Daniel Donskoy

»London ist relaxter«

Daniel Donskoy Foto: picture alliance / SvenSimon

Herr Donskoy, »Freitagnacht Jews« geht in die zweite Runde. Jetzt waren Sie in London, Tel Aviv und Buenos Aires unterwegs. Ist Ihnen Deutschland zu klein geworden?
Deutschland ist mir nicht zu klein geworden, aber die jüdischen Perspektiven im Ausland erschienen mir oft spitzer, ehrlicher und präg­nanter. Nicht so kuratiert und performativ, wie es leider so oft in Deutschland passiert. Nach der ersten Staffel, in der wir Perspektiven beleuchten konnten, die vorher mehrheitlich kein Gehör im öffentlich-rechtlichen Universum bekommen haben, waren in der zweiten Staffel die Reisen für uns die einzig richtige und organische Weiterentwicklung dieser Show.

Sie wollen sich vom deutschen, neurotischen Blick, der zwischen Philosemitismus und Antisemitismus gefangen sei, lösen. Was ist damit gemeint?
Gefangen zwischen den jährlichen »Nie wieder!«-Bekundungen und dem Umgang – auch dem der Politik – mit der documenta. Gefangen zwischen dem ganz unkritischen »Wir stehen an der Seite Israels« und dem Gedanken, dass Antisemitismus ja nur am Rande der Gesellschaft stattfindet. Oft erlebt man Menschen, die selbst zwei oder drei jüdische Freunde haben und dennoch unerklärlichen Narrativen folgen, und die einem plausibel erklären wollen, warum eine kulturell basierte Form des Antisemitismus okay ist. Ich würde mich freuen, wenn ich nicht plakativ erklären müsste, was antisemitisch ist und was nicht. Man kann auf sein Gefühl vertrauen: Wo Antisemitismus draufsteht, ist meistens Antisemitismus drin.

Macht es woanders mehr Spaß, Jude zu sein?
Sagen wir so, für mich ist es zurzeit in London auf jeden Fall relaxter.

Wollen Sie nichtjüdischen Deutschen also zeigen, dass es entspannter laufen kann?
Wenn das am Ende als Einziges bei den Zuschauerinnen hängen bleibt, haben wir etwas falsch gemacht. Wir vergleichen natürlich die gesellschaftlichen Strukturen und gehen wieder mit prägnanten Thesen in die Gesprächssituationen. Aber natürlich ist es nicht einfach überall besser. In der Türkei ist das meine Leitfrage, ob es in einem mehrheitlich muslimischen Land, dessen Regierung den Islam politisch instrumentalisiert, überhaupt eine Zukunft für ein freies jüdisches Leben geben kann. In Deutschland macht es vielleicht nicht immer Spaß, es kann auch gefährlich werden – aber zumindest sehe ich hier immer noch eine klare Zukunft für jüdisches Leben.

Welche Erfahrungen aus der ersten Staffel fließen in die neuen Folgen mit ein?
Dass 25 Minuten Sendezeit nicht genügen. Dass wir uns noch mehr trauen können und wollen. Die neuen Folgen sind tiefer und beobachtender, ohne den Humor aus dem Fokus zu verlieren. Der WDR hat zumindest in Sachen Programmierung keine Erfahrungen einfließen lassen: »Freitagnacht Jews« Staffel 2 läuft am Stück mitten in der Nacht. Na ja, das große Festjahr ist vorbei.

Mit dem Schauspieler sprach Ralf Balke.

Schwäbisch Hall

Wenn Elefanten Synagogen tragen

In der kleinen Stadt sind die beiden einzigen erhaltenen Werke des Synagogenmalers Elieser Sussmann zu sehen – Paneele aus der Betstube von Unterlimpurg und der Frauenschul von Steinbach

von Michael Schleicher  09.06.2026

Interview

»Selbst ernannte progressive Linke haben offenbar das völkische Denken gelernt. Das ist alles so absurd«

Der Kabarettist Dieter Nuhr über den Erhalt des Leo-Baeck-Preises, Solidarität mit Israel und Kritik an seiner Person

von Detlef David Kauschke  09.06.2026

Fußball

Fußball auf dem Appellplatz von Buchenwald

Seit der Europameisterschaft 2024 erinnert die Gedenkstätte Buchenwald im Internet an Fußballer, Funktionäre und Spiele im ehemaligen Konzentrationslager. Der Appellplatz war Spielstätte, Häftlinge konnten kurz dem Lageralltag entfliehen

von Matthias Thüsing  09.06.2026

Hollywood

Zoë Kravitz jagt Bankräuber

In der Action-Komödien-Thriller »How to Rob a Bank« spielt die jüdische Darstellerin eine Software-Ingenieurin unter Hausarrest

 09.06.2026

Kulturkolumne

Über Langzeitbeziehungen und Affären

Warum ich Esther Perel verehre

von Laura Cazés  09.06.2026

Zeitgeschichte

Georges-Arthur Goldschmidt sieht Guillotine am Beginn der Schoa

Der französisch-deutsche Schriftsteller sagte in einem Interview »Diese Normalisierung der Todesstrafe hat Europa zerstört.«

 09.06.2026

Kino

Spielbergs »Disclosure Day« feiert Kinostart

Als Inspiration für dieses Projekt nennt der jüdische Regisseur einen »New York Times«-Artikel über geheime UFO-Programme des Pentagon

 09.06.2026

Berliner Revue

»Berlin, Du coole Sau!«: Sharon Brauner auf Tour

Es handelt sich um eine der aufwändigsten Bühnenproduktionen ihrer Karriere. Im Herbst beginnt die Deutschlandtournee

 08.06.2026

Kommentar

Der Hass trägt heute Palästinaflaggen

Wie der kulturelle Boykott Israels die Ausgrenzung von Juden normalisiert

von Sarah Maria Sander  07.06.2026