Interview

»Mandoline macht glücklich«

Avi Avital (44) wurde 2010 als erster Mandolinist überhaupt für einen Grammy nominiert. Foto: Stephan Pramme

Interview

»Mandoline macht glücklich«

Der israelische Musiker Avi Avital über das Instrument des Jahres 2023 und dessen zahlreiche Facetten

von Christine Schmitt  16.01.2023 17:10 Uhr

Herr Avital, die Mandoline ist von den Landesmusikräten Deutschlands zum Instrument des Jahres 2023 gewählt worden. Sie sind ihr offizieller Botschafter. Können Sie das Zupfinstrument, das vor 400 Jahren in Italien entstand, in zwei bis drei Sätzen beschreiben?
Es ist ein sehr familiäres, intimes und kommunikatives Instrument. Die Mandoline ist eine Globetrotterin und trägt viele Facetten und Sehnsüchte in sich.

Wo ist sie Ihnen zum ersten Mal begegnet?
Als ich acht Jahre alt war, hörte ich sie bei einem Nachbarn und bat meine Mutter, dass ich sie erlernen darf. Daraufhin besuchten wir die Probe eines Jugend-Mandolinenorchesters. Die 40 bis 50 Kinder spielten auf einem hohen Niveau, und sie sahen alle gut gelaunt aus. Die Musik war wunderschön, sodass ich unbedingt mitspielen wollte. Der Geiger Simcha Nathansohn, ein russischer Holocaust-Überlebender, unterrichtete mich dann. Das Ensemble war und ist der Stolz meiner Heimatstadt Beer Sheva.

Macht Mandoline spielen glücklich?
Auf jeden Fall: Sie ist so heiter, und jedes Kind kann sie spielen. Als ich sie das erste Mal berührte, war es für mich ein magischer Moment. Wenn man die Saiten zupft, entsteht sofort ein Ton, ohne dass man ein Meister sein muss. Bei der Klarinette beispielsweise ist das kaum möglich. Da die Mandoline keinen großen Raum mit ihren Tönen durchdringt, wirkt sie intim.

Auch die Musik von Vivaldi, der Sie mehrere Ihrer Aufnahmen gewidmet haben, stimmt einen meistens fröhlich …
Natürlich. Leider hat Vivaldi nur zwei Konzerte für die Mandoline geschrieben. Zum Vergleich: 46 für Fagott. Die damaligen Komponisten haben sich für das Amateurinstrument nicht interessiert und ignorierten es. In dem einen Originalkonzert von Vivaldi müssen die Streicher genauso zupfen wie der Mandolinenspieler. Da kann man nicht anders als lächeln.

Auch Beethoven und Mozart haben für Mandoline komponiert – allerdings sehr wenig.
1796 lernte Beethoven die junge böhmische Aristokratin Josephine Gräfin von Clary-Aldringen kennen. Sie war nicht nur eine hervorragende Sängerin, sondern spielte auch vorzüglich Mandoline. Beethoven komponierte für sie einige kleine hübsche Stücke, die erst Jahrzehnte nach seinem Tod als Werk ohne Opuszahl veröffentlicht wurden. Mozart wiederum lässt eine Arie in der Oper »Don Giovanni« von der Mandoline begleiten. Sie soll helfen, eine schöne Frau ans Fenster zu locken.

Mittlerweile sind zeitgenössische Komponisten am Werk, die vor allem Stücke schreiben, die Sie in Auftrag gegeben haben.
Die Transkriptionen von Geigenmusik sind schön, aber begrenzt. Nun freue ich mich über etwa 100 neue Werke, Konzerte, Solostücke und Kammermusik aus den vergangenen Jahren, die exklusiv für die Mandoline geschrieben sind. Darunter auch das wunderschöne und spannende Werk von dem Israeli Avner Dorman. Aber Mandolinisten spielen alles, was sie mögen, und kümmern sich nicht darum, ob es Arrangements oder spezielle Kompositionen sind.

