Film

Lust am Voyeurismus

Natalie Portman (r.) und Julianne Moore Foto: IMAGO/Landmark Media

Schon die erste Einstellung zeigt eine perfekte Familienidylle: Gracie Atherton (Julianne Moore) wirbelt in luftiger Sommerkleidung durch ihr Haus in Savannah (Georgia) und hat mit Blick auf den Grill nur eine Sorge: dass die Hotdogs nicht ausreichen!

In der amerikanischen Mittelschicht gilt es, um jeden Preis den Schein zu wahren. Regisseur Todd Haynes setzt darauf von Anbeginn, um im Verlauf des zweistündigen Films (Schein-)Wahrheiten zu konstruieren und zu entlarven. Die Doppelbödigkeit seiner Figuren ist ein wichtiges Leitmotiv von May December, der im vergangenen Jahr bei den Filmfestspielen in Cannes im offiziellen Wettbewerb gezeigt wurde.

Schnell zeigt sich, dass die  Familienidylle tiefe Risse hat, die es zu übertünchen gilt. Haynes macht dies auf filmisch beeindruckende Weise deutlich, in dem er konsequent auf Künstlichkeit und Pastiche setzt.

Schon der Filmtitel May December verweist auf den deutlichen Altersunterschied der Partner jenseits der Normvorstellungen. Die englische Redewendung bezieht sich auf  ein romantisches Verhältnis zwischen einer jungen und einer älteren Person in ihrem Lebensfrühling beziehungsweise Lebenswinter.

Die Beziehung einer älteren Frau zu ihrem 20 Jahre jüngerem Schüler, der im Film Joe Yoo heißt (dargestellt von Charles Melton), sorgte in den 90er-Jahren in den USA für Schlagzeilen: eine Story, auf die sich die Lokal- und Boulevardmedien stürzten. Erst nachdem die Frau wegen Verführung des Minderjährigen eine Haft absaß und währenddessen ihr erstes Kind zur Welt brachte, zog das Paar zusammen, heiratete und bekam weiteren Nachwuchs.

Brisanter Stoff für eine Hollywoodverfilmung! Hier tritt Elizabeth (Natalie Portman) auf den Plan. Mit dem Ansinnen, in einer Verfilmung des Skandals die Hauptrolle zu geben, dringt die Schauspielerin langsam in die Familienwelt ein, studiert die Lebensgeschichte von Gracie, aber auch ihre Mimik und Gestik, denn schließlich soll sie diese Figur später verkörpern – und findet eine perverse Lust daran, die sie antreibt ...

May December stellt Fragen zu Lebenslügen und Verantwortung

May December stellt Fragen zu Lebenslügen und Verantwortung. Joe erscheint von Anbeginn als Opfer. Meist sitzt er apathisch vor dem Fernseher auf dem Sofa oder mäht den Rasen und folgt den Marotten seiner älteren Frau. Es braucht eine dritte Person von außen (in Gestalt der gleichaltrigen, verführerischen Elizabeth), um ihm zu spiegeln, dass es vielleicht zu früh für ihn war, mit 13 eine Beziehung fürs Leben einzugehen. Wann ist ein Mensch reif genug, um zu entscheiden, was er will? Doch auch Gracie ist Opfer gesellschaftlicher Vorurteile. Die Nachbarn mobben sie. So sieht man Joe auch noch 20 Jahre später Pakete mit Hundekot vor dem Gartentor wegräumen.

Regisseur Haynes setzt Elizabeth nicht nur ein, um Risse freizulegen – er inszeniert die beiden zerbrechlichen, sich optisch ähnelnden Frauen, wie sie fast zu ein und derselben Person verschmelzen. Besonders deutlich wird dies in einer Spiegel-Szene (die an Ingmar Bergmans Psychodrama Persona erinnert), in der Gracie Elizabeth zeigt, wie sie sich schminkt. Und er setzt auf Metaphern aus der Tierwelt, etwa auf Bilder von Larven, die zu Raupen und dann zu Schmetterlingen werden.

Während Gracie und Joe in ihrem Ehealltag gefangen scheinen, genießt Elizabeth die Charakterstudie und provoziert. In einer Frage-und Antwort-Runde in der Schule von Gracies Kindern gibt sie freizügig preis, sie genieße es, moralisch ambivalente Charaktere auf der Leinwand zu verkörpern.

Bei aller Künstlichkeit, die anfangs befremdet, entgleiten der Zuschauerin die Figuren, und es liegt eine unheimliche Beklemmung über dem Film. Die vermeintliche »Echtheit« wird durch die Betonung der Nachahmung konsequent infrage gestellt. Je mehr die Schauspielerin Elizabeth betont, etwas Echtem nahezukommen, desto mehr entfernt sie sich davon. Natalie Portman lässt sich auf das ironische Spiel in Todd Haynes’ kunstvoller Regie-Arbeit ein und fasziniert in der Rolle der Elizabeth. Wie bereits in Black Swan (2010) verkörpert sie die Doppelbödigkeit der Figur Oscar-reif.

Todd Haynes ist ein tiefgründiger Thriller gelungen, der nicht zuletzt die Abgründe der Unterhaltungsindustrie spiegelt. May December ist ein sehenswerter Arthouse-Film, der in Länge und Langsamkeit seiner Einstellungen vor allem Filmliebhaber fesseln dürfte.

Der Film ist ab dem 30. Mai im Kino zu sehen.


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