Bücher

Lob der Langsamkeit

Der Roman verlangt Konzentration – und das Aushalten von Stille. Foto: Thinkstock, Montage: Marco Limberg

Literatur schreibt Welt. Sie schreibt sie mit. Literatur ist ein aktiver Bestandteil der Weltmetamorphose, weil sie die subjektive Wahrheit eines oder mehrerer Menschen auf eine Weise festschreibt, wie wir sie in Geschichtsbüchern nicht finden können. Geschichtsbücher vergegenständlichen die Verhältnisse, meist aus der Perspektive derjenigen, die Deutungshoheit haben, Literatur hingegen vergegenwärtigt unser Erleben, also auch das Erleben derer, die etwa in den Abendnachrichten oder in den Tageszeitungen selbst sprechen.

Literarische Bücher schärfen wie kein anderes Medium unsere Wahrnehmung, weil sie uns zur Aufmerksamkeit über längere Strecken zwingen. Konsequent teilnehmendes Lesen funktioniert nicht mit einem Handy in der Hand. Dem selbstauferlegten Zwang, spontan Stellung zu nehmen zum Alltagsgeschehen, widerspricht der Roman von seinem Wesen her. Er verlangt Konzentration – und dass wir Stille aushalten.

lesende Auf unserem Telefon blinken Nachrichten, und auf dem Computer beunruhigt das Tagesgeschehen. Aber wenn wir uns auf einen literarischen Text einlassen, sind wir bei uns. Und vielleicht ist dies der beängstigendste aller Orte. Vielleicht geht die Zahl derer, die lesen, auch deshalb zurück, weil es immer mehr Gelegenheiten gibt, von sich selbst wegzuschauen, nicht in die eigenen Abgründe blicken zu müssen. Doch ist das nichts, was die Lesenden von den Nicht-Lesenden trennt.

Wir alle haben Angst vor der Zeit, in der wir allein mit uns sind. Wir alle empfinden zuweilen Scham und Sprachlosigkeit gegenüber den eigenen, oft rätselhaften inneren Welten. Also lenken wir uns ab, halten uns beschäftigt, um keine Ruhe einkehren zu lassen, sammeln vorzeigbare Nachweise unserer Aktivitäten. Wir alle tun das und werden damit Teil einer Gesellschaft, die von Individuen gestaltet wird, die über sich selbst so wenig wie möglich wissen wollen.

Die Unverbindlichkeit der Meinungsäußerungen in sozialen Netzwerken fördert die Ungenauigkeit der Gedanken, die auch die Kommunikationswege im Alltag immer unpräziser macht. Es scheint immer weniger notwendig, einen Satz zu Ende zu denken. Wir werden immer ungeduldiger. Wir sind unzufrieden. Es geht uns zu langsam. Wir wollen Ergebnisse – jetzt gleich sofort.

fortschritt Aber die kindliche Enttäuschung darüber, dass man die Einlösung gegebener Versprechen oft genug nicht direkt erlebt, ist Unsinn angesichts des Laufs der Geschichte: Wo wäre die Menschenrechtsbewegung, ließe sie nach jeder nichterfüllten Forderung die Schultern hängen? Jüngst verwies die US-Bürgerrechtlerin Angela Davis beim Oakland Book Festival darauf, dass allein die Tatsache ihrer Präsenz auf einem prominent besetzten Podium dieses Festivals die Folge jener Kämpfe sei, die seit Hunderten von Jahren geführt werden. Wir müssen anfangen, damit Frieden zu schließen, dass wir für einen Fortschritt kämpfen, den wir womöglich nicht mehr erleben werden.

Aber das entwertet nichts. Im Gegenteil. So widersprechen wir den bellenden Stimmen unserer Zeit, die sich im Minutentakt mit Kampfrhetorik zu übertrumpfen versuchen: Die Rede von atomaren Angriffen, totaler Zerschlagung und kompletter Auslöschung ist politische Tagesroutine. Literatur aber ist zweifelnd, sie ist langsam und steht damit im größten Gegensatz zu jedem selbstherrlich diktatorischen Duktus. Sie widersetzt sich jeder Vereinnahmung. Romane kann man nicht umschreiben, Geschichtsbücher schon.

Nicht umsonst sind die Schreibenden oft genug die Ersten, die von autokratischen Regimen verfolgt werden. Die Feder ist ein gefährliches Werkzeug, weil sie nicht verhandelbare Wirklichkeiten herstellt – Literatur schuldet der Realpolitik keine Rechenschaft. Sie ist zeitlos, sie ist dringlich, sie entspringt einer Wunde. »Wir sind Chronisten«, schreibt der Autor James Baldwin und verweist darauf, dass keiner über die Gesellschaft mehr zu sagen hat als die Dichter – nicht die Staatsmänner, erst recht nicht die Generäle und auch nicht die Priester. Und dass viele jener Dichter womöglich die Zeit nicht mehr erleben, in der andere sich von ihren Empfindungen und Einsichten mitreißen lassen und danach zu handeln beginnen, ändert nichts an dieser Gewissheit.

menschheitsgeschichte Die verlässlichste Quelle der Menschheitsgeschichte ist seit jeher die Poesie. Man kann sie nicht updaten. Man kann sie nicht liften und photoshoppen. Gedichte, Dramen, Romane und Erzählungen sind die Veranschaulichung aller Nuancen menschlichen Empfindens, und sie sind in der Behauptung dieser existenziellen Befindlichkeiten immer wahr.

Nehmen wir uns die Zeit, die uns Literatur abverlangt mit all ihren Nebenschauplätzen und Abschweifungen, genießen wir ein einzigartiges Privileg: Wir sind in der Lage, das Leben anderer mitzuleben, und begreifen so etwas von unserer eigenen Existenz. In einer Welt, in der Politiker mit Ungeduld als Tugend für ihre Zwecke werben, können wir nur Widerstand leisten, indem wir anhalten und denken. Genau das machen Lesende. Sie wissen, dass die Wahrheit nicht schnell zu haben ist.

Die Autorin ist Schriftstellerin und lebt in Berlin. Ihr Roman »Außer sich« stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2017.

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