Wie kommt es, dass so viele Israelis internationale Mandolinisten geworden sind?
Das ist ein Phänomen. Ich glaube, dass die Mandoline ein perfektes Instrument für Amateure ist, sie hat etwas Soziales und bringt die Menschen zusammen. Zwischen den 30er- und 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts hatte jeder Kibbuz ein Mandolinenorchester. In den Kibbuzim musste jeder Hebräisch sprechen, obwohl die meisten es nicht richtig konnten. Alle stammten ja aus unterschiedlichen Teilen der Welt.

Vielleicht war die Musik ihre gemeinsame Sprache?
Möglich. Viele kamen aus hochgebildeten Familien und waren musikalisch vorgebildet. Nun wollten sie ein Land aufbauen. Sie hatten oft ein schwieriges Verhältnis zu den Geigenvirtuosen wie Yehudi Menuhin und Jascha Heifetz, die, statt das Land urbar zu machen, im Fünf-Sterne-Hotel schliefen. Man kann die Mandoline auch spielen, nachdem man Kartoffeln ausgegraben hat, aber die Geige nicht. So stellte die Mandoline kein Risiko dar: Hochtalentierte Geiger würden den Kibbuz in Richtung New York verlassen, hochbegabte Mandolinisten aber würden bleiben.

Für Stradivari-Geigen werden teilweise Millionen ausgegeben. Wie ist das bei der Mandoline?
Sie sind ein wenig günstiger. Nein, im Ernst, sie sind richtig billig.

Der Israeli Arik Kerman hat sich dem Bau der Instrumente gewidmet. Er liebt die Mandoline und entschied sich, an ihrem Klang zu feilen …
Ich spiele auf einem Instrument von ihm. Dank seiner Instrumente ist es beispielsweise möglich, auch auf den tieferen Saiten in den höchsten Lagen zu spielen, und die erzeugten Töne klingen niemals erstickt oder dumpf; generell schwingen die Töne länger nach, und der Klang ist wärmer und freundlicher als bei traditionellen Instrumenten. Es ist seine Passion, das Instrument weiterzuentwickeln und zu perfektionieren. So kaufte er zum Beispiel bei einem Tonholzhändler in Frankfurt besseres Holz ein. Aber weil die Mandoline kein hohes Ansehen hatte, sagte er immer, dass er Bratschen baut. Erst später hat er das Geheimnis gelüftet. Arik ist mittlerweile über 80 Jahre alt, und viele schöne Instrumente sind durch seine Hände entstanden. Sie werden auf der ganzen Welt gespielt.

Sie sind nun Botschafter Ihres Instruments. Was wünschen Sie sich?
Vor zehn Jahren hätte man es für reine Utopie gehalten, dass die Mandoline einmal Ins­trument des Jahres wird. Sie hat nun eine Renaissance erlebt und ist eine feste Größe im Konzertleben. Ich möchte natürlich, dass sich die Menschen für dieses kleine Instrument, seine Klangfarbe und seinen Charakter interessieren und dass viele Mandolinen-Orchester entstehen und weitermachen. In Berlin weiß ich von dreien. Ich betrachte es als meine Aufgabe, die historische Lücke in der Mandolinenliteratur zu füllen, damit es in Zukunft keinen Mangel an Kompositionen für dieses Instrument gibt. Mein eigener Tournee-Plan ist auch gut gefüllt, mit klassischen Werken aus allen Epochen, aber auch mit Jazz und Klezmer.

Übernachten Sie bei der Tour dann in einem Fünf-Sterne-Hotel wie die Geigenvirtuosen, von denen Sie gesprochen haben?
Manchmal sogar in einem Hotel mit vier Sternen.

Vielen Dank für das Gespräch.
Ich könnte noch stundenlang erzählen.

Mit dem israelischen Mandolinisten sprach Christine Schmitt.

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