»Sommer in Brandenburg«

Liebe in Zeiten der Hachschara

Einem wenig erforschten und beachteten Geschehen der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg und der Schoa widmet sich der Schweizer Urs Faes in seinem Roman Sommer in Brandenburg. Als die Lage junger jüdischer Menschen nach 1933 in Deutschland und später in Österreich immer prekärer wird, werden in mehreren europäischen Ländern Ausbildungsstätten errichtet, in denen junge Juden landwirtschaftliche Fertigkeiten erlernen.

»Hachschara« heißt die Bewegung, die auf das Leben in den noch jungen Kibbuzim Palästinas vorbereitet. In Bauernhöfen in Deutschland, Österreich und Frankreich können jeweils bis zu 30 Jugendliche unter Anleitung die Viehzucht erlernen, Hühnerställe betreiben, Obst- und Ackerbau erproben.

Und immer gehört eine Vorbereitung auf das Leben in der neuen Heimat, dem noch zu gründenden Staat Israel, zum Ausbildungsprogramm: Hebräisch, Bibel- und Landeskunde, die Geschichte des jüdischen Volkes werden hier unterrichtet. Bis zu einem Jahr bleiben die jungen Städter auf den Höfen, um dann über Marseille oder Triest mit dem Schiff nach Haifa zu gelangen. Nicht alle halten es allerdings dann in den Kibbuzim aus. Denn die landwirtschaftliche Arbeit in der ungewohnten Hitze im damals kargen Land, in dem einst angeblich Milch und Honig geflossen sein sollen, ist hart.

spurensuche In Sommer in Brandenburg erzählt Faes vom Schicksal zweier dieser jungen Menschen, die sich im Jahr 1938 in Ahrensdorf bei Trebbin unweit von Berlin bei der Hachschara kennenlernen. Lissy Harb aus Wien und Ron Berend aus Hamburg haben sich der zionistischen Bewegung Makkabi Hatzair angeschlossen, um Europa zu verlassen und ein neues Leben anzufangen. Faes, in dessen Romanen wiederholt Menschen geschildert werden, die vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet sind, ist auf besondere Weise zu seinem Stoff gekommen.

Kurz nachdem 2007 sein Roman Liebesarchiv erschien, meldete sich bei ihm ein Leser aus Hamburg, der das in einer Fotografie auf dem Buchcover abgebildete junge Paar zu kennen meinte. Faes, promovierter Historiker, ging dem Umschlagbild nach, fuhr nach Hamburg, Berlin, Trebbin, Tel Aviv, Degania am See Genezareth und Jerusalem, durchforstete Bibliotheken und Archive, besuchte Zeitzeugen und suchte Schauplätze auf, an denen sich seine beiden Protagonisten kennengelernt und wieder verloren hatten.

Mehrere Erzählstränge verwebt Faes in dem Roman. Da ist der Fotograf, der in Deutschland kurz vor der Katastrophe noch von einem Hachschara-Lager zum nächsten unterwegs ist und die jungen Menschen bei der Arbeit porträtiert. Das reale Foto, das am Anfang dieses Buchs stand, hatte Herbert Sonnenfeld gemacht. Sein Bildarchiv hat über die USA den Weg ins Diasporamuseum Beth Hatfutsot in Tel Aviv gefunden. Faes gibt dem Fotografen im Roman einen anderen Namen und schildert, wie es zu jenem Bild gekommen sein könnte, das ihn zur umfangreichen Recherche geführt hat.

