Omer Klein

»Man sollte immer die großen Dinge probieren«

Eine Größe in der internationalen Jazzszene: Pianist Omer Klein Foto: Peter Hönnemann

Omer Klein

»Man sollte immer die großen Dinge probieren«

Der Pianist ist »Artist in Residence« in der Alten Oper Frankfurt – auch mit einem eigenen Late-Night-Format

von Claudia Irle-Utsch  24.09.2024 09:31 Uhr

Herr Klein, wie haben Sie Ihre Jazz-Residenz an der Alten Oper Frankfurt entwickelt?
Gemeinsam haben Intendant Markus Fein, das Alte-Oper-Team und ich überlegt, was für meine Residenz interessant wäre. Die Frage war, was ein echter Höhepunkt der Saison sein könnte. Meine Idee war es, ein Sextett zu gründen, mit meinem Trio plus drei weiteren Musikern: zwei Bläsern, Saxofon oder Trompete, und mit Percussion. Diese Besetzung hat etwas zu tun mit meiner Leidenschaft für Musik aus Afrika und Brasilien. Ein anderes Format, das ich supercool finde, geht auf eine Anregung des Hauses zurück: eine »Late Night X« mit Jazz und Talk, bei der ich vom 24. bis 28. September beim »Fratopia«-Festival an jedem Abend mit einem von mir eingeladenen Gast ein Gespräch führe. Diese Konversation zwischen zwei kreativen Menschen über unterschiedliche Themen ist für mich ein Experiment und wird sicher spannend und inspirierend.

Wie finden Sie neue musikalische Ideen?
Musik kommt nicht nur von Musik. Musik braucht das, was im Englischen »expression« heißt. Dieses »Etwas-Sagen-Wollen« aus dir heraus. Bei guten Künstlern gibt es immer etwas sehr Individuelles und Persönliches, manchmal auch etwas Skurriles, das nicht unbedingt mit dem Zeitgeist einhergeht. Je mehr Input du hast, umso besser wird deine Musik. Du sagst etwas durch Musik. Aber was genau willst du sagen? Wie ist man als Musiker authentisch? Inspiration von außen ist natürlich wichtig, aber längst nicht alles. Ziemlich früh habe ich in meinem Leben verstanden, dass ich eklektisch vorgehe. Die Mischung von vielem ist mein Weg. Ich schöpfe Inspiration aus der Literatur, dem Film, der Kunst, auch aus dem Vermischen verschiedener Stile. Daraus entsteht die Basis für meine eigene musikalische Sprache. 

Damit gehen Sie auch über Grenzen, etwa bei Ihrem Liederzyklus »Ever So Lightly«, der beim Deutschen Jazzfestival Frankfurt am 23. Oktober Weltpremiere hat.
Das ist ein gutes Beispiel. Bei diesem Projekt arbeite ich zum ersten Mal mit englischen Texten. Das habe ich sonst nie gemacht. Zwar lese ich mein Leben lang auf Englisch, doch vertont habe ich bislang nur hebräische Texte. Meine Musik ist, selbst wenn sie ohne Worte auskommt, für mich immer Musik auf Hebräisch. Irgendwann kam die Anfrage von Olaf Stötzler, dem Orchestermanager der hr-Bigband, was ich gern einmal mit genau dieser Formation angehen möchte. Und plötzlich sah ich dieses Projekt: Texte von großartigen Dichtern aus Irland, England und den USA (wie Joyce, wie Whitman ...), meine Musik und eine Top-Sängerin aus den Vereinigten Staaten. Vielleicht schlummerte diese Idee schon zehn Jahre lang irgendwo in mir. Nun war die Gelegenheit da. Ich habe dann viel gelesen, war innerlich offen für wirklich starke Texte. Ich habe sie gefunden, habe komponiert und Sängerin Becca Stevens für das Projekt gewinnen können.

Brauchen Sie Ziele, die hoch angesetzt sind?
Meine Theorie ist, dass du nicht wissen kannst, was du vermagst, wenn du nicht auch große, manchmal ungewöhnliche Dinge ausprobierst. Man kann auch nicht wissen, wie talentiert man ist, wenn man keine großen Projekte probiert. Denn man wächst mit den Erfahrungen im Idealfall über sich hinaus. Deswegen bin ich immer offen. Ich mag es, mich persönlich wie musikalisch weiterzuentwickeln.

Ist das auch ein Modell für unsere Welt?
Ich glaube, dass viele Probleme nicht gelöst werden, weil sich die Verantwortlichen in ihrem Denken limitieren. Veränderung kann nur aus neuen Ideen wachsen.

Gilt das ebenso für die aktuelle politische Situation in Israel?
Die Situation dort ist so tragisch, so kompliziert. Ich sehe so wenig an Zuversicht und guter Absicht. Ich bin überhaupt nicht optimistisch, und das sage ich in meinem Leben sehr, sehr selten. Vermutlich wird es immer schlimmer, bevor es besser werden kann.

Sie haben Familie und Freunde in Israel ...
Ja. Und ich mache, was wir alle machen. Wir verfolgen die Nachrichten, die ganze Zeit. Wir reden und texten und whatsappen, um zu wissen, wie es unseren Lieben dort geht. Gleichzeitig versuchen wir natürlich, unsere Arbeit zu tun, gute Eltern, gute Freunde zu sein. Man kann nicht unentwegt grübeln und sich sorgen.

Wir stehen vor dem jüdischen Neujahrsfest. Feiern Sie Rosch Haschana und, wenn ja, wie?
Ja, wir feiern. Als Vater sind mir einige jüdische Feste wichtig, die ich gern mit meinen Kindern feiere: Pessach, Rosch Haschana, Chanukka. Die Kinder mögen das. Unser Ritual zum Neujahrsfest ist, ein wirklich gutes Essen zu kochen und es so richtig zu genießen.

Zur Person:

Omer Klein wurde 1982 in Israel geboren und wuchs in Netanya auf. Seine Großeltern wanderten aus Tunesien, Libyen und Ungarn nach Israel ein. Er studierte Klavier an einer musikalischen Highschool in Givatayim, bevor er als Stipendiat des New England Conservatory in Boston in die USA zog. Dort studierte er Jazz-Piano und klassisches Klavier. 2005 zog Klein nach New York und setzte sein Studium privat bei Fred Hersch fort. Er lebt mit der Schauspielerin Viola Pobitschka und ihren drei Kindern in Frankfurt.

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