Redezeit

»Man kann immer Glück finden«

Bernard Hiller Foto: Stephan Pramme

Herr Hiller, man kann viel über Ihre schauspielerischen Erfolge und das Coaching berühmter Hollywood‐Stars nachlesen. Aber was Ihr Privatleben angeht, findet man meistens nur Ihren Geburtsort Buenos Aires. 


Ja, dort haben meine Eltern nach dem Krieg gewohnt. Sie kamen aus Polen und Russland und haben während der Schoa fast alle Angehörigen verloren. Meine Mutter und mein Vater haben in einem Erdloch überlebt. Dann sind sie nach Argentinien gegangen. Wir haben auch mal eine gewisse Zeit in Frankfurt verbracht, das war schwierig. Und dann gab es die Möglichkeit, nach New York zu gehen.



Wie war Ihre Kindheit?


Es wurde viel gelacht und gesungen. Meine Eltern haben ausschließlich Jiddisch gesprochen. Es gibt ein Sprichwort: »Man braucht nur broyt mit teyater« – Brot mit Theater. Schon in Polen ist mein Vater oft ins Theater gegangen, und in New York dann ins Yiddish Theater. Meine erste Begegnung mit Shakespeare war »tsu seyn oder nicht tsu seyn, dos ist di Frage«. Schon früh habe ich gemerkt, dass ich das auch machen möchte.



Erinnern Sie sich an Ihre erste Rolle?


Ja, die hatte ich mit elf Jahren. Ich habe in einem Stück über die Arche Noah eine Schlange gespielt – in den Strumpfhosen meiner Mutter. Aber ich habe schon vorher viel für Freunde meiner Eltern gespielt und gesungen, weil sie es mochten, wenn die alten Lieder von einem jungen Menschen wiedergegeben wurden.



Wie verlief der Weg von der Leidenschaft zum Beruf?


In New York bin ich auf die »High School for Performing Arts« gegangen, die man aus dem Film »Fame« kennt. Dort habe ich mein Handwerk gelernt. In New York ist ja fast alles auf den Broadway ausgerichtet, also habe ich auch Tanz und Gesang studiert. Das war nicht leicht – ich sprach ja nur Jiddisch und brauchte zwei Jahre, bis ich Englisch konnte.



Haben Sie sich wie so viele junge Künstler als Gelegenheitsschauspieler durchgeschlagen?


Ja, wie man das am Anfang so macht – kleine Rollen in Werbespots und Filmen. Ich habe oft Rabbiner gespielt, Ärzte und Anwälte – also vor allem vermeintlich jüdische Rollen. Und wenn in einem Film Jiddisch gesprochen wurde, dann habe ich mit den Schauspielern geprobt und die Texte übersetzt. Zum Beispiel für »Mr. Saturday Night« mit Billy Crystal. Es sprechen ja nicht viele Menschen so wie ich Jiddisch – nur die Chassiden, und die sind nicht im Showgeschäft.



Waren das die ersten Schritte als Schauspiellehrer?


Ja, jemand wollte, dass ich ihn coache, und das habe ich gemacht. Diese Person hat dann einen Preis gewonnen, also wollten plötzlich alle zu mir. Damit hatte ich gar nicht gerechnet. Aber meine Mutter – der klügste Mensch, den ich kenne – hat mir gesagt, dass ich immer das machen soll, was gerade geht.



Was hat Ihre Methode von der anderer Schauspiellehrer unterschieden?


Das Schauspielstudium hing noch sehr in der Vergangenheit. »Method Acting« war einmal sehr wichtig, aber die Geschmäcker und Bedürfnisse ändern sich. Heute sehen viele Leute lieber Fernsehen – weil es näher an der Realität ist vielleicht. Ich habe gemerkt, dass Wahrhaftigkeit wichtig ist.




Was meinen Sie damit?


Nun, das, was wir gerade machen: Wir sitzen hier und unterhalten uns. In einem Film muss das auch so sein – da darf man nicht groß werden, theatralisch sein. Bei einem wahrhaftigen Schauspieler kommt niemand auf die Idee, dass er spielt. Früher hat man so getan. Heute muss man es wirklich fühlen, damit das Publikum es auch fühlt.



