächst weiter nach Paris, studierte an der Sorbonne Psychologie und promovierte später – in Europa hatte sie keine Familie mehr – an der Columbia University in Sexualwissenschaft. Seitdem lebt und therapiert sie in Washington Heights, in New York, dort, wo sich nach dem Krieg viele deutsch‐jüdische Emigranten niedergelassen hatten.

Schlagartig berühmt wurde Ruth Westheimer vergleichsweise spät; ihre erstmals 1980 ausgestrahlte, 15‐minütige Radiosendung Sexually Speaking, in der sie den Anrufern unverblümte Ratschläge für guten Sex erteilte, war von Beginn an amerikaweit erfolgreich. Seitdem ist die kleine rundliche Frau mit der ulkigen Stimme nur noch »Dr. Ruth« – in Asien sagen die Menschen nur »Dr. Sex« zu ihr –, sie hat über 450 Fernsehsendungen bestritten, an renommierten Universitäten wie Yale, Harvard oder Princeton gelehrt, Tausende Fragen ihrer weltweiten Kundschaft beantwortet (aus denen sie einen großen Teil ihres Wissens schöpft, wie sie sagt) und ganze 44 Ratgeberbücher für einen freudvollen und neugierigen Umgang mit der körperlichen Liebe verfasst.

Talk‐Shows Viele ihrer Bestseller wurden auch ins Deutsche übertragen, etwa Sex für Dummies, ihre Autobiografie … und alles in einem Leben, ihre Mega‐Bestseller Silver Sex. Wie Sie Ihre Liebe lustvoll genießen und Himmlische Lust. Liebe und Sex in der jüdischen Kultur. Spätestens dieses Buch hat sie in den 90er‐Jahren auch in Deutschland der Allgemeinheit bekannt gemacht.

Seitdem ist sie hierzulande ein gern gesehener, äußerst unterhaltsamer Gast in Talkshows und als Referentin. Zuletzt war sie vor zwei Jahren Stargast des Zentralrats der Juden beim Gemeindetag in Berlin. (O‐Ton Ruth Westheimer: »Heute Abend will ich, dass ihr alle eine Position einnehmt, die ihr noch nie versucht habt. Dann müsst ihr mir das morgen zeigen, und ich sage etwas dazu.«)

Vermutlich hat Ruth Westheimer ihre Wirkung und ihren Ruhm nicht einmal sonderlich bahnbrechenden Neuigkeiten über Sexualität zu verdanken, sondern ihrer Menschen‐ und Sachkenntnis aus Tausenden Therapiesitzungen, gepaart mit dem Talent und der Chuzpe, die Dinge beim Namen zu nennen und sie in einer unnachahmlichen direkten und sprachwitzigen Art auszusprechen.

Zudem ist Ruth Westheimer nicht nur ein Energiebündel und Arbeitstier, sondern auch eine begnadete Selbstvermarkterin. Im Internet kursieren Hunderte Westheimer‐Selfies mit anderen Promis – von Schimon Peres bis Barack Obama –, Werbespots für Pepsi‐Cola oder Honda, Clips von Sex‐Beratungsserien im israelischen und britischen Fernsehen, es gibt ein Brettspiel, »Dr. Ruth’s Game of Good Sex«, und nicht zuletzt ein Broadway‐Theaterstück über sie.

twitter Sie selbst verweigert sich der Computerwelt zwar, lässt aber selbstverständlich einen YouTube‐Kanal und eine Website betreiben und kann sich über mehr als 90.000 Follower ihres Twitter‐Accounts @AskDrRuth freuen. Hier gibt sie Tipps für Sex bei Schneesturm an der Ostküste oder fragt ihre Fans: »Wenn Nord‐ und Südkorea sich versöhnen können, ist das nicht der richtige Moment für euch, alle eure Fehden zu begraben?« (Und stattdessen guten Sex zu haben und den Liebsten etwas ins Ohr zu flüstern, was den Vorteil gegenüber Textnachrichten hätte, dass die Russen die Kommunikation nicht hacken könnten.)

