Erinnerung

Ludwig der Zerrissene

Ludwig Thoma (1912) Foto: imago images/Mary Evans

Erinnerung

Ludwig der Zerrissene

Der bayerische Literat Ludwig Thoma schrieb antisemitische Texte und liebte eine Jüdin – er starb vor 100 Jahren

von Barbara Just  25.08.2021 12:10 Uhr

Sommer 1921. Resignation hatte sich bei Ludwig Thoma (1867-1921) breitgemacht. Der Erste Weltkrieg war verloren, sein bester Freund, der Bestseller-Autor Ludwig Ganghofer, im Jahr zuvor gestorben, und er saß - unglücklich verliebt - einsam in seinem Haus auf der Tuften am Tegernsee.

Der Literat litt lang schon unter Magenschmerzen. Am 6. August unterzog er sich einer Operation in München. Die Diagnose: Magenkrebs. Er aber glaubte, mit leichten Gerichten nach »Mamas Rezept« wie Brennsuppe oder Kalbfleisch die Sache in den Griff zu bekommen. Doch am 26. August 1921 starb der 54-Jährige abends um halb zehn.

TESTAMENT In der guten Stube seines Landhauses, deren Wände Gams- und Hirschgeweihe zierten, wurde der leidenschaftliche Jäger im offenen Sarg aufgebahrt. Sein Testament hatte er wenige Tage zuvor gemacht.

Maria von Liebermann (1884-1971), sein »Maidi«, wurde Haupterbin, seine noch drei lebenden Geschwister bekamen die Pflichtteile zugewiesen. Die letzte Ruhe fand der Dichter am Friedhof von Rottach-Egern neben dem Grab von Ganghofer.

Im »Miesbacher Anzeiger« publizierte er 1920/21 etliche Hetzbeiträge gegen Juden und Demokratie.

Die Nachrufe auf ihn fielen respektvoll und differenziert aus. Theodor Wolff würdigte Thoma im »Berliner Tageblatt« als »feinnervigen Menschenkenner und rücksichtslosen Satiriker« vom »Simplicissimus«. Er habe seine Pflicht als Vorkämpfer gegen alles Engherzige und Kleinstädtische erfüllt; zudem habe seine »resolute, ja zornige Liebe« den bayerischen Bauern gegolten.

HETZE Dass sich der Dichter nach bitterer Kriegserfahrung verändert hatte, war den meisten der Weggefährten bewusst. Aber nicht allen war bekannt, dass jene 167 Hetzbeiträge gegen Juden und Demokratie, die 1920/21 im »Miesbacher Anzeiger« erschienen, aus seiner Feder stammten.

Wer war dieser Thoma, der mit Romanen wie »Der Ruepp« oder »Andreas Vöst« und mit Theaterstücken wie »Moral« oder »Maria Magdalena« den Autoritäten von Kirche und Staat den Spiegel vorhielt? Auf alle Fälle eine vielschichtige Person, die grob und liebevoll, realistisch und sentimental sein konnte.

Eine, die gegen die »Pfaffen« hetzte, aber mit »Der heiligen Nacht« die Weihnachtsgeschichte auf anrührende Weise ins Bairische übertrug; und eine, die widerliche antisemitische Beiträge schrieb und von ganzem Herzen eine Jüdin liebte. Kurzum: ein Zerrissener.

FAMILIE Zur Welt kommt Thoma am 21. Januar 1867 in Oberammergau als fünftes von acht Kindern. Der Vater, ein Oberförster, stirbt, als Ludwig sieben Jahre alt ist. Die Mutter muss die große Familie nun allein durchbringen. Sie betreibt eine Gastwirtschaft in Prien und später noch andere Gasthöfe. 

Ludwig kommt derweil zu Verwandten, die ihm eine Ausbildung ermöglichen. Er gilt als renitenter Schüler, der sich gegen Obrigkeiten wehrt und mehrmals die Schulen wechseln muss. Später wird er die Zeit in den »Lausbubengeschichten« verarbeiten.

Ludwig Thomas Angebetete Maria von Liebermann (1884-1971) wurde seine Haupterbin.

Nach dem Abitur 1886 beginnt Thoma in Aschaffenburg ein Studium der Forstwirtschaft. Nach zwei Semestern ist Schluss. Er wechselt nach München, um Jura zu studieren. All dies kostet, doch die Mutter sowie Verwandte und Freunde unterstützen ihn. 1894 eröffnet Thoma in Dachau eine Kanzlei.

SCHREIBEN Wie schon der Vater ist auch er deutsch-national gesinnt. Der Bayer schätzt Otto von Bismarck und dessen Eintreten für die kleindeutsche Lösung. Erste Zeitungsartikel von Thoma erscheinen, bis er sich ganz aufs Schreiben verlegt.

Ab 1899 lebt der Jurist in München und wird fester Mitarbeiter beim »Simplicissimus«. Daneben hat er Erfolg mit Romanen und Theaterstücken. Thoma etabliert sich als Schriftsteller und leistet sich ein Haus am Tegernsee, wo er 1908 mit seiner Frau Marietta di Rigardo (1880-1966) einzieht.

Die philippinisch-schweizerische Tänzerin musste sich erst scheiden lassen. Thoma fand deren Gatten mit Geld ab. 1911 folgt auch bei den Thomas die Scheidung. Doch so richtig los kommen sie nicht voneinander.

Erst als der 51-Jährige im August 1918 auf Maria trifft, glaubt er, endlich seinem Leben einen Inhalt geben zu können. Auch sie ist verheiratet. Wie ein Minnesänger versucht er, die Angebetete zu erobern. Zahlreiche Briefe schreiben sich die zwei, zur Hochzeit kommt es nicht. Dafür wird sie 1971 im Grab rechts neben ihm beerdigt.

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