Das harte Leben und die Entbehrungen der jungen Städter auf dem Land, die Bedrohung durch junge Nazis, die auf einem nahen Flugfeld zu Piloten ausgebildet werden, die ersten Verhaftungswellen, denen die angehenden Pioniere und ihre Familienangehörigen zum Opfer fallen und die langsam aufkeimende Liebe von Lissy Harb und Ron Berend werden mehrmals durch Kapitel unterbrochen, die den Titel »Nacherzählen« tragen. In ihnen wird jeweils die Zeitebene und die Erzählperspektive auf kunstvolle Weise ergänzt.

warten
Unerträglich muss das Warten der jungen Leute auf die Ausreisebewilligung aus Deutschland gewesen sein. In kleinen Gruppen nur durften sie Ahrensdorf verlassen, um nach Palästina auszureisen, denn die Bewilligungen wurden in Berlin sehr zögerlich ausgesprochen. Zusätzlich erschwerend war, dass die britischen Mandatsbehörden Palästinas die Einwanderung von Juden stark drosselten.

Nach langem Warten erhält Lissie Harb eine Ausreisegenehmigung, ihr Freund Ron, der mit ihr leben will, wartet vergeblich. Faes schildert die Trennung der beiden und die Suche eines Ahrensdorfers, den er als »Chronisten« bezeichnet, Jahrzehnte später nach den ehemaligen Bewohnern des Hachschara-Hofs. Dieser Chronist wiederum liefert dem Erzähler Hinweise auf das Leben der Bewohner und Namen von ehemaligen Ahrensdorfern, die in Israel leben.

Die Geschichte eines fast vergessenen Aspekts der Zeit unmittelbar vor der Schoa, das Schicksal junger Menschen, die von Gymnasien und Universitäten ausgeschlossen wurden, stimmungsvolle Landschaftsschilderungen aus Brandenburg und aus dem Jordantal, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sowie die Geschichte eines Fotografen und einer Fotoserie sind markante Teile dieses berührenden Romans.

Urs Faes: »Sommer in Brandenburg«. Roman. Suhrkamp, Berlin 2014, 292 S., 19,95 €

Am Freitag, den 14. März, um 19 Uhr liest Urs Faes aus seinem Roman im Ariowitsch-Haus, Hinrichsenstraße 14, Leipzig.

Berlin

»Die Zukunft interessiert mich nicht mehr so furchtbar dolle«

Ein Chor von über 90-jährigen Menschen probt erstmals im Jüdischen Museum

von Nina Schmedding  04.09.2026

Kino

»Zur Not machen wir es in einem Badezimmer«

Zum elften Mal findet in Berlin das israelische Filmfestival »Seret« statt. Trotz schwieriger Zeiten denken die Veranstalter nicht daran aufzugeben

von Leon Stork  04.09.2026

Israel-Hasserin El Hissy

Jüdische Gemeinde Frankfurt übt scharfe Kritik am Börsenverein des Deutschen Buchhandels

Die Hintergründe

 04.09.2026

Musik

»Ein Tribut an David Bowie«

Daniel Donskoy über das gefeierte neue Musical »Rebel Rebel« und das Erbe des legendären britischen Sängers

von Ralf Balke  04.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  04.09.2026

Junge Israelis, die von Beta Israel, äthiopischen Juden, abstammen

Hamburg

2,5 Millionen Euro für Erforschung religiöser jüdischer Handschriften

Sophia Dege-Müller, Expertin für äthiopische Handschriften, erforscht religiöse Handschriften der äthiopischen Juden, der sogenannten Beta Israel. Ihre bis zu 500 Jahre alten Schriften seien bislang kaum wissenschaftlich untersucht worden

 03.09.2026

Medien

Wie »Die Zeit« den fanatischen Israelhasser Zohran Mamdani zur politischen Lichtgestalt umdeutet

von Regula Stämpfli  03.09.2026

Debatte

Öffentlich-Rechtliche Medien: Macht euren Job, aber macht ihn besser!

Ein Appell von Esther Schapira

von Esther Schapira  03.09.2026

Medien

Stephan-Andreas Casdorff ist wieder für den »Tagesspiegel« tätig

Die KI-generierten Meinungstexte von Stephan-Andreas Casdorff im »Tagesspiegel« hatten in der Branche für viel Aufruhr gesorgt. Seit Juni hatte der Ex-Chefredakteur seine Tätigkeit ruhen lassen. Nun kehrt er zurück

von Jana Ballweber  03.09.2026