Für ihr Wirken hat die Ikone des Sex‐Talk im Laufe der Zeit alle denkbaren Preise, Ehrentitel und -doktorwürden abgeräumt – Ehrenpräsidentin des »Rates für Sexualität und Altern«, »Mutter des Jahres«, die Freiheitsmedaille der Stadt New York, den Israel Cultural Award der Israel Bonds, eine Goldmedaille des Internationalen Film‐ und Fernsehfestivals, die Leo‐Baeck‐ und die Magnus‐Hirschfeld‐Medaille, um nur einige zu nennen, und das »People Magazine« hat sie in seine Liste der faszinierendsten Menschen des Jahrhunderts aufgenommen.

Man weiß nicht so genau, was zuerst da war: Ruth Westheimers Ruhm oder ihr ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Jedenfalls scheint Dr. Ruth mit sich im Reinen zu sein, wenn sie beispielsweise sagt: »Sigmund Freud war in Bezug auf die Sexualität der Frau sehr ignorant. Er hat vermutlich meine Bücher nicht gelesen!« Und nein, nicht Juden hätten den besseren Sex, sondern alle, die von ihr gelernt hätten. Ob in Kairo, Delhi, Helsinki oder Berlin.

Judentum In ihren Vorträgen wird Westheimer nicht müde, die positiven Seiten der Sexualität im Judentum zu betonen. Anders als in vielen anderen Religio­nen sei Sex für Juden eben keine Sünde, sondern göttliches Gebot und zu mehr als zur Fortpflanzung gut. Sie zitiert gern die Anweisungen der alten Weisen zu lustförderndem Sex aller Art, die Verpflichtung des Mannes, seine Ehefrau zu befriedigen (aber nur diese), oder das Gebot zu sprechen – vor, über, beim Sex.

Auch deshalb könne sie selbst so offen über Sexualität sprechen, weil sie zwar nicht mehr orthodox und religiös, aber immer noch sehr jüdisch sei. Schließlich schöpfe sie ihre Weisheiten aus dem Talmud und der Bibel, der »ältesten und noch immer klügsten Anleitung zum Sex«, denn, so interpretiert Dr. Ruth: »Am Anfang war das Wort, und das Wort war Sex.«

Zweifellos hat die Sexualtherapeutin selbst einen großen Anteil daran, dass heute offener über Sexualität, Praktiken oder Probleme im Bett gesprochen werden kann, dass dem Thema das Schambehaftete, Tabuisierte genommen ist, wenngleich sie die allgegenwärtige Übersexualisierung und pornografische Bilderflut beklagt – da sei sie altmodisch, sagt sie. Doch die Fantasie sei etwas Wunderbares, man müsse sie immer wieder anregen, denn: »Langeweile ist der Tod der Lust.« Und egal, worum es geht – Orgasmen, Vibratoren, Penisgrößen, Schamhaar‐Rasuren, Viagra, Sex im Alter – Dr. Ruth spricht über alles und hat auf alles eine Antwort.

Ganz genau dürfe man da aber nicht hinschauen, ließ Henryk M. Broder einmal in dieser Zeitung wissen, Ruth Westheimer habe »ein Verhältnis zur Sexualität wie Erich von Däniken zu den Ufos«, auch sie verbinde das Fantastische mit dem irgendwie Möglichen (aber wahrscheinlich war Broder damals nur beleidigt, weil sie ihm als Moderator bei der Vorstellung ihres Buches über Sex im Judentum in der Berliner Jüdischen Gemeinde komplett die Show gestohlen hat).

Mythen Nun, einige »Fakten« sind tatsächlich wohl eher banal oder schlicht Mythen, etwa, dass Männer, die Frauen den Vortritt beim Orgasmus lassen, Söhne zeugen würden; einige Einstellungen, so zu außerehelichem Sex oder zur Homosexualität, sind antiquiert oder absurd (wie die, dass der Sex bei orthodoxen Ehepaaren an Schabbes besonders erotisch sei, schließlich würden diese vorher aus dem Hohelied rezitieren, oder dass Männer, die auf Männer stehen, eben die Augen beim Sex mit der Gattin schließen sollen).

Sicher gibt es nicht »den« jüdischen Sex, wie sie behauptet; ganz sicher pickt sich die »Sex‐Päpstin« gelegentlich einige Rosinen aus der Literatur, um ihre Thesen zu bestätigen, und mit Sicherheit lässt sich auch über einige ihrer anderen Positionen streiten – aber nicht, ob es berechtigt ist, dass sie weltweit als Dr. Ruth eine Ikone der Sexualberatung ist. Schon gar nicht an ihrem 90. Geburtstag.

Masel tov und bis 120, Dr. Ruth!

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