Sie haben auch »Life Coaching« in Ihren Unterricht integriert. Warum?


Talent ist nur die eine Seite. Wenn man nicht weiß, wie man mit Menschen sprechen muss, wie man Dinge erledigt, dann hilft die beste Begabung nicht. Das ist doch Verschwendung. Also zeige ich den Leuten, wie man erfolgreich wird.



Und welche Rolle spielt dabei Wahrhaftigkeit?


Jeder Mensch muss mutig genug sein, authentisch zu werden, sein authentisches Selbst erkennen. Und nichts ist schwieriger, als man selbst zu sein – weil die Welt dauernd sagt, dass man so oder so sein muss.



Authentizität bedeutet immer Glück?


Immer.

Aber was, wenn dieses authentische Selbst unglücklich und zerbrochen ist?



Jeder Mensch will verstanden und geliebt werden. Manche glauben vielleicht, dass sie authentisch unglücklich sind. Aber das sind sie nicht. Wir haben alle auch eine traurige und wütende Seite. Man muss nur alles rauslassen. Vielleicht mit einem Mentor, der zeigt, wie das geht. Wer seinem Herzen folgt, der ist immer glücklich. Egal, was man dafür tun muss, sein Leben umwerfen, seinen Job aufgeben.



Was ist Glück eigentlich?


Ein sinnvolles Leben führen und Zufriedenheit finden. Den Rest muss jeder selbst herausfinden. Alle Wege führen zum Glück. Zum Beispiel: Möchten Sie einen Job oder einen Job, der sie glücklich macht?



Viele Menschen hätten gerne einfach generell einen Job.



Nicht immer alles so kompliziert machen! Das ist auch eine Frage der Kultur: »Das Leben ist schwer«. Das stimmt nicht! Man muss nur lernen, Probleme anzunehmen und zu lösen. Schmerz kennt jeder, aber Leid ist optional. Die Welt gibt einem das, was man will. Man kann immer Glück finden. 



Es sei denn, etwas wirklich Furchtbares passiert, das man nicht beeinflussen kann.


Natürlich. Aber allein, dass Sie das erwähnen, zeigt mir doch schon, dass sie das immer im Hinterkopf haben. Ich sehe immer die positive Seite. Wir Juden sollten doch wegen unserer Geschichte pessimistisch sein. Aber die Holocaust‐Überlebenden, die ich kenne, sind alle erfolgreich und glücklich. Weil sie Optimisten sind.



Sie haben gesagt, dass alle Wege zum Glück führen. Aber führen nicht letztlich auch alle Wege in den Tod?


Natürlich! Niemand kommt hier lebend raus. Aber soll man deswegen auf das Ende warten? Soll man deshalb leiden? In meinen Kursen stelle ich immer diese Frage: Ihr habt noch eine Stunde zu leben, was tut ihr? Lieben, Spaß haben, froh sein. So sollte man sein Leben führen. Glückliche Gedanken haben bestimmte Schwingungen, das ist wissenschaftlich belegt.



Sie geben regelmäßig Kurse – wie das »Wrigley’s-Smile Seminar« in Berlin. Was erwartet die Teilnehmer dort?


Wir lernen die neuesten Schauspieltechniken, aber auch, wie man seine Träume verwirklicht und seine Bestimmung findet. Die besten Schüler nehme ich mit nach Los Angeles, um sie Produzenten und Regisseuren vorzustellen. Das mache ich gerne. Ich hoffe, dass mein Freund Leonardo DiCaprio vorbeischaut und ein paar Worte sagt. Kurz: die ungewöhnlichste Schauspielstunde der Welt.



Wie ist die Stimmung dabei?
Sehr angespannt! Aber man braucht Druck, um einen Diamanten zu pressen. Das ist ein guter Druck. Jeder verlässt den Kurs stärker und besser. Es ist eine sehr positive Erfahrung. Das ist die Haupterkenntnis: Wer glaubt, dass die Welt schwer ist, für den wird sie es auch sein. Die Welt ist so, wie man sie haben will.

Mit dem Coach und Schauspieler sprach Fabian Wolff.

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